Krefelder Laufmasche: Chance für Innung und Stadt

Krefelder Laufmasche : Eine Stadt stellt sich wieder textil auf

Heute Abend wird die Goldene Seidenschleife verliehen. Der Name ist Tradition, das Drumherum ist neu. So soll Krefeld wieder als Textil-Hochburg aufgestellt werden. Für die Innung ist die Veranstaltung bereits ein Erfolg. Ein Zwischenfazit.

Nicht London und nicht Paris, sondern Krefeld hat 1966 Modegeschichte geschrieben - mit der Verleihung des ersten europäischen Mode-Oscars: Der damals schon höchst erfolgreiche französische Couturier Pierre Cardin hat das Goldene Spinnrad bekommen. Auch Karl Lagerfeld, Wolfgang Joop, Claude Montana, Ungaro und Christian Lacroix kamen nach Krefeld, um den Preis für ihre Verdienste um das Modedesign geehrt zu werden. Später folgte die Tradition der Goldenen Seidenschleife, die das Marketing in den Vordergrund nahm: Cardin, Cerruti, Escada die Liste der Preisträger war lang und klangvoll. Das Goldene Spinnrad ist seit rund 20 Jahren stillgelegt. Und auch die Goldene Seidenschleife drohte mit der „Größten Straßenmodenschau der Welt“ in der Versenkung zu verschwinden. Eine Aufteilung des Preises in verschiedene Kategorien kam über die einmalige Erprobungsphase nicht hinaus.

Deshalb ist es schon ein wichtiges Ereignis, dass heute Abend die Goldene Seidenschleife wieder verliehen wird. Wer sie bekommt, ist noch geheim. Eine siebenköpfige Jury von Textil- und Designexperten um Stadtmarketingleiter Uli Cloos hat die Modelle sorgfältig geprüft, die junge Modemacher noch bis einschließlich morgen in 18 Containern zwischen Alter Kirche und Willy-Göldenbachs-Platz präsentieren. Mit Party, Musik und Laufsteg-Show wird die Verleihung in der Alten Samtweberei, Lewerentzstraße 104, zelebriert.

Die Drei von der Innung, die die Masche ans Laufen brachten: (v.l.) Angelika van Neerven, Alexander Werner und Sandra Wenk. Foto: Thomas Lammertz/Lammertz, Thomas (lamm)

„Krefeld definiert sich nicht nur über Architektur, die Stadt hat auch eine große textile Vergangenheit. Deshalb darf der Preis nicht verschwinden“, sagt Angelika van Neerven, Innungsmeisterin für das Modeschaffende Handwerk in der Kreishandwerkerschaft Niederrhein und Mitglied der Jury. Gemeinsam mit ihren Innungskollegen Designerin Sandra Wenk und Alexander Werner (Schinke Couture) hat sie 2015 den Anstoß zur Wiederbelebung des Preises gegeben. „Fest stand: Wir wollten ein neues Konzept“, sagt van Neerven. Und das heißt explizit: „Weg vom Marketing Award und wieder nach alter Tradition Modedesign und Handwerk ehren, aber auch Nachwuchs fördern“, ergänzt Sandra Wenk. Die Kriterien heißen: Handwerk, Verarbeitung, Nachhaltigkeit, Innovation und Kreativität. „Es soll tragbar sein, aber nicht langweilig“, so Wenk.

Blick in den Container von Nadine Isabel Baldus. Foto: Petra Diederichs

Dass ein Preis, der mit großen Couture-Namen verbunden nun in anderer Formgebung an Mode-No-Names vergeben wird, sei Teil des Konzepts, eine Umbenennung nicht beabsichtigt. „Es ist die einzige Konstante. Das gesamte Drumherum hat sich verändert. Die Veranstaltung heißt augenzwinkernd Krefelder Laufmasche, statt der Bühnen gibt es Container“, zählt Alexander Werner auf. Vielleicht werde der neue Preisträger ja eine große Karriere machen. „Dann waren wir die, die ihn oder sie entdeckt haben“, sagt van Neerven. Einen Blick in diese Richtung habe die Jury jedenfalls: „Wir zeichnen schon jemanden aus, von dem wir denken, dass er auch im Handel bestehen kann“, sagt sie. Der kreativste und fantasievollste Umgang mit Materialien nütze nichts, wenn am Ende niemand die Kollektion kaufe. Deshalb springt für den 1. Preis neben 5000 Euro auch ein Stand bei der Gallery in Düsseldorf heraus: Bei der internationalen Fashion Trend Show der Igedo der großen Orderplattform wird die mit der Seidenschleife gekürte erste Kollektion dem Fachpublikum vorgestellt. Ein Sprungbrett, denn ein Messestand ist teuer. Für Platz 2 gibt es 3000 Euro, für Platz 3 noch 2000 Euro. Und für alle den Lerneffekt, dass aus einer experimentellen eine kommerzielle Kollektion werden muss, und den Austausch untereinander.

„Krefeld hat als Textilstadt viel Potenzial“, sagt Werner. „In Düsseldorf schaut man auf die großen Namen, in Krefeld auf die Qualität.“ Entsprechend viele Mode-Interessierte - auch aus dem Umland und den Niederlanden - haben sich in den Containern umgeschaut. Der Ruf nach einem Publikumspreis sei sogar laut geworden, Das rücke Krefeld nicht nur mit der Marke Textil wieder ins Bewusstsein. „Die Innung ist auch neu belebt worden. Es ist wieder sichtbar, dass es auch in Krefeld Design und Textilhandwerk gibt“, sagt van Neerven. Und das sieht Werner als Rüstzeug für die Zukunft auch gegen die starke Online-Konkurrenz. „Die kleinen Boutiquen sind rar geworden, es gibt fast nur noch Ketten. Jetzt wünschen sich die Kunden wieder individuelle Beratung“, sagt Werner. Mode und Gastronomie belebe die City auch am Abend. „Aber wer eine lebendige Innenstadt mit Geschäften will, der muss auch im stationären Handel kaufen.“ Die „Laufmasche“ habe gezeigt, dass das funktioniert.

Von der Qualität der 18 Aussteller sind die Experten überrascht: Das Stadtmarketing hatte den Wettbewerb um die Schleife bei Modefachschulen und Ateliers ausgeschrieben und unter etwa 50 Bewerbern ausgewählt.

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