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Krise in Krefeld: Corona und das traurige Schicksal von Oma Müller

Krise in Krefeld : Corona und das traurige Schicksal von Oma Müller

Ein Mann erzählt, was die erzwungene Corona-Isolation mit seiner Großmutter in Krefeld macht. Er ist sich sicher: Es kostet sie das Leben.

(vo) Die Redaktion hat  eine bewegende Mail erreicht, in der der Krefelder Ali Çelik, Leiter eines Pflegedienstes, vom Schicksal seiner Großmutter erzählt. Die Mitteilung ist provokant und emotional, geschrieben aus persönlicher Betroffenheit. „Ich mache mir große Sorgen um die Kollateralschäden bei älteren und pflegebedürftigen Menschen, die durch die Maßnahmen rund um Covid-19 entstehen“, schreibt Celik etwa. Seine Sorgen wollte er anhand eines „realen Schicksals“ erläutern – am Schicksal von Oma  Müller, seiner Großmutter. Celik hat eine türkischen Vater und eine deutsche Mutter. „Ich bin mir sicher, dass es vielen älteren Menschen  so geht, wie es meiner Oma geht.“ Er erzählt, wie seine Großmutter unter den Folgen der Corona-bedingten Isolation leidet; seiner Überzeugung nach hat sie der Frau allen Lebensmut geraubt. Fachleute lassen keinen Zweifel daran, dass die Quarantäne-Maßnahmen notwendig sind, um Ältere vor Ansteckung zu schützen. Der Fall eines Würzburger Altenheims, in dem zehn Bewohner an Corona gestorben sind, belegt dies eindrucksvoll. Wir dokumentieren Celiks Geschichte dennoch, weil sie zeigt, welche Belastungen die Isolation auch mit sich bringt. Hier ist seine Geschichte:

„Oma Müller ist 85 Jahre alt, war aber bis vor zehn Tagen trotz ihrer Pflegebedürftigkeit ein glücklicher und zufriedener Mensch. Ihre tägliche Motivation, aufzustehen und sich mit Hilfe ihrer Pflegerinnen anzuziehen und hübsch zu machen, waren die Besuche in einer Tagespflege-Einrichtung in Krefeld. Oma Müller traf dort auf weitere ältere Menschen und konnte mit ihnen über alte Anekdoten oder auch das Tagesgeschehen sprechen. Es wurde hin und wieder mit einem kleinen Eierlikör angestoßen und viel gelacht. Das Mittagessen in Gesellschaft war für alle ein Höhepunkt des Tages, denn am Abend saß man in der Regel beim Abendbrot wieder ganz alleine daheim. Dann kam der Corona-Virus und veränderte ihr Leben. Nein, Oma Müller hat sich nicht mit dem Virus infiziert. Aber der Virus oder besser gesagt, die Maßnahmen, die von der Politik ergriffen wurden, haben das Leben von Oma Müller verändert.

Am 16. März musste ihre Tagespflegeeinrichtung aufgrund eines Erlasses der Landesregierung die Pforten schließen.  Für Oma Müller brach die wichtigste Säule in ihrem Leben weg. Sie verstand es nicht, warum sie plötzlich nicht mehr in die Tagespflege ihre liebgewonnene Gruppe treffen durfte. Oma Müller hat an dem Tag entschieden nicht mehr aus dem Bett aufzustehen. Nicht aus Protest, sondern weil man ihr die letzte Lebensqualität genommen hatte. Oma Müller baute von Tag zu Tag ab. Die Ödeme an ihren Beinen wurden schlimmer. Ein Arzttermin wäre erst Anfang April möglich, und das Krankenhaus würde nur ungern aufnehmen können, weil Betten für Corona-Fälle freigehalten werden müssten. Dort wäre aber auch kein Besuch gestattet.

Oma Müller baute weiter ab. Die Familie hat entschieden, Oma Müller zu Hause zu lassen und nicht alleine im Krankenhaus sterben zu lassen, ohne sich dann würdevoll verabschieden zu können. Nun liegt Oma Müller zu Hause im Bett, schläft beinahe rund um die Uhr, isst und trinkt so gut wie nichts mehr. Alle sind um sie herum und warten darauf, dass sie in Frieden einschläft.

Oma Müller wird nicht eine weitere Zahl in den Corona-Statistiken sein, die uns in Tickern und etlichen Sondersendungen präsentiert werden. Aber Oma Müller ist eines der Kollateralschäden, die das Corona-Virus und die Maßnahmen der Politik mit sich bringt. Unsere Kanzlerin Angela Merkel sagte vor wenigen Tagen zurecht: „Jedes Menschenleben zählt!“. Aber gilt dieser Maßstab bei Oma Müller und ganz sicher bei vielen anderen älteren und kranken Menschen etwa nicht?

Der Fokus ist auf eine Pandemie gerichtet, um die Risikogruppe älterer, kranker und vorbelasteter Menschen vor einer Ansteckung zu schützen. Was eine traurige Ironie!  Am Ende sterben womöglich an den Kollateralschäden mehr Menschen als am Virus selbst. Bei Oma Müller wird es jedenfalls so sein.

Wie gerne hätte ich Oma Müller in Ihrer unnachahmlichen Art noch mal sagen hören: „Jung, mich jeht et jut!“, so bleibt mir aber nur noch der Satz „Mach et jut Oma!“.“