Krefelder Markus und Albert Oehlen machen Kunst mit Kordeln

Kunstsammlung Chemnitz : Krefelder macht Kunst mit Kordeln

Markus und Albert Oehlen sind wohl das berühmteste Brüderpaar Krefelds. Die beiden Künstler sind jenseits der 60. Ihre Biografien haben sie nach den Anfängen als „Junge Wilde“ in der punkbewegten Szene Düsseldorfs in gesellschaftskonforme Gewässer geführt. Beide erhielten Professuren an Hochschulen der Künste, beide werden mit musealen Ausstellungen geachtet. Die Kunstsammlungen Chemnitz stellen aktuell und noch bis zum 14. Oktober neue Arbeiten von Markus Oehlen aus.

Markus Oehlen lässt sich in keine Schublade stecken. Er war Abbruchunternehmen und ist heute Bauherr der Kunst. In den wilden Jahren als Student in der Klasse Alfons Hüppi an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf gehörte er zu denen, denen die Demontage des traditionellen Kunstbegriffs ein Anliegen war — sowohl in der Malerei als auch in der Musik. Punk und Junge Wilde waren Synonyme für Ausdrucksformen selbstbewusster Dilettanten. Wie so oft, steckte beim genauen Hinsehen und Hinhören mehr dahinter, als unreflektierte Handlung von Unbegabten.

Heutzutage lehrt Markus Oehlen als Professor an der Akademie für Bildende Künste in München. Sein nicht minder erfolgreicher Bruder Albert lehrte neun Jahre lang in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Beide bauten am Gerüst einer neuen Künstlergeneration, die neue Felder wie die digitalen Welten für sich entdeckt. Neben der Aufgabe als Pädagoge blieb die eigene  künstlerische Arbeit stets im Fokus. „Ich glaube nicht an die ehrliche Malerei. Ich liebe den Mix von Fotografie, Grafik, Malerei und Skulptur“, fasst er später seine Arbeitsweise zusammen“, sagte Markus Oehlen.

Die Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz präsentieren bis zum 14. Oktober neue Werke des Künstlers Markus Oehlen. Bestimmende Elemente der 2018 entstandenen Arbeiten sind Kordeln und Druckplatten. Die besondere Ästhetik dieser Kombination macht den Reiz der Bilder aus, die in Chemnitz nun erstmals zu sehen sind.

Während Markus Oehlen an der Kunstakademie in Düsseldorf studierte, war die deutsche Malerei bei vielen Künstlern der jungen Generation stark von der Punkbewegung geprägt. Oehlen wählte damals einen anderen Weg als viele seiner Malerkollegen, die mit politisch provokanter und satirisch figurativer Malerei provozierten. Gegen den damaligen Trend löste er seine Kunst von gesellschaftlichen Themen und experimentierte grenzüberschreitend mit künstlerischen Ausdrucksformen.

Die Kordel, die Markus Oehlen kontinuierlich für seine Bilderfindungen nutzt, befestigt er auf Holz und verwendet sie als Stempel. Die Druckplatten werden mit schwarzer und blauer Acrylfarbe auf großformatigen Nesselstoff gedruckt. Mit dieser Stempeltechnik erzeugt der Künstler eine spezielle grafische Textur und Materialität auf dem Stoff. Seine Bilder wirken wie flüchtig entstandene Kritzeleien mit dem Kugelschreiber. Rätselhaften abstrakten Elementen setzt Oehlen deutbar Figuratives gegenüber. Die Vielfältigkeit der Bildsprache verlangt intensive Betrachtungen. Im fantastischen Makrokosmos der Werke finden sich unzählige Details. Auswahl und Anordnung der Motive scheinen wie zufällig ausgewählte Zitate einer Welt, in der alle Themen, Stilrichtungen und Beobachtungen bereits medial bearbeitet sind. Köpfe, Arme, Tiere, Fabelwesen, Pflanzen, Objekte oder Schemenhaftes werden aus Linien, geometrischen Formen und Bänderstrukturen zusammengefügt und tauchen in immer neuen Verbindungen und Überlagerungen auf. Schnell erfassbare Kompositionen wechseln sich mit feinteiligen Clustern ab. Gitter- und Netzstrukturen korrespondieren mit ornamentalen und organischen Elementen. Formen verwachsen mit Linien, werden von ihnen überzogen und zu einem quirligen, unruhigen Gespinst verbunden. Daneben stehen ruhige Bildzonen mit vertikalen und horizontalen Strichen.

Im Kontrast zu diesen Werken mit überwiegend blauer Farbgebung stehen farbintensive Kordel- oder Wickelbilder, bei denen Oehlen die Schnur direkt einarbeitet. Sie bildet eine haptische Linie, die den abstrakten Arbeiten Reliefcharakter verleiht. Farbig kontrastreich auf die tapezierten Museumswände gehangen, wird die Wand als funktionales Architekturmotiv neu bestimmt und entwickelt sich selbst zum Bild. Die Ausstellungsräume dienten dem Künstler als ein Atelier auf Zeit. Die Tapete ist zusammengefügt aus computerbearbeiteten Zeichnungen, die ein breites Spektrum der Bildideen der letzten Jahre bündeln. Der Künstler hinterfragt mit dieser Kombination die feste Verortung des Visuellen in unserer Wahrnehmung.

Ausstellung in der Kunstsammlung Chemnitz. Foto: Kunstsammlung Chemnitz/Markus Oehlen
Markus Oehlens Bilder wirken wie flüchtig entstandene Kritzeleien mit dem Kugelschreiber. Rätselhaften abstrakten Elementen setzt der Krefelder deutbar Figuratives gegenüber. Die Vielfältigkeit der Bildsprache verlangt intensive Betrachtungen. Im fantastischen Makrokosmos der Werke finden sich unzählige Details. Foto: Kunstsammlung Chemnitz/Markus Oehlen
Ausstellung in der Kunstsammlung Chemnitz. Foto: Kunstsammlung Chemnitz/Markus Oehlen
Die Ausstellung in den Kunstsammlungen endet am 14. Oktober. Foto: Kunstsammlung Chemnitz/Markus Oehlen
Markus Oehlen zeigt aktuelle Arbeiten in Chemnitz. Foto: Kunstsammlung Chemnitz/Markus Oehlen

Markus Oehlen ist auch als Musiker aktiv. Seine Bildkompositionen werden daher treffend mit dem Sampling und Arrangieren in der Musik verglichen. Er ist Dirigent seiner Bildwelten und entscheidet durch die Auswahl der Motive sowie der Intensität, mit der er andere Formen bis zur Unkenntlichkeit überstempelt oder ihnen Raum gibt, über die Stimmungen seiner Arbeiten. Im Wechsel zwischen konkret und abstrakt entdeckt der Betrachter das, was er gerade sucht, abhängig von seinen Erwartungen, Erfahrungen, Bedürfnissen, seinem Wissen und seiner Vorstellungskraft.

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