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Flaschenpostsuche in Krefeld: Warum sich der Inhalt nach Öffnung zerstört

Kulturaktion in Krefeld : Flaschenpost mit Hörspiel

Eine Flaschenpost finden, öffnen und einen einmaligen Moment erleben können die Krefelder in der nächsten Woche. René Linke und Andreas Simon haben das ungewöhnliche Kulturprojekt kreiert. 100 Flaschen werden versteckt.

Krefeld liegt nicht am Meer. Und trotzdem könnten Flaneure in der nächsten Woche in der Stadt auf Flaschenpost stoßen. Sie sollten den Verschluss allerdings auf keinen Fall sofort abdrehen, sondern sich ganz genau überlegen, wann und wo sie das machen. Denn der Inhalt ist flüchtig wie das Wort.

Der Autor und Regisseur René Linke und der Choreograf Andreas Simon haben in der Zeit des Lockdowns, in der die Kunst weitestgehend verschwindet und unsichtbar wird, ein Flaschenpost-Projekt konzipiert, das die Lust am Verschwinden zeigt. In den Flaschen steckt ein Hörspiel, ein Stück Kultur, das wie bei „Mission impossible“ nur ein einziges Mal zu hören ist und sich dann selbst zerstört: Wenn das Wort frei gelassen wird, verflüchtigt es sich. „Wir wollten den Moment des Erlebens wieder ermöglichen“, sagt Linke. Initialzündung für das Projekt war ein Satz von Adorno, der Kunst als eine „Flaschenpost für unbekannte Finder in einer unbestimmten Zukunft“ der bezeichnet hat.

 So sehen die Flaschenpost-Unikate aus: In jeder steckt ein Mini-Lautsprecher und eine kleine Figur.
So sehen die Flaschenpost-Unikate aus: In jeder steckt ein Mini-Lautsprecher und eine kleine Figur. Foto: Rene Linke/RL

100 Flaschen sind mit 3D-Druck-Verfahren entstanden, kleine Lautsprecher sind eingebaut, die beim Öffnen des Deckels aktiviert werden. In jeder Flasche steckt eine Miniaturfigur, die von Helfern in Heimarbeit gefertigt wurde. Diese Flaschengeister machen jedes Fundstück zum Unikat. „Manche klimpern, manche zittern, einige überleben das Öffnen nicht“, erzählt Simon. Und kein Finder weiß, was ihn erwartet.

 René Linke
René Linke Foto: Thomas Weinmann, KRESCHtheater

Aber der Ungewissheit setzen sich auch Linke und Simon aus. Denn die Flaschen gehen an eine Gruppe Jugendlicher, mit denen sie im Werkhaus einen Workshop rund ums Thema Verschwinden veranstaltet haben. Die Jugendlichen verteilen die Flaschen nach eigenem Gusto. Einzige Auflage: „Es soll in der Nähe einer Kultureinrichtung sein“, so Simon. Aber: „Die Jugendlichen bestimmen, was eine Kultureinrichtung ist.“

Linke gibt zu, dass es schwer sei, die Kontrolle abzugeben, nicht zu wissen, was mit den Flaschen passiert, welche wohl wann und wo wieder auftauchen wird. Auf dem Etikett ist die laufende Nummer der limitierten Auflage zu sehen, es gibt Hinweise zur Handhabe und zu den Urhebern, die sich über Resonanz freuen.

Die Flaschenpost ist ein Abenteuer, das viele anspricht - auf ganz unterschiedlichen Ebenen: „Komm mit ins Leere“ heißt das Hörspiel, das die „Qualität des Verschwindens, den Schmerz und die Potenz“ einfangen will  – frei nach Yves Kleins Sprung aus dem Fenster, sagt Linke. Das Foto  vom „Sprung in die Leere“ des französischen Künstlers - eine Fotomontage - ist 1960 um die Welt gegangen. Laura Brinkmann und  Angelo Micaela-Enghausen haben die Texte eingesprochen, die nach literarischen Vorlagen eingebunden sind. Mancher wird Zitate aus Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ wiedererkennen, aus Silvia Bovenschens „Verschwunden“ oder Paul Virilios „Ästhetik des Verschwindens“. Aber man muss diese Querverbindungen nicht kennen, um Lust an der Entdeckung einer Flaschenpost zu haben und den besonderen Moment zu empfinden, in dem die Kunst an die Öffentlichkeit kommt, die spannungsvolle Reise von der Bergung bis zur Verflüchtigung. „Vielleicht lässt jemand die Flasche verschlossen und hebt sie auf wie einen guten Wein“, meint Linke.

Die Flaschenpost-Idee ist im zweiten Lockdown entstanden und knüpft an die erste Aktion von Linke und Simon an. „Andreas sagte im ersten Lockdown, dass er die Künstler zu Geistern macht“, erzählt der Autor. Das war Anlass für ein Geistertänzer-Projekt mit Jugendlichen zu verstorbenen Krefelder Berühmtheiten. Linke: „Jetzt gehen wir den Schritt nach draußen, machen Kultur wieder zum Erlebnis.“

Die Flüchtigkeit von künstlerischen Ideen haben viele Kreative in diesen Monaten erfahren: „Wir haben viel für die Schublade gemacht, weil es nicht vor Publikum gezeigt werden konnte“, berichtet Linke, der bereits Ideen für einen möglichen dritten Lockdown hat. „Dann werden wir uns mit Strategien der Entleerung und mit dem Nichts auseinandersetzen.“ Dazu gehören die überquillenden Schubladen.