Krefeld: Lenssens Leben in Alarmbereitschaft

Krefeld : Lenssens Leben in Alarmbereitschaft

Ulrich Lenssen ist Krefelds erster Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes. Eigentlich sollte er schon im Ruhestand sein.

Die Jacke ist locker aufgeknöpft. Auf dem Schreibtisch dampft ein Kaffee. Der Ärztliche Leiter des Krefelder Rettungsdienstes lächelt entspannt. So könnte der Ruhestand aussehen, in den Ulrich Lenssen laut Plan am 31. Januar treten sollte. Könnte, tut er aber nicht. Lenssen ist im Dienst - wie eigentlich immer. Die Jacke gehört zu seiner Uniform, der Kaffee steht auf einem Schreibtisch der Feuerwache 2; daneben liegen drei Handys, und auf dem Hof wartet "sein" NEF, das rot-weiße Notarzteinsatzfahrzeug - sein zweites Zuhause.

"Da es für mich noch keinen Nachfolger gibt, wurde mein Vertrag um ein halbes Jahr verlängert", erklärt der 65-Jährige. Er scheint über die weitere Beschäftigung keineswegs unglücklich zu sein. "Ich mache meine Arbeit gern und bin sehr froh, dass wir in Krefeld ein gut funktionierendes System haben. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, dass dies auch künftig so bleibt. Deswegen möchte ich meinen Nachfolger gerne einarbeiten und ihm bei Problemen, falls welche auftauchen, zur Seite stehen."

Ulrich Lenssen ist ein Macher. Wer ihn kennt, weiß, dass der engagierte Arzt eigentlich nie Feierabend hat. "Ich bin jeden Tag im Dienst. Das stimmt. In der Wochen als Leiter des Rettungsdienstes und am Wochenende dann als Notarzt. Dadurch habe ich aber auch einen guten Einblick, was in Krefeld funktioniert und wo möglicherweise nachgebessert werden muss."

Muss nachgebessert werden, spricht Lenssen Defizite an - ohne um den heißen Brei zu reden. Mit seiner offenen Art hat sich der gebürtige Krefelder in der Stadtverwaltung nicht immer Freunde gemacht. Aber: "Das gehört bei einem solchen Job dazu. Da muss man manchmal anecken und sich einmischen, damit am Ende alles klappt. Im Rettungsdienst kommt es auf Zeit und reibungslose Handlungsabläufe an. Jede Sekunde zählt."

In einem Leben in Alarmbereitschaft ist kaum Zeit für müßige Stunden. "Freizeit hat für mich auch keinen so hohen Wert. Meine Eltern, die in Krefeld ein Textilunternehmen führten, haben auch beide bis ins hohe Alter gearbeitet. Ich finde, arbeiten hält fit", sagt Lenssen. Entsprechend unternehmungslustig ist der gelernte Hand- und Notfall-Chirurg auch im Urlaub. Er bereist gern die Welt, die er sich als Hobby-Pilot wann immer es geht, von oben ansieht. "Früher habe ich noch Squash gespielt und bin Ski gefahren. Das geht gesundheitlich heute nicht mehr. Aber ich chartere immer noch gerne eine Maschine auf dem Flugplatz in Mönchengladbach und erkunde im Urlaub die Meereswelt als Taucher."

Obwohl Lenssen nie heiratete, hat er doch viele Söhne - bei der Feuerwehr. "Das ist meine Familie. Es sind alles Söhne, und ich finde toll, was sie alles leisten. Aber wahrscheinlich bin ich den Jungs auf der Wache zu oft da und stecke meine neugierige Nase in zu viele Sachen", vermutet der quirlige Senior und zwinkert belustigt mit den Augen.

Besonders gern erinnert sich Lenssen an die Geburten in Rettungswagen. Zehn Babys hat er bis jetzt im fahrbaren Untersatz auf die Welt geholt. Eins wurde nach ihm benannt und trägt den Vornamen Ulrich. "Ich weiß noch, wie das Kind Ende der 80er Jahre vor dem Nordbahnhof zur Welt kam. Der Vater stand mit seinen Freunden vor dem Rettungswagen, und die haben ihn immer hochgeworfen, damit er was sehen kann. Das war ein Bild, das ich nie vergessen werde."

Vergessen wird er auch den schweren Autobahnunfall Mitte der 80er nicht. Ein Geisterfahrer war nachts auf der A 57 bei Gartenstadt unterwegs. Bei dem Unfall, den er verursachte, starben vier Menschen, vier wurden schwer verletzt. "Das war ein sehr eindrucksvoller Einsatz. Alles war dunkel. Nur ein Auto brannte", erinnert sich der Leitende Notarzt, der erst nach einem BWL-Studium zur Medizin kam.

1984 übernahm der junge Arzt kommissarisch den Posten im Rettungsdienst. Ehrenamtlich. Eine Stelle als Ärztlicher Leiter Rettungsdienst gab es in Krefeld erst ab 1999. "Dafür musste ich auf die Hälfte meines Gehaltes, das ich in der Klinik bekommen habe, verzichten. Es hat sich aber gezeigt, dass es richtig war, eine solche Schnittstelle zwischen Medizin und Rettungsdienst zu schaffen. Das hat sich sehr bewährt."

Macht das Alter auch einen Ulrich Lenssen etwas ruhiger? Der bekennende Workaholic grinst. "Auf jeden Fall. Ich freue mich schon auf die vielen Verlegungstransporte in den nächsten Jahren. Da die Krankenhäuser ja alle voll sind, müssen sie häufig Patienten verlegen. Und da muss, je nach Zustand des Patienten, ein Arzt dabei sein. Das ist die klassische Aufgabe für ältere Herren."

(RP)