Ausstellung im Kaiser-Wilhelm-Museum Als die Kunst den Krach entdeckte

Krefeld · Im Kaiser-Wilhelm-Museum beleuchtet die Schau „On Air“ den Klang des Materials in der Kunst. Es ist ein Erlebnis, wenn es im Museum überall gluckert, klopft, quietscht und zwitschert. Was den Großen der Kunst so alles einfiel.

Willkommen im Regenwald: Die Installation „Rain Forest“ von David Tudor macht Geräusche aus 20 Lautsprechern.

Willkommen im Regenwald: Die Installation „Rain Forest“ von David Tudor macht Geräusche aus 20 Lautsprechern.

Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Erfahrung, die John Cage mit der absoluten Stille gemacht hat, ist vielfach kolportiert: Es gibt diesen Zustand nicht.  In einer hallfreien Kammer der Harvard University hat der Avantgarde-Musiker die totale Lautlosigkeit vermutet, tatsächlich aber zwei Töne vernommen - einen hohen und einen tiefen. Der Toningenieur klärte ihn auf: Das hohe Geräusch werde durch das eigene Nervensystem verursacht, das tiefe durch den Blutkreislauf. Das Fazit, das Cage zog, haben in den 1950er Jahren viele seiner Zeitgenossen geteilt: Geräusch ist überall, also eignet es sich auch als Material für die Kunst. Kurz nachdem die Kinetiker die Kunst das Laufen, Drehen, Rotieren lehrten, kam der Klang hinzu. Maschinen klopften, Apparate tuckerten, hämmerten oder quietschten.

Das Kaiser-Wilhelm-Museum hat sich für die Ausstellung „On Air“, die am Donnerstag, 24. November, in der zweiten Etage eröffnet wird, in einen riesigen Klangraum verwandelt. Objekte, Installationen und Videos geben einen beeindruckenden Eindruck vom Klang des Materials in der Kunst der 1950er bis 1970er Jahre. „Sound Art ist ein riesiges Feld“, sagt Sylvia Martin, stellvertretende Leiterin der Krefelder Kunstmuseen und Kuratorin der Ausstellung. Deshalb hat sie den Schwerpunkt auf die in diesem Bereich erstaunlich große und spannende hauseigene Sammlung und die ersten, entscheidenden 20 Jahre der Entdeckung  des Geräuschs für die Kunst gelegt.

Der Oberlichtsaal ist ein Dschungel. Hier ist der Regenwald von David Tudor (1926-1996) installiert. „Rain Forest V“ (Version 2) ist eine Leihgabe des Museums der Moderne aus Salzburg. 20 alltägliche Objekte schweben scheinbar schwerelos im Raum: Plastiktöpfe, ein Ölfass, ein geschwungener Blechstreifen, Metallkugeln, eine Röhre, Schüsseln. Jedes Teil hat einen Untersetzer-großen Lautsprecher, aus dem ein Geräusch kommt. Es zwitschert, reibt, gluckert, trompetet. 20 bis 50 Soundfiles werden computergesteuert auf jedes Objekt gespielt. Die Endlos-Klangschleife ist niemals gleich. Das Orchester ändert sich stetig.

Tudor war ein enger Freund von John Cage, ebenso wie der Tänzer Merce Cunningham und Robert Rauschenberg. Zu viert haben sie zahlreiche Projekte realisiert. 1964 gingen sie auf eine Welttournee und kamen im Oktober ‘64 auch nach Krefeld. Zwei Avantgarde-Abende gaben sie im Theater - einen mit Ballett, einen mit Konzert für zwei Klaviere. „Wir zeigen hier Werke von Künstlern, die mit dem Haus  verbunden sind“, sagt Martin.  31 Leihgaben aus Deutschland, Salzburg, Wien, Venedig und New York stocken die Basis von 20 Werken aus der Sammlung der Kunstmuseen auf, zu deren Highlights das Optophonium von Hermann Goepfert gehört (57 Aluminiumplatten, die mit Lampen und Lautsprechern Licht- und atonale Klangreize bieten) und „Musical Hannover 6“ von Takis (ein Lautsprechersystem, das den Ton einer einzelnen Saite verstärkt).

Es sind bekannte Namen vertreten Reiner Ruthenbeck und Bruce Nauman, Gianni Kounellis und Jean Tinguely, Yves Klein (als Komponist), Daniel Spoerri und Joseph Beuys. Manches ist sehr lange nicht mehr gezeigt worden. Im KWM erwacht alles zum Leben. Vieles ist in Dauerbetrieb, anderes wird zeitweise aktiviert oder von Besuchern in Gang gesetzt. Filmkästen laden mit Kopfhörern ein, in ihren Sound abzutauchen. Das ist auch ohrenfreundlich fürs Aufsichtspersonal, das in Dauerbeschallung arbeitet. Wenn sich der Sound eines Museumsraums mit dem des nächsten mixt, sind Hör- und Sehsinn in hohem Maß gefordert. Es ist witzig, wenn Heidschnuckenfelle per Elktromotor „atmen“ oder auf einem Teppich ein Tonband das Staubklopfen übernimmt. Armans in Harz gegossene Violinbögen als Mahner des Schweigens haben sogar eine poetische Note.

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