Krefeld: Kritik: Zu viele Billigjobs in Krefeld

Krefeld : Kritik: Zu viele Billigjobs in Krefeld

Gewerkschafter kritisieren die prekären Arbeitsverhältnisse und die hohe Arbeitslosigkeit in der Samt- und Seidenstadt.

In Krefeld findet am Tag der Arbeit die größte Mai-Kundgebung in der Region statt, erklärte Klaus Churt vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) gestern in der Fabrik Heeder. Dass sich schon seit Jahren immer wieder rund 3000 bis 4000 Arbeitnehmer im Stadtgarten versammeln, um ihre Forderung nach verbesserten Arbeitsbedingungen und Löhnen Nachdruck zu verleihen, ist für Krefeld keine Überraschung, scheinen die Beschäftigten in der Samt- und Seidenstadt doch ganz besonders unter den Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts auf dem Arbeitsmarkt zu leiden.

DGB-Kreisvorsitzender Ralf Köpke, Dominik Kofent (Verdi), Ralf Claessen (IG Metall) und Ina Korte (Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten) und Churt sind tief in die Statistiken eingetaucht, um sachlich zu untermauern, dass ihr Motto zum 1. Mai "Gute Arbeit, sichere Rente, soziales Europa" seine Berechtigung hat. Der Strukturwandel sei in Krefeld immer noch nicht abgeschlossen. In den Branchen Eisen, Stahl und Textil würden nach wie vor Arbeitsplätze abgebaut. Die Arbeitslosenquote sei mit 11,2 Prozent entsprechend hoch. 44 Prozent haben schon länger als ein Jahr keine bezahlte Beschäftigung mehr — Tendenz steigend.

Gute Arbeit heißt für die Gewerkschafter ein Zurückdrängen so genannter prekärer Arbeitsverhältnisse — sie sind schlecht bezahlt, befristet und ohne ausreichende Altersvorsorge. Ein Minijobber erwerbe zum Beispiel einen monatlichen Rentenanspruch von 1,39 Euro pro Jahr, berichtete Churt. Die Auswirkungen werden sich für die Allgemeinheit, das heißt für die Städte und Gemeinden demnächst bemerkbar machen. Dann stiegen die Ausgaben für die Grundsicherung in einem Maße, das heute kaum abschätzbar sei. Schon jetzt seien Tausende Rentner in der Grundsicherung. Etwa 4000 davon erledigten nebenbei einen 400-Euro-Job, um über die Runden zu kommen.

In Krefeld arbeite ein Viertel aller Beschäftigten in "schlechten und unsicheren Jobs". Jedes dritte Arbeitsverhältnis sei befristet und nicht nur, wie oft angeführt werde, bei den gering Qualifizierten. An der Hochschule Niederrhein verfügten rund 25 Prozent der gut ausgebildeten Mitarbeiter nur über Zeitverträge. Davon seien rund 200 Hochschul-Kräfte betroffen, informierte Claessen. Die Zahl der Leiharbeiter betrage derzeit etwa 2700 mit einem durchschnittlichen Bruttoverdienst von 1350 Euro. "Die Betroffenen trauen sich nicht, ihren Urlaubsanspruch voll auszunutzen, sie gehen krank zur Arbeit und leisten unbezahlte Überstunden", berichtet Claessen.

Die Zahl der Minijobber (400 Euro) sei in zehn Jahren um 45 Prozent auf 22 000 gestiegen. 7000 davon übten einen solchen Job zusätzlich zu ihrer Vollbeschäftigung aus. Das täten sie nicht aus Jux und Tollerei. "Die Arbeitgeber haben das Modell des Kombilohns für sich entdeckt. Sie zahlen derart niedrige Löhne, dass der Staat noch Leistungen oben drauflegen muss, damit die Beschäftigten überhaupt auf Hartz-IV-Niveau kommen", erklärt der DGB. Die Zahl der Aufstocker in Krefeld liege bei 1700 Vollzeitbeschäftigten und insgesamt 4500 Männer und Frauen, die zusätzlich zu ihren Einkünften Leistungen des Jobcenters in Anspruch nehmen müssten. Die Stadt Krefeld — und damit der Steuerzahler — bringe jährlich rund vier Millionen Euro für diese Aufstockungen auf.

Insgesamt lebten seit Jahren konstant etwa 28500 Krefelder von Hartz IV, so die Gewerkschaften. Für jedes fünfte Kind zahle die Stadt Sozialleistungen. Die Liste der Unzulänglichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen, so die Gewerkschafter gestern. Vor diesem Hintergrund, so Köpke, "bin ich persönlich enttäuscht, dass der Oberbürgermeister Gregor Kathstede seine Teilnahme am 1. Mai ohne Begründung abgesagt hat".

(RP)
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