Kunstmuseen Krefeld erarbeiten neues Konzept für die Präsentation ihrer Sammlung

Kunstmuseen Krefeld : Neues Konzept für die Kunstsammlung

Autoren schreiben Kurzgeschichten über die Museumsvillen. Der italienische Stardesigner Enzo Mari stellt aus. Im Kaiser-Wilhelm-Museum wird künftig in 15 Räumen ständig die eigene Sammlung präsentiert, in fließendem Wechsel. Die Kunstmuseen haben sich viel vorgenommen für 2020. Eine Vorschau in fünf Kapiteln.

Mancher Krefelder könnte Romane erzählen über die Villen, die der Bauhaus-Architekt Mies van der Rohe für die Familien Esters und Lange an der Wilhelmshofallee geplant hat. Drei Autoren werden sich auf Kurzgeschichten beschränken. Für die laufende Nummer vier der Reihe „Sammlungssatellit“ haben sich Marion Brasch,  1961 in Berlin geboren und in der DDR aufgewachsen, der Däne Matias Faldbakken (Jahrgang 1973) und Mark von Schlegell (geboren 1967 in New York) mit den Villen, der Moderne aus den 1920er Jahren, dem verwunschenen Sommerhaus, dem Garten und den vielen Zimmern beschäftigt – und die erste ortsspezifische Literatur zu den Häusern verfasst. Am 26. April wird das Buch „Short Stories für Haus Lange Haus Esters“ mit einer Lesung der Autoren vorgestellt. Im Jahresprogramm der Krefelder Kunstmuseen, das Museumsdirektorin Katia Baudin und ihr Team jetzt vorstellten, spielt die Geschichte der Häuser und der Sammlung eine tragende Rolle.

DIE SAMMLUNG

Welche Schätze schlummern eigentlich im Depot der Kunstmuseen?  „Viel mehr als wir zeigen können“, sagt Katia Baudin. Mit einem neuen Konzept soll die Sammlung ab dem Frühjahr präsenter werden. Ab April werden Werke des 21. Jahrhunderts ausgestellt: vor allem Neuankäufe wie 19 Poster von AG Fronzonio, aber auch Werkserien, die schon länger nicht mehr zu sehen waren. Bis 23 .August werden sie im zweiten Obergeschoss präsentiert. Die erste Etage erhält ein neues Konzept „Sammlung in Bewegung. 15 Räume 15 Geschichten“. Ab 4. Juni wird diese Etage nicht mehr geschlossen sein, weil eine Ausstellung eingerichtet wird. In jedem der 15 Räume wird ein Ausschnitt aus der Kunstgeschichte vorgestellt – mit Sammlungswerken. Die Räume sind in sich geschlossene Einheiten, sind mal einem Künstler vorbehalten oder einer Werkgruppe, einem Thema oder einem Hintergrund. Die Idee geht zurück auf Friedrich Deneken, der „Epochenräume“ anlegte, was um 1900 ein höchst fortschrittliches Konzept war.  Jetzt sollen die Werke vom späten Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in fließenden Übergängen getauscht werden, Raum für Raum. „Wir werden dort Themen zeigen können, zum Beispiel Provenienzforschung“, sagt Sylvia Martin, stellvertretende Leiterin der Museen. Und es werden nach sehr langer Zeit alle sechs großen Gemälde des „Drove-Zyklus“ von Heinrich Nauen in einem Raum zu sehen sein.

Das Spiegelobjekt von Adolf Luther – hier im Haus Lange – haben die Kunstmuseen 1983 gekauft. Foto: KKM


ENZO MARI

Mit Möbelentwürfen zum Selbermachen hat Enzo Mari Mitte der 1970er Jahre Designgeschichte geschrieben. Der Italiener gehört zu den einflussreichsten Vertretern seines Genres. Ab 8. Oktober wird der inzwischen 88-Jährige mit einer großen Retrospektive im Kaiser-Wilhelm-Museum sowie im Haus Lange geehrt. „Er ist in Deutschland sehr von Paul Wember gefördert worden“, berichtet Katia Baudin. Der frühere Museumsdirektor hat bereits in den 1960er Jahren Arbeiten von Mari erworben. Die Schau gibt einen Überblick von Maris Anfängen bis heute. Denn der Italiener ist immer noch kreativ. Das Besondere an der Ausstellung: Baudin kuratiert sie gemeinsam mit Hans Ulrich Obrist. Der Schweizer gilt in Fachkreisen als einer der wichtigsten Kuratoren für zeitgenössische Kunst. Die Retrospektive wird vor Krefeld bei der Triennale in Mailand gezeigt.

HAUS ESTERS & HAUS LANGE

Das „Ping Pong Prinzip“ wird fortgesetzt: Die Ausstellung in der einen Villa gibt Resonanz auf die Präsentation in der anderen – und umgekehrt. Am 8. März startet  die erste Einzelausstellung in Deutschland mit Fotografien des israelischen Künstlers Sharon Ya’ari. Er hat sich mit der Moderne, für die in den 1920er Jahren die Architektur der Häuser Esters und Lange stand, auseinandergesetzt und konfrontiert sie mit Beispielen aus dem israelischen Alltag, wo die Bauformen umgesetzt wurden und funktionieren – oder eben nicht. „Die Ausstellung ist als Installation konzipiert, die dem ikonischen Raum der Villa die zeitgenössische Perspektive einer fragilen Realität gegenüberstellt“, sagt Kuratorin Magdalena Holzhey. Dazu gräbt Ya’ari sogar eine Betonskulptur aus dem öffentlichen Raum in Be’er Scheva, im Süden Israels, aus und bringt sie mit nach Krefeld. Die Installation wurde vermutlich in den 1970er- Jahren angelegt. Als urbane Skulptur, Spielplatz, Treffpunkt der Nachbarschaft blieb der Platz mit seinen Betonelementen als einzige Konstante inmitten der urbanen Wüste erhalten. Der Platz wird jetzt umgestaltet. Die kleinsten Elemente der Skulptur wiegen circa 120 Kilogramm, das größte Objekt mehr als eine Tonne. Für die Ausstellung werden sie im Garten von Haus Esters aufgebaut.

In der Villa gegenüber geht es um „Das Gedächtnis der Bilder“: Auseinandersetzungen von zeitgenössischen Künstlern mit der Wirklichkeit – ab 1989, dem Jahr der großen Umwälzungen in Deutschland. Ausnahme: Auch Käthe Kollwitz  ist als „Chronistin sozialer Ungerechtigkeiten“ bekannt geworden. Ihre restaurierte Skulptur „Mutter mit zwei Kindern“ und ihr Zyklus „Bauernkrieg“ werden gezeigt.

SAMMLUNGSSATELLITEN

Die Satellitenreihe läuft seit 2018 und bietet Künstlern verschiedener Genres die Chance, sich auf neue Art mit der Sammlung und den Häusern auseinanderzusetzen. Nummer vier, die Short Stories, wird am 26. April präsentiert. Ab 11.30 Uhr lesen die Autoren in den Villen ihre Texte, die bei Studienaufenthalten in Krefeld entstanden sind.

Sammlungssatellit #5 startet bereits am 23. April im Kaiser-Wilhelm-Museum: Ignacio Uriarte  zeigt unter dem Titel „Den Zufall ordnen“ Arbeiten, die „in der Tradition des Minimalismus und der frühen Konzeptkunst“ stehen. „Er versteht das Ordnen als Möglichkeit, auf die chaotische Realität zu reagieren und ihre Willkür für einen Moment zu verstehen“, sagt Kuratorin Constanze Zawadzky. Dem gegenüber stehen Werke von Katharina Fritsch, Adolf Luther, Gerhard Richtes berühmtes Großformat „1024 Farben“. Das KWM ist für den Spanier Uriarte bekanntes Terrain. Er ist 1972 in Krefeld geboren und hat das Museum oft besucht. Inzwischen lebt er in Berlin.

Marcel Odenbach widmet sich mit der laufenden Nummer #6 der Lehr- und Vorbildersammlung des KWM. Odenbach ist vor allem als Videokünstler bekannt. Sein Thema ist der Umgang mit kulturellem Erbe. Um 1900 gab es im KWM eine Blättersammlung, die man heute Bilddatenbank nennen würde: 25 Kartons mit Reproduktionen von Kunstwerken und Fotografien, die wie eine Enzyklopädie alles abbilden, was vom Altertum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stilprägenden und vorbildhaften Charakter hatte in der bildenden und angewandten Kunst – inklusive Anleitungen für die eigenen Nachbildung. Im damaligen Lesesaal (der Raum mit der Säule im 1. Obergeschoss) konnte jeder nachvollziehen, wie man ein Bild nachmalt. Odenbachwird mit diesem Konvolut eine Installation kreieren.

RENOVIERUNG

Die Beleuchtung in den Museumsvillen wird ausgetauscht. Das neue LED-System spart Strom und es ist vor allem aus konservatorischer Sicht für die Häuser und die Kunstwerke besser geeignet. Deshalb wird für ein Jahr lang immer nur ein Museumshaus an der Wilhelmshofallee geöffnet sein. Im Herbst schließt das Haus Esters für die Renovierung, 2021  erhält Haus Lange die neue Beleuchtung.