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Krefelder Fantasypreis Kritik zum Roman „Diebe der Nacht“

Literaturpreis aus Krefeld : Zum Fantasy-Roman „Diebe der Nacht“

Er ist der erste Roman, der den „Krefelder Preis für Fantastische Literatur“ erhalten hat. Das Buch ist auch Krimi, Action-Spektakel, Diebeskomödie und Politthriller. Wir stellen ihn vor und sagen, wen er anspricht und wen eher nicht.

Zu den schönen Einfällen dieses an schönen Einfällen reichen Buches gehört die Idee, dass Magier zum Zaubern Energie brauchen. Edelsteine, die wie Benzin wirken: Nur mit ihnen läuft der Motor der Zauberei, und nach dem Zauber sind sie verbannt. Zaubert man viel und mächtig, ist auch der Verbrauch an Edelsteinen groß und mächtig. Mit diesem Einfall hat der Autor einen wichtigen Treiber der Handlung gewonnen, und er hat einmal mehr eine Grenze eingerissen: Zauberei ist nicht nur Zauberei, sondern auch Mechanik. Auch Grenzüberschreitungen sind typisch für diesen Roman: Er ist Fantasy-Roman, aber auch Krimi, Action-Spektakel, Diebeskomödie und Politthriller.

 Karte der fiktiven Stadt Mosmerano, in der die Geschichte spielt. Stadt und Details erinnern an Venedig. Rechts unten erkennbar eine mechanische Grille, die im Roman eine wichtige Rolle spielt.
Karte der fiktiven Stadt Mosmerano, in der die Geschichte spielt. Stadt und Details erinnern an Venedig. Rechts unten erkennbar eine mechanische Grille, die im Roman eine wichtige Rolle spielt. Foto: Verlag Klett-Cotta

Der Autor heißt Thilo Corzilius, und er ist der erste Gewinner des Krefelder Preises für Fantastische Literatur, dotiert mit immerhin 10.000 Euro. Sein Roman heißt „Diebe der Nacht“. Im Zentrum steht eine Gruppe von Freunden, die tagsüber ein „Mechanisches Theater“ betreiben und nachts als Diebe unterwegs sind, Diebe allerdings, die ihr Handwerk elegant, voller Tricks und Finten und mit hohem Arsene-Lupin-Faktor nachgehen, um auch mal einen anderen eleganten Dieb der Literaturgeschichte zu benennen.

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Kulisse für die Handlung ist die Hafenstadt Mosmerano in der „Ruhenden Welt“. Als Vorbild unschwer zu erkennen ist Venedig, wobei der Autor die Kulisse für seine Geschichte mit Liebe zum Detail ausarbeitet: Es geht über die „Insel der gesenkten Häupter“ oder die „Piazza der würfelnden Götter“ und die „Ertrunkene Stadt“ zum „Vorhof der Ewigkeit“: Der Stadtplan von Mosmerano ist ein kleines Feuerwerk an Einfällen für sich.

Überhaupt ist das eine der Stärken dieses Buches: die lustvolle Erschaffung einer eigenen, urban geprägten, kultivierten Welt samt einem Überbau aus Göttern, die wiederum von ferne an griechisch-römische Vorbilder erinnern: So ist Din Vestro der „Herr der Gerissenheit und des vorteilhaften Handels, Begünstiger des geschickten Diebstahls, Gönner jeder List und jeder gut durchdachten Strategie“ und nebenbei auch noch Schutzpatron der Schauspieler, die ja auch irgendwie mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu tun haben.

Es gibt eigene Flüche („bei Aravellons haarigem Ziegenhintern“), es gibt eigene Dichter wie Heerm de’Holm und sein Stück „Der Kapitän des gläsernen Schiffs“ oder den Komponisten Atorni und seine „Katzenoper“, es gibt eigene Alkoholika wie das „Hammerstosser Bockbier“ oder „edlen Branntwein aus Goswinter“. Solchen Details der der fiktiven Welt folgt man mit Vergnügen.

Zauberei, auch das gehört zum Besonderen dieser Welt, ist auf der Grenze zur Mechanik angesiedelt. Magie braucht Treibstoff, zum einen, zum anderen gibt es Artefakte, die mechanische Wunderwerke sind und über Magie belebt werden – die Meister dieser Technik sind „Mechanisten“; einer der Helden hat eine kleine Grille als Belegstück: eigentlich ein mechanisches Ding, das aber lebendig, klug und empathisch wirkt; Zauberei und Technik in einem. Ritter Rost lässt grüßen.

Zur Handlung darf so viel verraten werden: Die Helden sind ein Trupp sehr unterschiedlicher Gefährten, die tagsüber mit ihrem „Mechanischen Theater“ unter anderem schwerreiche Adelige begeistern, die sie dann nachts trickreich ausnehmen. Arme werden nicht beklaut; so viel Ehre haben Din Vestros Diener dann doch im Leib.

Eines Tages wird das Theater auf Betreiben des geheimnisvollen Magier Aurinius brutal überfallen und eine Frau aus der Truppe entführt. Die Gefährten werden erpresst: Sie sollen einen „Herzstein“ aus dem eigentlich unknackbaren Tresor des Erzherzogs Borgessa stehlen. Warum und wieso, bleibt zunächst unklar.

Die schier unüberwindlichen Hürden des Auftrags erinnern ein bisschen an die Ausgangslage bei jeder Folge von „Kobra, übernehmen Sie“, nur dass der Auftraggeber von Ethan Hunt diesmal kein Guter, sondern ein Böser ist. Die Diebe sehen sich vor verschlungenen Herausforderungen: Sie wollen herausfinden, was es mit diesem Herzstein auf sich hat, sie wollen den skrupellosen Magier Aurinius überlisten, ohne ihre gefangene Gefährtin zu gefährden, und sie müssen irgendwie in diesen – bei Aravellons haarigem Ziegenhintern verfluchten – Tresor gelangen. Am Ende offenbart sich: Alle sind Betrogene, Marionetten einer großen politischen Intrige – darin ist auch dieser Fantasy-Roman wie viele andere dieses Genres quasi erwachsen. Die fiktive Welt spiegelt ein Stück die Realität des Politischen.

Was man wissen muss: Wer einen Action-Kracher lesen will, ist in diesem Buch nicht richtig. Autor Corzilius hat sichtlich Spaß daran, die Welt in der „Nacht der Diebe“ und ihre Bewohner auszumalen. Das geht zuweilen auf Kosten der erzählerischen Effizienz. Das Buch hat 466 Seiten; einen solch weiten Spannungsbogen gespannt zu halten, ist keine Kleinigkeit und gelingt nicht immer. Corzilius neigt in der stilistischen Feinarbeit zudem zur Eineindeutigkeit: Wenn eine Figur eine zynische Bemerkung macht, wird sie als zynisch markiert – „Talmo überhörte Falks Zynismus nicht“, heißt es etwa, nachdem Falk etwas Zynisches gesagt hat. So kommt Girlande zu Girlande, als wolle der Autor sicherstellen, dass man die Dialoge richtig versteht. Es gibt auch eine Fülle an überflüssigen Adjektiven: Jemand duftet „wie ein ganzes Beet von Orchideen“, heißt es etwa. Kein halbes, sondern ein ganzes Beet also – der Autor will verstärken, wo es nichts zu verstärken gibt, wenn man schlicht von „einem Beet von Orchideen“ gesprochen hätte.

Unterm Strich ist diese Prosa dadurch zäher, fettiger und zuckriger, als dem Lesefluss guttut. Ein guter, strenger Lektor und 100 Seiten weniger hätten dem Roman gutgetan. Das ist ohnehin ein Phänomen in der Fantasy-Literatur: Die Bücher sind so dick und schwer wie die Welten, die sie erfinden.

Dennoch sei der Roman Freunden des Genres empfohlen, die nicht nur auf Action stehen, sondern mit Lust eine neue Welt entdecken. Wer eintauchen will in ein magisches Venedig voller zauberhafter Mechanik, der ist bei den „Dieben der Nacht“ gut aufgehoben.