Krefelder Waldorfschule weiht ungewöhnlichen Containerbau ein

Krefeld: Zum Jahrhundert-Jubiläum: Waldorfschule weiht Zusatzbau ein

Die Waldorfschule weiht heute einen ungewöhnlich schönen Containeranbau ein. Er ist auch im Blick auf das Jubiläumsjahr 2019 ein Zeichen – die abgeschrägten Fenster fehlen.

Es ist das, was man einen Blickfang nennt: Von der Kaiserstraße aus öffnet sich ein ungewöhnlicher Gebäudekomplex, der einerseits steil und selbstbewusst aufragt, andererseits mit seinen warmen Holztönen einladend und freundlich wirkt. Heute wird er eingeweiht: Es ist der provisorische Erweiterungsbau der Waldorfschule, der ein Stück versetzt zum Haupthaus auf der anderen Seite der Kaiserstraße in Höhe des Waldorf-Kindergartens steht. Eigentlich wollte die Waldorfschule anbauen; das ging dann aber zur bösen Überraschung aller aus baurechtlich-historischen Gründen nicht. So hat die Stadt mit einem nahen Grundstück ausgeholfen, das jetzt zunächst für fünf Jahre von der Waldorfschule genutzt wird. „Es ist ein Provisorium, das aber auch 80 Jahre halten kann“, sagt Schulleiter Thomas Lutze-Rodenbusch.

Für die Krefelder Waldorfschule ist es ein Neuanfang in mehrfacher Hinsicht: Die Schule hat quasi am Vorabend der 100-Jahr-Feiern im kommenden Jahr zur Gründung der ersten Waldorfschule eine mutige Entscheidung getroffen. Zugleich wirft der Bau auf seine Weise die Frage auf, was denn Waldorfpädagogik heute ausmacht. Die berühmten abgeschrägten Fenster wie im Haupthaus gibt es jedenfalls nicht mehr. Schulleiter Lutze-Rodenbusch greift das Thema augenzwinkernd mit dem Begriff vom „appen Fenster“ auf und leitet dann doch zu grundlegenden Fragen über: „Es gibt auf die Frage, wo denn die ‚appen Fenster’ geblieben sind, eine ernsthafte Antwort: Wir haben schon darüber nachgedacht, dass es ein Jahrhundert nach der Gründung der ersten Waldorfschule auch ohne solche Schrägen gehen muss. Wir wollen das Jubiläum auch zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, was Waldorfpädagogik wirklich ausmacht“, sagt er.

Der rechte Winkel ist an anderer Stelle dann doch durchbrochen – und dieser zentrale architektonische Einfall macht den Komplex so interessant. Es gibt einen Quer- und zwei Längsriegel; ein Längsriegel steht im spitzen Winkel zum anderen, so dass eine sehr spezifische Atrium-Anmutung entsteht. „Der Komplex ist in Container-Bauweise gefertigt, in Modulen“, sagt Architekt Piet Reymann, „wir haben die Container so angeordnet, dass ein Raumbild entsteht, das als Pausen- und Erschließungsraum genutzt werden kann.“ Entstanden sei eine „flurlose Schule“, die dennoch klar um ein strukturiertes Zentrum gruppiert ist.

Die Container sind aus Holz gefertigt – mit einer Dämmung von 20 Zentimeter im Kern der Außenwände. Diese Nachhaltigkeit war den Waldorfschul-Verantwortlichen wichtig, genauso wie die Beheizung durch eine umweltfreundliche Luft-Wärme-Pumpe, die der Luft Wärme entzieht und damit die Fußbodenheizungen in den Gebäuden füttert. Die Technik funktioniert bis an null Grad; wird es kälter, wird elektrisch zugeheizt.

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Die Entscheidung zur Erweiterung war durchaus dramatisch: Die Schule wollte die bis zu 40 Schüler großen Klassen verkleinern und stand vor der Wahl, entweder weniger Schüler aufzunehmen und Lehrer zu entlassen oder die Klassen zu teilen. Die Entscheidung hieß: teilen. Daraus spricht der Optimismus, dass das Waldorf-Konzept auch im zweiten Jahrhundert seiner Geschichte genügend Eltern überzeugt, ihre Kinder dieser Schule anzuvertrauen.

In dem Zweitbau stehen nun acht Klassenräume, ein Lehrer- und ein Schüleraufenthaltsraum zur Verfügung. Neben den Waldorfklassen residieren auch zwei Realschulklassen im Waldorf-Bau, denn auf dem Grundstück treffen sich nun drei Schulen: die Waldorfschule, die Realschule Oppum und die Stephanus-Hauptschule; die beiden anderen Schülergruppen sind in klassischen Containern untergebracht – bis auf zwei Realschulklassen, die im Waldorfbau eine Heimat gefunden haben.

Die „appen Ecken“ an den Fenstern, also die Vermeidung rechter Winkel, ist dem Bestreben organischen Bauens geschuldet. Der rechte Winkel kommt in der Natur nicht vor – dieser Grundsatz gehörte zu den Formprinzipien des Anthroposophen und Begründers der Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner (1861-1925). Bekanntes Beispiel ist das Goetheanum in Dornach in der Schweiz.

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart gegründet, 1947 kam die Krefelder Waldorfschule als siebte Waldorfschule bundesweit hinzu. Die Waldorfschulen, die besonderen Wert auf musisch-künstlerische Bildung legen, sind rechtlich Gesamtschulen. Das – zentral von außen abgenommene – Abitur wird also nach Klasse 13 abgelegt. Steiner wird mit seinen esoterisch geprägten Lehren von Nicht-Anthroposophen kritisch gesehen; die Waldorfschulen aber haben sich in dem Jahrhundert ihres Bestehens einen soliden Ruf und Respekt erarbeitet.

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