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Krefeld: Markus-Passion - geheimnisvoll und strahlend

Krefeld : Markus-Passion - geheimnisvoll und strahlend

Crescendo-Chor, Oratorienorchester und Solisten glänzten mit der Aufführung von Bachs unvollständig erhaltenem Werk.

Es liegt ein Geheimnis über dem Werk. Johann Sebastian Bachs Markus-Passion existiert praktisch nicht mehr. Die vermutlich einzige überlieferte Abschrift der Partitur gilt als verschollen. Nur das Libretto ist erhalten - und deshalb bedeutet es immer ein gehöriges Stück Musikarchäologie, das Werk aufzuführen. Heinz Peter Kortmann hat eine gute Hand für Musik und Klangfarben. Und so erlebten die Zuhörer in der bis auf wenige Plätze voll besetzten St.Josefskirche (Stadtmitte) eine wundervolle Aufführung mit dem Crescendo-Chor und dem Rheinischen Oratorienorchester.

Mehr als 1000 Werke sind von Johann Sebastian Bach erhalten. In seinen 65 Lebensjahren hat der Komponist auch Arbeitsökonomie gepflegt. Er hat Partien, Motive und Themen aus seinen früheren Werken übernommen, überarbeitet, neu vertextet und eingebaut. Darauf berufen sich die Experten, wenn sie die Lücken der Markus-Passion füllen. Die beiden großen Chöre, die sechs Arien und die Choräle stammen verbrieft aus Bachs Feder: So ist das Werk, das im Bachschen Verzeichnis die Nummer 247 trägt, am Karfreitag 1731 in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt worden. Bei den Ergänzungen der Rezitative und Turbachöre (Volkschöre) gibt es eine Reihe von Bearbeitungen. Kortmann hat sich für eine Fassung von Austin Harvey Gomme von 2004 entscheiden, der die Evangelienpartien von Reinhard Keiser (1674-1739) adaptiert, eines Zeitgenossen Bachs, der dessen Musik bekanntlich sehr schätzte.

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Sehr gutes Timing beim Chor

Dennoch besteht die Gefahr einer Patchworkarbeit, bei der grobe Nähte das Gesamtbild stören. Doch da ist der Crescendo-Chor als erfahrener Oratorienchor vor: Die Sänger ließen sich auf jedes Farbmuster ein und fügten hochwertige Partien zu einem stimmungsvollen Ganzen. Mit ausgesprochen gutem Timing ließ der Chor, der erstmals durch seine neue Kinder- und Jugendabteilung ergänzt und daher mit sehr frischen, hellen Zusatzfarben ausgestattet war, die Passionsgeschichte in tausend Farben leuchten.

Schon der Auftakt "Geh, Jesu, zu deiner Pein" entfaltete die Kraft, mit der der Chor seine Zuhörer über zwei Stunden in Bann hielt. Crescendo - das An- und Abschwellen des Klangvolumens - war nicht nur Name sondern Programm. Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, den Text in jedem Moment verständlich und dennoch mit großer emotionaler Strahlkraft erzählte der Chor die Leidensgeschichte Jesu vom Gang nach Gethsemane bis zum Grab. Das Oratorienorchester entpuppte sich einmal mehr als gut eingespielter Crescendo-Partner. Die Instrumentalisten stützten die Sänger, mischten die Klangfarben aber selbstbewusst mit ab. So hatten Passagen wie das Staccato in "Kreuziget ihn!" eine enorme Wirkung.

Bariton mit "Seele" in der Stimme

Der Bariton Justus Seeger sang die Bass-Partie des Jesus - ein guter Griff. Seine warme Stimme hat Seele. Er führte in die Abgründe der Ängste und Verzweiflung und gab der Düsternis der Todesnähe viel Tiefe und zeigte vor allem die menschlichen Züge des Gottesssohns.

Mark Heines hoher, leuchtfähiger Tenor als Erzähler bot einen Kontrast, der zu dem Passions-Puzzle von alten und neuen Musikteilen passte. Ewa Stoschek (Sopran), Ulrike Kamps-Paulsen und Felix Schmidt (Tenor) hatten vor allem in ihren Arien Raum, sich zu entfalten und großen Anteil an einem runden Gesamteindruck. Von Stückelei keine Spur. Aber das Geheimnisvolle des Werks blieb erhalten.

Das Publikum dankte mit langem und vehementem Beifall.

(RP)