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Krefeld: Margot Käßmann über Toleranz

Krefeld : Margot Käßmann über Toleranz

Die evangelische Theologin sprach beim Mennonitischen Gemeindetag zum Thema "Reformation und Toleranz - eine Lerngeschichte". Ihr Appell: Toleranz darf kein Synonym für Gleichgültigkeit sein.

Als gläubiger Christ kennt man diese Frage: Warum sollte der eigene Glaube der rechte sein? Wie kann man als toleranter Mensch eigentlich an seinen Glauben glauben, wo es so viele andere Glaubenswege gibt? Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, sprach gestern beim Mennonitischen Gemeindetag vor 900 Zuhörern im Seidenweberhaus über "Reformation und Toleranz" - mit einem Satz zum Ende des Vortrags lieferte sie die Antwort auf die drängende Frage.

 Die evangelische Theologin Margot Käßmann gestern im Seidenweberhaus - im Hintergrund links neben ihr sitzt der ehemalige Krefelder Kulturdezernent Roland Schiffer.
Die evangelische Theologin Margot Käßmann gestern im Seidenweberhaus - im Hintergrund links neben ihr sitzt der ehemalige Krefelder Kulturdezernent Roland Schiffer. Foto: Lothar Strücken

Käßmann sagte: "Ich kann den Glauben anderer tolerieren, weil ich in meinem Glauben beheimatet bin." Wenn sie Leute klagen hört, dass die Moscheen so voll sind, denke sie immer: "Dann geht doch in die Kirche!"

"Das Eigene lieben, den anderen achten", ist das Leitwort des Mennonitischen Gemeindetages. In diesem Sinne war Käßmanns einstündiger Vortrag, den sie im kurzen blauen Rock und weißen Oberteil hielt ("Oh, Minirock" hörte man eine Frau in der hinteren Reihe bei Käßmanns Gang zum Rednerpult leise stöhnen), ein Appell für die Toleranz bei gleichzeitiger Warnung vor Gleichgültigkeit. Nur im Dialog könne man Toleranz gewinnen, forderte Käßmann: "Es geht nicht um Kompromisse, es geht um hart errungene Toleranz", sagte sie an einer Stelle. Und an einer anderen, wo es um ihre persönlichen Erfahrungen mit Glaubensrichtungen geht: "Ich bin lutherischer geworden, je mehr ich mich mit anderen Glaubenswegen befasst habe."

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Die ersten Minuten - ein Par-Force-Ritt durch 500 Jahre Reformationsgeschichte. Luthers Thesen, der Sonderweg der Mennoniten mit der Erwachsenentaufe, Streit, Gewalt, bis hin zu Konfessionskriegen. Die Theologin sprach nur wenig über das, weswegen hunderte Mennoniten nach Krefeld gekommen waren - das Miteinander in den reformatorischen Kirchen. Sie wurde stattdessen genereller: Die Reformation, so ihre Bilanz, sei eine "Geschichte der Intoleranz", eine von "Gewalt, Vertreibung und Flucht". "Der Fundamentalismus ist irreführend in jeder Religion", bilanzierte sie. Aus heutiger Sicht aber will sie weniger den Aspekt der Spaltung betonen, sondern Reformation als "Ausdifferenzierung" verstanden wissen. Käßmann: "Die Täuferbewegung war Teil der Reformation."

Längst gibt es viele Verbindungen von Mennoniten und evangelischen Christen. So schilderte die Theologin ein Erlebnis während eines Kirchentreffens, bei dem sie unbedingt den Satz im Programm unterbringen wollte, dass es eine "Dekade zur Überwindung von Gewalt" geben müsse. Dreimal habe sie den reingeschrieben, dreimal sei er wieder rausgeflogen. Frustriert sei sie schließlich ins Flugzeug gestiegen. Es sei dann der Mennonit Fernando Enns gewesen, der in Abwesenheit Käßmanns diesen Satz ins Programm nahm - dafür dankte sie dem gestern anwesenden Ens noch einmal ausdrücklich und stellte sich selbst in Frage. "Vielleicht sind wir Lutheraner zu sehr in Strukturen verhaftet?" Die Mennoniten hingegen seien lockerer. Ruf aus dem Publikum: "Nein, wir sind sturer." Allgemeines Schmunzeln.

Das ist so ein Dialog, wie er der Käßmann, die immer wieder auf einer Metaebene ihren eigenen Vortrag zu unterbrechen vermochte, gefällt. Schlusswort von Paulus: "Prüfe alles, das Gute behaltet." Dann die Prüfung für Käßmann -mit einer Fragestunde.

(RP)