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Kunstmuseen Krefeld präsentieren ihre Sammlung mit neuem Konzept

Krefelder Kunstmuseen : KWM zeigt 15 Ausstellungen in 15 Räumen

Nach einem neuen Konzept wird die Sammlung der Krefelder Kunstmuseen als Dauerausstellung präsentiert. Jeder Raum birgt eigene Geschichten – von Biedermeier, Picasso, Warhol, Richter und mehr. Highlight ist der Drove-Zyklus.

Der Raum ist schon optisch eine Wucht: Sechs großformatige Gemälde in starken Farben und doch ganz unterschiedliche Stile und Themen – von Amazonenschlacht über Pieta bis zum Garten –  bilden den Drove-Zyklus von Heinrich Nauen. Das 1913 entstandene Hauptwerk des niederrheinischen Expressionisten ist das Herzstück in der ersten Etage des Kaiser-Wilhelm-Museums. Oder besser gesagt: eines von mehreren Herzen, die dort unter dem Titel „Sammlung in Bewegung“ zeigen, wie viel künstlerisches Leben auch im Depot der Krefelder Kunstmuseen steckt. 20.000 Künstlerarbeiten vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart umfasst die Sammlung, die jetzt nach einem neuen Konzept in einer Dauerausstellung präsentiert wird.

In 15 Räumen geben ab dem 5. Juni 165 Werke aus der Zeit von 1800 bis in die 1980er Jahre einen Querschnitt durch die Sammlung. Jeder Raum ist eine Welt für sich, erzählt eine eigene Geschichte – aber wer mag, kann Verbindungen in andere Räume knüpfen.

 Papierarbeiten von Picasso ist ein Raum gewidmet. Die Zeichnungen oben zeigen seine Frau (m.) und Tochter (r.)
Papierarbeiten von Picasso ist ein Raum gewidmet. Die Zeichnungen oben zeigen seine Frau (m.) und Tochter (r.) Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

„Sammlungspräsentation ist zurzeit ein zentrales Thema in vielen  Museen“, sagt Sylvia Martin, stellvertretende Leiterin der Kunstmuseen, die das Konzept mit Magdalena Holzhey und Thomas Janzen entwickelt hat. Kunstbetrachtung läuft heute nicht mehr historisch linear. „Eher wie im Internet. Wir achten auf Punkte und finden Verweise“, so Martin. Module nennt sie die Räume. Museumsleiterin Katia Baudin spricht von „Zeitkapseln“ – auf alle Fälle sind es üppige Fundgruben. Jeder Raum ist eine Wundertüte, in der neue Geschichten aufploppen, Lust am Entdecken geweckt wird oder man einfach staunen darf.

Zum Beispiel über dänisches Porzellandesign und Dessins von 1902, die in ihrer klaren, reduzierten Formensprache so ganz anders sind als der heimelige Stil im Biedermeier-Raum. Der spiegelt das traute Gefühl des Rückzugs ins Private zu jener Zeit in Deutschland – mit Spitzwegs Malerei und hübschen Landschaften auf zarten Tässchen.

 Figuren der Comedia dell’arte in Porzellan aus dänischer Manufaktur, die um 1900 entstanden.
Figuren der Comedia dell’arte in Porzellan aus dänischer Manufaktur, die um 1900 entstanden. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Der Drove-Zyklus ist komplett seit mindestens 40 Jahren nicht mehr zu sehen gewesen. Nauen hat ihn im Auftrag für das Musikzimmer der Burg Drove gemalt. Er zeigt Amazonen  und Badende, Ernte und Besuch. Der Stil des Experssionismus, aber auch Einflüsse japanischer Kunst sind deutlich. „Dabei ging es Nauen nicht um die Motive, sondern um Farbe. Er hat die Reihenfolge Gelb, Grün, Blau, Rot, Orange und wieder Gelb festgelegt. Und so haben wir gehängt“, berichtet Martin.

 „Nacktes Mädchen im Grünen“ (l.) und „Akt mit rotem Kopftuch“ von Helmut Macke zeigen 1936 neue Freizügigkeit.
„Nacktes Mädchen im Grünen“ (l.) und „Akt mit rotem Kopftuch“ von Helmut Macke zeigen 1936 neue Freizügigkeit. Foto: Petra Diederichs

Auch im Picasso-Raum kann der Blick spazierenhegen. Die Papierarbieten aus den 1940er und ’50er Jahren zeigen seine wichtigsten Menschen, Ehefrau und Töchter. Der „Kapitalistische Realismus“, der die Verbindung von Gerhard Richter und Sigmar Polke zu Andy Warhol als Antwort auf die Pop Art zeigt, verführt dazu, hier zu verweilen.  Oder die Fotografien von Eugéne Druet aus dem Atelier Rodins, dessen marmorne Eva im Zentrum  steht.

Spannend ist ein Raum, der auch die Rückseiten der Bilder nach vorne kehrt: Darauf erzählt sich die Geschichte ihrer Lebensreise mit Aufklebern früherer Ausstellungen oder Auktionen. „Provenienzforschung ist ein wichtiges Thema“, sagt Magdalena Holzhey. Die Kunstmuseen haben in den vergangenen Jahren die Herkunft ihrer Erwerbungen aus den Jahren 1946 bis 1970 untersuchen lassen mit Blick auf „NS-Raubgut“. Ein Großteil der Krefelder Sammlung war von den Nazis als sogenannte Entartete Kunst beschlagnahmt worden. Nach dem Krieg hat Paul Wember die immensen Lücken schließen wollen und Kunst erworben, die vor 1940 entstanden war. Der Raum erzählt einiges über deutsche Geschichte.

15 Räume, 15 Ausstellungen: Der Vorteil ist, dass sich die Präsentation künftig schnell verändern lässt. „Wir können auf aktuelle Themen reagieren, auch auf Abiturthemen“, sagt Martin. Im Prinzip schließe das einen Kreis zum ersten Museumsdirektor Friedrich Deneken, der um 1900 das Konzept der Stilräume einführte, als in jedem Raum eine Epoche mit einem Stilmix verhandelt wurde. Für Museumsgänger bietet die Etage viele Gründe, wiederzukommen.