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Kreschtheater Krefeld zeigt ein starkes Familienstück mit "Rico, Oskar und die Tieferschatten"

Kindertheater in Krefeld : Kinderlebenswelten im Mietshaus

Zwei Außenseiter und ihre außergewöhnliche Freundschaft berühren das Publikum. Das Kreschtheater zeigt mit „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ ein starkes Familienstück. Die Premiere wurde begeistert gefeiert.

Als Rico und Oskar sich zum ersten Mal begegnen, läuft Rico geradewegs die Lange Dieffe runter, hier fühlt er sich sicher, verlaufen kann er sich auf dieser Straße nicht, denn das wäre seine größte Angst, „man muss nie abbiegen,…außerdem gibt es hier alles, was man braucht“. Und aus diesem Grund, erzählt Rico, ist seine Mutter mit ihm hierhin gezogen. Lange Wege kann er nicht gut behalten, „schon gar keine mit Ecken“. Oskar wohnt nicht in der Gegend, das wäre ihm längst aufgefallen, denn obwohl er mindestens einen Kopf kleiner ist als Rico, ist er nicht zu übersehen: Er trägt einen blauen Motorradhelm.

Die beiden Hauptcharaktere des  Theaterstücks „Rico, Oskar und die Tieferschatten“, mit dem das Kreschtheater jetzt seine Spielzeit eröffnet hat, könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein: Rico (Philipp Burkhard Winkler), ein „tiefbegabtes Kind“, das zwar sehr viel denken kann, aber meistens etwas länger dafür braucht, und Oskar (Dorothea Booz) ein „hochbegabtes Kind“, das sich mit seinem Sturzhelm vor den Gefahren des Alltags gewappnet fühlt und sehr schnell kombinieren kann. Beide sind Außenseiter – mit ihrer ganz eigenen Sicht auf die Welt.

Die Lebenswelten der beiden Jungs werden in der Inszenierung von Sven Jenkel so eindringlich beschrieben, dass man als Zuschauer fast das Gefühl hat, ebenfalls Teil der Nachbarschaft in der Langen Dieffe zu sein. Fünf bunte Türen stehen für das fünfstöckige Haus. Hinter jeder wohnen Menschen. Rico und Frau Dahling (Thekla Viloo Fliesberg in einer großartigen Doppelrolle) leisten einander Gesellschaft. Und mehr als das, sie stärken sich gegenseitig. Frau Dahling ist Ricos Vertrauensperson, besonders dann, wenn seine Mutter bis frühmorgens arbeitet.

Es macht großen Spaß den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich durch das abendliche Fernsehprogramm aus Werbespots, Nachrichten und Wohnzimmerfitness-Kurse zappen.

Alle Haupt- und noch so kleinen Nebenfiguren sind wunderbar besetzt (die passenden Kostüme hat  Pia Preuss gemacht). Besonders Ilka Luza als Ricos Mutter, eine „mutige, aber nicht kaltblütige“ Frau, spielt ihre Rollen mit großer Leidenschaft. Ebenso David Gerlach, echter Berliner, also „Schnauze mit Herz“, spielt mit Kindheitserinnerungen im Kopf, die jenen von Rico und Oscar sehr nah kommen dürften.

Da es sich um eine Detektivgeschichte handelt, kreist der Plot um den grausamen „Mister 2000“, einen Kindesentführer, der seit Wochen in Berlin sein Unwesen treibt. Und ohne es zu wissen, befindet sich Rico bereits mittendrin im Kriminalfall, und sein neuer bester Freund Oskar ebenfalls.

Es ist schon eine große Leistung, die Jenkel und seinem Team, allen voran den Schauspielern, hier in 80 Minuten gelungen ist. Denn trotz der schnellen Geschwindigkeit, mit der das Stück von Anfang bis Ende gespielt wird, nimmt sich der Regisseur immer wieder Zeit für stillere Passagen und berührende Momente (Dramaturgie: Helmut Wenderoth), die nie vorhersehbar wirken. Was sicher nicht einfach war, da durch die herrschenden Corona-Schutzmaßnahmen auch die Schauspieler (bis auf das Paar Booz und Winkler) immer auf Abstand zueinander spielen mussten.

Andreas Steinhöfels Sprache ist poetisch und originell. Der Autor beobachtet so gut und schlägt einen Ton an, der das junge, wie das erwachsene Publikum gleichermaßen adressiert – ein starkes Familienstück, das mit einem langhaltenden Applaus vom Publikum gefeiert wird.