Kunstmuseen Krefeld zeigen, wo Picasso seine Inspiration fand in der Schau "Tradition & Avantgarde"

Kunstmuseen Krefeld : Wo Picasso seine Inspiration fand

In dieser Ausstellung möchte man einfach nur schauen: Farben, Formen, Vielfalt. „Folklore & Avantgarde“ im Kaiser-Wilhelm-Museum ist ein visuelles Erlebnis. Sie zeigt, wie große Künstler der Moderne sich von der Tradition beeinflussen ließen – und erforscht unbehandeltes Terrain.

Die Frage darf man sich mal stellen: Woher hatte Picasso eigentlich seine Inspiration? Eine Antwort ist das Pariser Musée du Trocadéro. Dort sah er 1907 Masken und Skulpturen aus Afrika und Ozeanien, die für die Weltausstellung 1878 nach Europa gebracht worden waren. Da muss es Klick gemacht haben. Pablo Picasso setzte sich intensiv mit afrikanischer Volkskunst auseinander. Der Spanier interessierte sich auch für die eigenen Wurzeln und begann, iberische Kleinplastiken zu sammeln. Objekte aus seiner Kollektion sind jetzt im Kaiser-Wilhelm-Museum zu sehen – neben Arbeiten von Picasso. Die Einflüsse in der Formensprache sind deutlich zu erkennen.

Das ist das Prinzip der Ausstellung „Folklore & Avantgarde. Die Rezeption volkstümlicher Traditionen im Zeitalter der Moderne“, die am Sonntag, 10. November, im KWM eröffnet wird. Es ist die größte Ausstellung in der Neuzeit der Krefelder Kunstmuseen mit 350 Exponaten von knapp 40 Leihgebern aus der ganzen Welt. „Ohne die Modernisierung des Hauses hätten wir diese Werke nicht bekommen. Jetzt sind wir mit dem Centre Pompidou und dem MoMa auf Augenhöhe“, sagt Museumsleiterin Katia Baudin.

Kuratorin Elina Knorpp erklärt Teppiche von Kirchner. Im Hintergrund: geschnitzte Holztüren aus Afrika. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Der Landschaftsverband Rheinland hat die Schau, die Baudin gemeinsam mit Elina Knorpp, einer Expertin für russische Avantgarde, kuratiert, mit 130.000 Euro unterstützt. Denn das Projekt bietet einen neuen Forschungsansatz: Es untersucht und demonstriert, welchen Einfluss die Tradition auf die Künstler des frühen 20. Jahrhunderts hatten. Die reichen Bezüge zur Folklore überraschen und bieten reichlich Stoff, der wissenschaftlich angegangen wird.

Diese iberischen Figuren hat Picasso gesammelt, im Hintergrund ist eine Arbeit des Künstlers zu sehen. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Doch man muss die Zusammenhänge nicht kennen, um zu staunen, wie sich Kreise schließen, wie sich Linien fortsetzen, wie Wurzeln aufgedeckt werden. Es war die Zeit ab etwa 1900 bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Die Zeit der Industrialisierung. Der Aufbruch in die Moderne. Und zugleich eine Zeit der Suche – auch nach den eigenen Wurzeln. Vertrautheit und Exotik waren Motive. Und für beides fanden die Suchenden damals Beispiele im eigenen Umfeld und in der Ferne, in den Kolonien. Paul Gauguin hat Trachten gezeichnet, zuerst in der Bretagne, später in der Südsee. Ernst Ludwig Kirchner hat geschnitzte Häuserbalken aus Afrika nachgezeichnet. Kandinsky hat bei einer ethnografischen Exkursion in den tiefen Norden Russlands seine Faszination für die Bauernhäuser und die Schamanenkunst entdeckt. Für all das gibt es Beispiele.

In zwölf Themenbereichen setzt die Schau traditionelle Volkskunst und Avantgarde auf Augenhöhe. „Volkskunst gehört zur DNA des Mutterschiffs KWM“, sagt Baudin. Die frühen Museumsdirektoren Friedrich Deneken, Max Creutz und Paul Wember haben die Avantgarde gepflegt und gesammelt, aber auch Masken aus Indonesien oder polynesische Skulpturen gezeigt und natürlich auch Keramik aus der Grotenburg-Töpferei, die Deneken gegründet hatte.

Die Anfänge der Krefelder Sammlung  liegen im angewandten Bereich. Ein Vergleich mit  dem Künstler Elie Nadelman, der 1920 mit seiner Frau in New York das erste Volkskundemuseum der  USA gründete, drängt sich auf: Wetterhähne aus seiner Sammlung sind zu sehen, aber auch seine eigenen Arbeiten. Die Keramiken aus Krefeld zur Bauhaus-Zeit korrespondieren mit mexikanischen Schalen aus der Sammlung der Avantgarde-Künstler Anni und Josef Albers, die zum ersten Mal ausgestellt sind.

Man mag sich gar nicht satt sehen, an den packenden Farben der Blaue-Reiter-Künstler und Expressionisten und an den Lubki, den Bilderbögen der russischen Volkskunst. Marc Chagalls Bilder eröffnen einen neuen Blick in der Nachbarschaft zu El Lissitzky, dessen Zeichnungen zu einem jiddischen Kinderbuch traumschön sind. Kostüme und Entwürfe zu Bühnenbildern fürs Ballet Russe oder Musik von Strawinski zeigen überbordende Fantasie. Teppiche nach Itten-Entwürfen, Hinterglasmalerei, von Helmut Macke gestaltete Möbel und mehr gilt es zu entdecken.