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Kunstmuseen Krefeld zeigen die erste Corona-Ausstellung mit Mail Art

Kunst in Krefeld : Erste „Corona“-Ausstellung im Museum

Das Kaiser-Wilhelm-Museum zeigt, was Menschen in den Lockdown-Wochen zu „Corona“ einfiel. Der Wettbewerb „Stay Home“ fand enorme Resonanz – bis nach Amerika. Künstler und Laien haben ihre Werke im Postkartenformat geschickt. Rund 150 Exponate sind jetzt im Museumsstudio zu sehen.

Der Brief eines kleinen Mädchens, das sich Gedanken über ein Osterfest unter so ganz anderen Bedingungen macht, bewegt. Auch die gelbe Malerei eines Dreijährigen, dem die Mutter einen Autopsiebogen als Malpapier gegeben hatte, auf dem sie von der schweren Krankheit des Opas berichtet. Gänsehaut kam, als die Museumsleute einen Brief aus London öffneten: Chris Shaw Hughes hat sich – während in seinem Land Covid 19 tagtäglich mehr Todesopfer forderte mit der Krefelder Katastrophe des abgebrannten Affenhauses beschäftigt. Bilder aus den Medien hat er als Zeichnungen umgesetzt: Bilder, die tiefe Einsamkeit spiegeln. Bilder, die zugleich Anteilnahme belegen. Bilder, die im Kontext der ersten „Corona“-Ausstellung der Krefelder Kunstmuseen noch einmal anders über das Leben und die Zerbrechlichkeit dessen, was als sicher und selbstverständlich hingenommen wird, nachdenken lassen.  

Katharina Vollendonk zeigt: „Du siehst aus, wie ich mich fühle“. Foto: Petra Diederichs

Die unbeschreibliche Ästhetik des Corona-Virus, das so viel Leid auslösen kann, ist gleich mehrfach dargestellt in benachbarten Vitrinen. Melancholie, Wut, Galgenhumor  – all das gibt es in der kleinen, sehenswerten Extra-Ausstellung, die jetzt im Kreativlabor des Kaiser-Wilhelm-Museums zu betrachten ist.

Die Einsamkeit im Affenhaus: Chris Shaw Hughes aus London hat diese Zeichnung nach Krefeld geschickt. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

„Stay Home / Mail Art“ ist der Titel, der mehr bedeutet, als die rund 150 Exponate an den Wänden und in Vitrinen zunächst ahnen lassen. Es ist fast eine kleine Palastrevolution, dass die Kunstmuseen auch Werke zeigen, die  keinen musealen Qualitätsansprüchen genügen. Museumsleiterin Katia Baudin: „Es ist ein Bruch mit musealer Tradition, aber die Qualitätsunterschiede machen die Lebendigkeit aus.“ Es sind Arbeiten von Künstlern und von Laien – und nicht immer sind die Grenzen zwischen beiden klar auszumachen. Das ist für Katia Baudin der Sinn der Sache: „Der Brückenschlag zwischen den Kunstformen hat hier Tradition, und wir wollen auch an den Dialog mit den Bürgern anknüpfen“, sagt sie.

Joel Cohn ist The Sticker Dude von Brooklyn. Foto: Petra Diederichs

So ist die Idee entstanden: Als die Kunstmuseen wegen der Pandemie geschlossen waren, suchte das Team nach kreativen Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben mit den Kunstinteressierten. Und weil „Mail Art“  – Korrespondenz-Kunst – spätestens seit den 1960er Jahren ein verbrieftes künstlerisches Format ist, rief das Museum auf, Kunstwerke per Post oder E-Mail ans Haus zu schicken. Die Resonanz war enorm:  Künstler aus Krefeld – wie Johannes Trittien, Claudia Maas, Mauga Houba-Hausherr, Bart Koning – machten mit, Düsseldorfer wie Michel Sauer (der auch in der Sammlung der Kunstmuseen vertreten ist) und internationale Kollegen wie Horst Tress oder der Sticker-Dude Joel Cohen  aus Brooklyn (New York) sowie viele kunstaffine Laien, sogar Schulklassen und Familien. Einsendungen kamen aus Skandinavien, Benelux, aus Österreich, Großbritannien und Kanada.

„Aus dieser Vielfalt ergibt sich ein lebendiges Bild“, sagt Museumspädagoge Thomas Janzen. Ein Bild, das viele Aspekte eines Ausnahmezustands zeigt: Das Gefühl der Bedrohung („Corona Virus Means Death“), die neue Bedeutung von Toilettenpapier, das mal als Zeichnungsgrundlage genutzt wird, mal zur Skulptur wird. Collagen, Fotografien und Drucke sind zu sehen.  La Troan Vinh aus Montreal lässt einen Einmal-Handschuh den Weg in die Selbst-Isolation weisen, um Leben zu schützen, Katharina Vollendonk aus Bayern sagt mit neonfarbigen, kubistischen Gesichtern „Du siehst aus wie ich mich fühle“.

Die Agentur Hagelauer hat mit einem Corona-Luxusartikel gespielt. Foto: Petra Diederichs

Die Form des digitalen Kunst-Austausches ist neu. Die Krefelder Museumsleute sind verblüfft, dass sie nach eigenen Recherchen die einzigen waren, die auf die Idee der Mail Art kamen – inspiriert durch Korrespondenzkunst des britischen Künstlerduos Gilbert & Georges, die seit den frühen 1960er Jahren in der Sammlung des Hauses ist.

Zur Ausstellung gehört auch ein Tablet, das noch einmal gut 100 Auseinandersetzungen zum Thema zeigt: Die entstanden im Fernunterricht der Marienschule. Daneben finden die Besucher auf einem Tisch Utensilien, um selbst Kunst-Postkarten zu kreieren – Mail Art, die sie nun von Krefeld aus in die Welt oder nach Hause senden können: Kunst ist Kommunikation, heißt die Devise im Museum..