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Krefeld Audioguide führt zu Läden enteigneter Juden während der NS-Zeit

Audiowalk für Krefeld : Spaziergang durchs „arisierte“ Krefeld

In der NS-Zeit wurden Juden schikaniert, entrechtet und enteignet. „Arisierung“ hieß das. Krefeld ist die erste Stadt, die dieses Kapitel so sorgfältig aufarbeitet, sagt die Historikerin Claudia Flümann. Jetzt gibt es auch einen Audio-Walk, einen geführten Spaziergang, zu einigen Geschäften.

Ausgrenzung von Juden während der NS-Zeit ist überall passiert – aber doch nicht in Krefeld, oder? Viele können sich nicht vorstellen, dass hier,  quasi vor der eigenen Haustür, Menschen entrechtet, enteignet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Aber: „Auch hier gibt es viele Beispiele für Menschen, die ihrer wirtschaftlichen und sozialen Basis beraubt wurden. Einige sind öffentlich bekannt, andere gar nicht. Auf diese Schicksale wollen wir hinweisen und auch Bezüge zur Gegenwart herstellen. Denn einzelne Tendenzen sind auch heute erkennbar“, sagt Claudia Flümann. Die Historikern widmete dem Thema eine ausführliche Arbeit von gut 650 Seiten.

„Diese Arbeit ist durchaus einzigartig. Mir ist keine andere Stadt bekannt, in der in dieser Art nach wissenschaftlichen Grundsätzen ermittelt worden wäre, wie sich die Arisierung vollzogen hat“, sagt Sandra Franz, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle. Diese Informationsbasis setzte ein Team aus NS-Dokumentationsstelle und Werkhaus nun in einen Audioguide um. René Linke zeichnet für das Script verantwortlich. „Es geht um aktuell fünf Orte in der Innenstadt rund um die Rheinstraße. Wir haben in wochenlanger Arbeit die Geschichte der ehemaligen Geschäftsinhaber ermittelt und die Arten der Ausgrenzung aufgeführt.“ Die Schauspieler Parissa Folestani und Angelo Enghausen-Micaela sind  für die Umsetzung verantwortlich. Auch das Abmischen durch Max Kotzmann geschah in Krefeld.

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„Ich denke, es ist ein sehr gutes Ergebnis. Es trägt in die Zeit der Arisierung zurück und vermittelt ein authentisches Bild, was damals geschehen ist“, sagt Linke. Die Macher haben auf historische Sounds verzichtet. „Wir wollen schon etwas zwischen Bericht und Reportage machen, aber wir wollen auch für Dritte erkennbar den Blick von außen bewahren“, erläutert er.

Die Arisierung in Deutschland, wie der Vorgang bezeichnet wurde, geschah durch Ausgrenzung auf vielen Ebenen. „Eine wichtige Rolle hat die Presse gespielt. Sie hat immer wieder betont, dass es undeutsch sei, in jüdischen Geschäften einzukaufen. Auch Behörden haben mitgespielt. Berufsverbände haben jüdischen Geschäftsinhabern Waren verweigert, und vor der Tür tauchte immer wieder SA auf und hinderte Menschen am Betreten der Geschäfte. Irgendwann haben die Ladeninhaber aufgegeben. Viele haben das Land verlassen. Der Besitz fiel dann an den Staat“, erzählt Flümann.  Franz ergänzt: „Das ist etwas, wo wir einen starken Bezug zur Gegenwart sehen. Das gleiche passiert Flüchtlingen aus Syrien. Auch ihre Habe wird vom Staat einbehalten.“

Der Audiowalk wird als App verfügbar sein. Dann kann jede Station einzeln angesteuert werden. „Momentan muss der Walk noch über unsere Homepage aufgerufen werden und kann dann als eine Datei abgespielt werden“, sagt Anja Jansen vom Werkhaus, und Linke fügt hinzu: „Die Wege zwischen den Stationen sind nicht weit. Wir haben die Pausen so bemessen, dass sie bequem zu schaffen sind.“

Der Audiowalk, eine Art automatisierte Stadtteilführung, soll  Menschen für das nationalsozialistische Erbe der Stadt sensibilisieren und den Blick schärfen für Dinge in der Gegenwart. „Vor nicht all zu langer Zeit gab es mal einen Vertreter einer bestimmten Partei, der aufgerufen hat, türkische Geschäfte zu meiden. Das ist so ein Fall, bei dem es heißt, sehr wachsam zu sein“, sagt Franz.