Krefelder Marionattentheater feiert Jubiläum

Krefeld : 40 Jahre Pappköpp

Das Ensemble ist in Krefeld eine Institution: Die Pappköpp feiern Geburtstag.

Auch die bibelfestesten Krefelder wissen inzwischen, wie das wirklich war mit den Zehn Geboten: Die hat ein Mann „en dä Stieen jetömmert“ und zwar „be die Erdmännekes en dä Krieewelsche Zoo“, weil es dort genau so aussieht wie einst auf dem Berg Sinai. Der Gebote-Hämmerer war Matthes — der fängt ja im Namen wie Moses mit einem M an und ist bekannt dafür, dass er Weltgeschichte gerne mal, sagen wir, subjektiv aufbereitet. Egal, ob es um Ereignisse von  historischem Ausmaß geht oder um Sandkörnchen im Alltagsgetriebe, an denen es sich schön reiben lässt. Wer sagt denn, dass Uosel (= Ungemach) aus dem täglichen Leben weniger wichtig zu nehmen sei als ein Weltwirtschaftsgipfel.  Man muss den Mikrokosmos nur entsprechend groß betrachten. Im Universum der Krefelder Pappköpp funktioniert die Brennglas-Methode seit 40 Jahren. Am 17. November beginnt die Jubiläumsspielzeit.

Peter Krupp mit Puppe „Matthes“: Die Spieler der Puppen spielen tatsächlich nur; gesprochen wird der Text von Sprechern. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

„Veärzig Jooehr. Extra Zooert“ heißt das Programm, das bis zum 16. März 26 Mal auf der  Pappköpp-Bühne an der Peter-Lauten-Straße gespielt wird. Es ist eine Art Best of. Und damit haben für das Team des Krefelder Marionettentheaters schon die Schwierigkeiten begonnen. Wer drei Pappköpp nach ihren Lieblingsproduktionen fragt, erhält mindestens sieben verschiedene Antworten. „Wir besprechen alle Stücke miteinander“, sagt Manfred Coelen. Er ist neben Christel Loos und Ralf Kochann ein Strippenzieher der ersten Stunde — beziehungsweise: Coelen ist Sprecher, Kochann Regisseur, Loos ist auch Spielerin. Die Rollen und Aufgaben sind bei den Pappköpp ebenso verteilt wie die Charakterzüge den jeweiligen Puppen zugeordnet sind. Das ist nicht nur dem Publikum wichtig, das die Marotten der Marionetten so liebt, dass mancher Pappkopp im privaten Kreis schon mal gefragt wird, wie alt Opa Angermanns denn nun eigentlich sei, dessen 100. Geburtstag das Marionettenensemble doch in einer Inszenierung vor einigen Jahren gefeiert hat. Mal nachgezählt: Inzwischen müsste der Alte 108 sein. Doch er ist immer noch agiler Mitstreiter auf der  kleinen Bühne.

Charakteristische Merkmale eines Krefelder Originals: Uhren, die Will Cassel stets an einer Kette um den Hals trägt, und das schwarze Outfit. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Rund 40 Puppen gehören zu den Pappköpp, und die müssen für die Krieewelsche Bearbeitung von Klassikern auch mal in andere Rollen schlüpfen: Matthes als Moses zum Beispiel, als die Marionetten im vergangenen Jahr die Bibel  auf ihre Weise interpretiert haben. „Dazu hat es bei uns lange und durchaus kontroverse Diskussionen gegeben“, erzählt Manfred Coelen.  Doch so, wie das Ensemble die Heilige Schrift in „Öm Joddes Welle! Stieeht dat suo en die Bibel?“ aufbereitet hat, waren nicht nur die Akteure, sondern auch das Publikum glücklich: „Nä wat es dat schön“ hieß die Betrachtung des Paradieses, „Nä, wat en lecker Jöngke“ die Geburt Jesu, „Wat jövvet tu eäte?“ das letzte Abendmahl. Auch Goethes „Faust“ und die „Krieewelungen“ haben die Puppen gespielt, das „Daarestiet TV“ verjuxt und jede Menge Lokalkolorit auf die Bühne gebracht. Es gibt eine Kulisse des Traditions-Kaffeehauses Schmitz mit Personal, einen kompetenten Stadtangestellten namens Nömeses, die einem „Herbst Pitt“-Kellner nachempfundene Gastro-Fachkraft, die Miniaturausgabe des Künstlers Will Cassel mit seinem Markenzeichen, den drei Uhrengehäusen um den Hals, und natürlich Gertrud von der Heilsarmee. Eine der jüngsten Figuren ist die schräge Cilly. Die entstand auf Wunsch von Walburga Watzlawik. „Ich wollte eine weibliche Figur, die Widerworte gibt und den Männern richtig die Meinung sagt.“ Die Verbindung der Spieler zu ihren Puppen ist innig. „Sie wachsen einem ans Herz. Man identifiziert sich schon sehr mit ihnen“, sagt Christa Bürgers.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist beabsichtigt. Den Künstler Will Cassel haben die Pappköpp mit einer Puppe verweigt. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Manfred Coelen erinnert sich an die Anfänge 1978. Ralf Kochann und Karl-Heinz Boves besuchten eine Vorstellung des Prager Marionettentheaters Sejbl & Hurvinek im  Stadttheater Krefeld. Danach entstand die Idee, auch in Krefeld eine Puppenbühne zu gründen — in der dann natürlich Krieewelsch gepflegt wird. „Innerhalb weniger Wochen waren wir zehn Gleichgesinnte. Aber wir hatten nichts.“ Als erste Figur kam der Drickes, der ursprünglich in den Schulen die Schüler erfreute. Die erste Vorstellung folgte im Juni 1979 im  Jazzkeller. „Das ist unsere Urstätte.“ Themen für die ersten Produktionen fanden die jungen Pappköpp im Alltag, setzten den „Internationalen Frühschoppen mit fünf Journalisten aus sechs Ländern“ um, nahmen den „Westwallmaart“ aufs Korn  und so wurde es immer mehr. Die Puppenmannschaft vergrößerte sich, Cornelius de Greiff kam dazu, die Familie Angermanns rund um Schäng wuchs... Inzwischen hat das Ensemble 630 Stücke im Repertoire.

Manfred Coelen, „Pappköpp“-Gründungsmitglied und Sprecher von „Matthes“ mit Puppe „Rüdiger“ (Tiefers). Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Und immer wieder fällt der Name Rüdiger Tiefers: Der verstorbene künstlerische Leiter hat große Fußstapfen hinterlassen. Die Marionette „Rüdiger“ baumelt an einem Ständer neben dem großen Porträtfoto Tiefers. Erinnerung bleibt. „Ohne Rüdiger Tiefers können wir nicht mehr so schnell neue Puppen machen“ sagt Coelen. Matthes, Schäng und Co. sind es allerdings gewohnt, in andere Rollen zu schlüpfen.  Für Shakespeares große Liebesgeschichte verwandelte sich Matthes mit Perücke zur Julia.

Das Bühnenbild von „Kaffeehaus Schmitz": Gespielt werden Schwester Gertrud von der Heilsarmee (lange tot), sie ging früher durch Kneipen und Gaststätten und sammelte. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Manche Puppen gibt es nicht mehr. „Pützhofen“ ist nicht mehr da. Obwohl der einen ganz großen Auftritt hatte. Coelen verweist auf die Höhepunkte in der Geschichte des kleinen Theaters: Als im Jahr 1983 das Jubiläum „300 Jahre Krefelder in Amerika“ gefeiert wurde, ist die Puppe mit den Pappköpp und dem Original Dieter Pützhofen als Oberbürgermeister in Philadelphia mit in der Steubenparade gezogen. „Zum 20. und zum 25. Jubiläum hatten wir auch einen eigenen Wagen im Rosenmontagszug“, sagt Coelen. Und den „Faust“ haben die Puppen 1997 an historischer Stätte gegeben: im Goethe-Theater Bad Lauchstädt — eigens in einer hochdeutschen Fassung.

Das wichtigste Jahr für das Ensemble war 2004, als die Truppe endlich ein eigenes Theater bezog: In der ehemaligen Kirche St. Bonifatius Mitte an der Peter-Lauten-Straße, die nach der Entweihung Mitte der 60er Jahre als Turnhalle der damaligen Grundschule genutzt wurde, haben sie sich bestens eingerichtet. In der spielfreien Zeit stehen dort überall Kulissenteile und Bühnenversatzstücke. Der Saal mit 160 Sitzplätzen an Tischen ist gemütlich. Hinter der Bühne herrscht Enge, die generalstabsmäßig verplant ist. Jeder Winkel erfüllt eine Funktion. In einer kleinen Nische haben die Sprecher ihren Platz. Sie können die Spieler und die Figuren auf der Bühne nicht sehen. „Das proben wir alles ganz genau“, sagt Petra Lentzen. Einen Einsatz habe noch niemand verpasst. zumindest nicht so, dass das Publikum etwas gemerkt hätte.

Die Puppen sind liebevoll an Regale und Ständer gehängt. Wie viel Talent braucht der, der sie bewegen will? „Es ist hilfreich, wenn man nicht zu groß ist. Aber wichtig ist, dass man Spaß hat an dem, was man macht“, erklärt Coelen. Um zwei Puppen zu bedienen, sei natürlich etwas Fingerspitzengefühl gefragt. Aber das haben die Pappköpp im Griff. „Was wir uns wünschen: Sprecher für einige Figuren“, berichtet Coelen. Und da gibt es klare Vorstellungen: „Männer, nicht über 60, die natürlich Krieewelsch können. Wir geben auch Bewerbern aus Uerdingen  und Hüls eine Chance.“

Premiere ist am Samstag, 17. November, 20 Uhr, Peter-Lauten-Straße 62. Karten für 15 Euro gibt es im Vorverkauf nur am Samstag, 15. September, 9 bis 12 Uhr, und am Montag, 17. September, 18 bis 20 Uhr, im Pappköpp-Theater. Zum Jubiläum erscheint eine Dokumentation, die an Septmenber iM Buchhandel erhältlich ist. Preis: 24,80 Euro.

Text: Petra Diederichs, Fotos: Thomas Lammertz

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