Krefelds Künstler Heinrich Campendonks wunderbare Kunstkarten

Museum Penzberg : Heinrich Campendonks wunderbare Kunstkarten

Der Krefelder Künstler Heinrich Campendonk ist vordergründig durch seine Freundschaft zu Franz Marc und der Zugehörigkeit zur Künstlergruppe „Der blaue Reiter“ charakterisiert. Und tatsächlich beinhaltet das einen Funken Wahrheit. So ließ sich der 1889 geborene Rheinische Expressionist vom Briefwechsel zwischen Marc und Else Lasker-Schüler inspirieren und tauschte sich im Weltkrieg 1915 auf gemalten Postkarten aus — die sind erstmals ausgestellt.

Der berühmte Krefelder Maler Heinrich Campendonk war gerade erst Vater des geliebten Sohnes Herbert geworden, als er zum Wehrdienst im Ersten Weltkrieg eingezogen wurde. Die Zeit der Trennung auch von seiner Frau Adelheid genannt Adda überbrückte und überstand der Rheinische Expressionist nur mit seinen gemalten Grüßen — kunstvoll gestaltete Postkarten —, die jetzt erstmals im Museum Penzberg in Bayern in der Ausstellung „einfach. magisch“ zu sehen sind. Campendonk-Expertin Gisela Geiger hat dazu einen Katalog erstellt, in dem die Postkarten und ihre Botschaften erklärt werden.

Wie schwer Campendonk der Abschied von seiner kleinen Familie gefallen war, ist auf den Postkarten nachzulesen. Als er dann vorzeitig vom Militär entlassen wurde, hatten Frau und Sohn das bayerische Domizil bereits verlassen und waren an den Niederrhein nach Kleve zu Campendonks Schwiegermutter zurückgekehrt. Sindelsdorf wollte er auch verlassen. Er war einsam dort. Marc stand an der Front in Frankreich, August Macke war bereits gefallen, und Wassily Kandinsky, Alexey von Jawlensky und Marianne von Werefkin hatten Deutschland verlassen müssen.

Nach der Präsentation der Hinterglasbilder im vergangenen Jahr erweist sich das Museum Penzberg erneut mit drei weiteren Besonderheiten als federführend in Sachen Campendonk: Kleine, brillante Juwelen der Ausstellung sind Campendonks gemalte Postkartengrüße an seine Frau Adda von 1915, die zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden.

Heinrich Campendonks Kunst galt zur Zeit des Nationalsozialismus als entartet. Er musste unter anderem seinen Lehrauftrag als Professor der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf aufgeben. Foto: KA/Lammertz, Thomas (lamm)

Zudem offenbart die Kombination von Holzschnitten und originalen Druckstöcken einen Einblick in den Werkprozess. Einen einfach magischen Schwerpunkt bilden die wunderbaren Aquarelle um 1920, ein Höhepunkt in Campendonks Schaffen, die einen schon technisch wie thematisch ausgereiften Künstler zeigen.

Heinrich Campendonk beschwor in seinen gemalten Postkarten, die er während des Wehrdienstes im Ersten Weltkrieg an seine Frau Adda schrieb, die familiären Gemeinsamkeiten. Foto: KA/NN (nn)

Hierzu gehört vor allem der „Penzberger Reiter“ von 1918. Das Kriegsende und der politische Umbruch veranlassten Campendonk, den sieghaften Heiligen Georg aus dem Motivvorrat des „Blauen Reiters“ wieder aufzunehmen und eine Neuinterpretation vor der Kulisse der oberbayerischen Bergarbeiterstadt zu gestalten. Hier kann man die Notwendigkeit des sozialen Wandels sowie das revolutionäre Potential herauslesen. Es ist eines der schönsten Aquarelle Campendonks.

Die Friedhofskatze, 1913, Deckfarbe und Tuschfeder. Foto: Museum Penzberg

Mit der Sonderausstellung „einfach. magisch“ beschreitet das Museum Penzberg weiterhin den Weg, den es 2002 eingeschlagen hat: Den Rang des Krefelders Heinrich Campendonks als Künstler wieder öffentlich erkennbar zu machen und einem breiteren Publikum den Zugang zum komplexen Lebenswerk zu eröffnen. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen haben das Interesse an diesem Künstler wieder geweckt, der durch Exil und Kriegserfahrung bedrückt sich selbst aus dem Kunstgeschehen zurückgezogen hatte. Seit der Wiedereröffnung des Museums Penzberg mit einem Erweiterungsbau 2016 beherbergt es mit dem Nachlass des Künstlers sowie weiteren bedeutenden Werken eine eigene „Sammlung Campendonk“.

Liegendes Tier 1913, Deckfarben über Blei. Foto: Museum Penzberg

Zur Charakterisierung der Bilder Campendonks sind immer wieder Begriffe wie Traum, Magie und Mysterium herangezogen worden, um ihre beinahe surreale Ausstrahlung zu beschreiben. Sie ist Ausdruck der Spannung zwischen der Reduktion auf ruhige, wiederkehrende Bildgegenstände einerseits und einer hohen darunterliegenden Emotionalität. Seinen einfachen Motiven unterlegt der Künstler mit einer durchdachten Farbsetzung und souveränen Komposition eine malerische Vielschichtigkeit, wodurch faszinierende, magisch aufgeladene Bildwelten entstehen. Dem Betrachter präsentiert sich diese Beziehung von Oberfläche und Tiefe als Rätsel: Je länger man schaut, desto geheimnisvoller und vielschichtiger werden diese Werke.

Liebespaar auf Sofa , 1915, Deckfarben über Blei auf Papier. Foto: Museum Penzberg

Die Sonderausstellung „einfach. magisch“ präsentiert einen weiten Überblick über das Schaffen des Künstlers. Gezeigt werden Werke in vielfältigen Techniken und aus den unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Die eigene Sammlung des Museums wird durch Leihgaben aus deutschen, niederländischen und belgischen Museen sowie aus Privatsammlungen ergänzt.

Als jüngstes Mitglied des Künstlerkreises um den Almanach „Der Blauen Reiter“ hat Campendonk aus der Nähe zu Franz Marc, Wassily Kandinsky und August Macke wesentlich Anregungen empfangen. Gleichzeitig entstehen mit den aquarellierten Tuschpinselzeichnungen ab 1912 völlig eigenständige, dynamische und höchst persönliche Arbeiten, die einen ersten Höhepunkt seines Schaffens bilden. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der erzwungenen künstlerischen Emanzipation aus dem Kreis der frühen Expressionisten entstehen ausgereifte Aquarelle, Öl- und Hinterglasbilder. Neue Wege begeht Campendonk in der Exilzeit in Belgien und den Niederlanden, wo er in Amsterdam eine Professur für Wandmalerei und Glasfenstergestaltung innehat. Ab 1946 tritt im Spätwerk nochmals eine Weiterentwicklung und Intensivierung hervor.

Mit der Ausstellung „einfach. magisch – die Bildwelten Heinrich Campendonks“, die bis zum 16. September, geöffnet ist, verabschiedet sich Gisela Geiger vom Museum in Penzberg. Trotz aller Turbulenzen ist es gelungen, eine ganz besondere und unbedingt sehenswerte Ausstellung von hoher Qualität zusammenzustellen, die mit zahlreichen bisher hier nicht gezeigten Werken viele Überraschungen bereithält. Museen und Leihgeber aus den Niederlanden, aus Belgien und der Schweiz sowie aus Deutschland haben ihre Schätze hergegeben, die zum Teil erstmalig in Deutschland zu sehen sind. Es seien lauter wunderbare Werke, Höhepunkte aus dem Schaffen Campendonks, sagt die Kuratorin.

Seit 2002 hat das Museum Penzberg daran gearbeitet, die Bekanntheit und Wertschätzung des Krefelder Künstlers mit Ausstellungen und Katalogen sowie durch Forschung (Hinterglasbilder) zu fördern. Diese Ausstellung bietet Gelegenheit, einen reichhaltigen Gesamtüberblick (über 100 Werke) des vielfältigen Schaffens zu gewinnen und an Spitzenwerken Campendonks lange unterschätzte künstlerische Bedeutung zu ermessen. Keineswegs ist Campendonk nur festzulegen auf das Etikett „der jüngste der Blauen Reiter“. Vielmehr entwickelte er seinen eigenen Stil und vor allem seine eigenen Bildwelten erst nachdem er sich aus dieser Gruppierung ab 1916/17 emanzipiert hatte. Gerade hierauf liegt der Schwerpunkt der Ausstellung, informiert Gisela Geiger.

Der Hund, welcher Herbert bewachen muss, um 1915. Foto: Museum Penzberg
Wir lieben Herbert, 6. September 1915, Aquarell und Feder auf Papier, auf Postkarte aufgezogen. Foto: Museum Penzberg
Zwei Hähne von Heinrich Campendonk um 1912, Aquarell über Blei, Nummer 198 des Werkverzeichnisses, Rückseite ohne Beschriftung. Foto: Museum Penzberg
Akt umd Pferd um 1915, Collage, Deckfarben und Feder auf Papier und auf Postkarte aufgezogen und beschnitten. Foto: Museum Penzberg

Die phantastische Welt der Bilder Heinrich Campendonks (1889-1957) ist immer wieder als magisch, lyrisch, poetisch beschrieben worden. Die einfachen Themen erfahren eine intensive Aufladung durch die besondere Farbigkeit und sichere Komposition der Malerei. Durch die Wiederholung einzelner Motive verknüpfen sich die Bilder untereinander zu einer eigenen bedeutungsvollen Welt. Die Beziehung von Oberfläche und Tiefe der Darstellung zeigt sich dem Betrachter als ein Rätsel.

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