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Krefelder Künstler – der Bauhaus-Idee voraus

Ausstellung Rheinischer Expressionisten : Krefelder Künstler waren der Bauhaus-Idee voraus

Sie bemalten alles, was ihnen unter den Pinsel kam: Die Rheinischen Expressionisten Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen und ihr Freund und Lehrer Jan Thorn Prikker. Neben Gemälden und Zeichnungen entwarfen die Krefelder Textilien, Möbel, Wandbilder, Mosaike und Glasfenster. Mit ihrem Streben nach Symbiose von freier und angewandter Kunst nahmen sie einen zentralen Gedanken des späteren Bauhauses vorweg.

Es ist das Clemens Sels Museum in Neuss, das die bekannten Krefelder Künstler Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen und Johan Thorn Prikker anlässlich des Jubiläums zum 100-Jährigen der Bauhaus-Idee in den Fokus rückt. „Ihrer Zeit voraus!“ ist der Titel der Ausstellung, die noch bis zum 10. März geöffnet ist. Vieles ist zum ersten Mal zu sehen, vieles stammt aus Privatbesitz und auch der ein oder andere Depotfund wird präsentiert – und bei der umfassenden wissenschaftlichen Vorabeit zur Ausstellung offenbarten sich hochinteressante Entwicklungen der damaligen Moderne. Im Zenrtum stehen neben dem Niederländer Thorn Prikker sein Krefelder Schüler Campendonk (1889–1957) und der ebenfalls aus Krefeld stammende Nauen (1880–1940). Die Künstler knüpften weitreichende Kontakte zu Kollegen, Mäzenen und Auftraggebern und wurden durch eine avantgardistische und vielfach diskutierte Kunst international bekannt.

Neben Gemälden und Zeichnungen entwarfen sie Textilien, Möbel, Wandbilder, Mosaike und Glasfenster für private und öffentliche Gebäude ebenso wie für Kirchen im Rheinland. Sie pflegten enge Kontakte zum Kölner Sonderbund und zum Deutschen Werkbund, die sich ebenso der modernen Formensprache verschrieben hatten und die mit ihrem Streben nach einer Symbiose von freier und angewandter Kunst zu einem Gesamtkunstwerk einen zentralen Gedanken des späteren Bauhauses vorwegnahmen.

Die Exponate  - gezeigt werden über 150 ausgesuchte Kunstwerke - stammen aus Privatbesitz sowie aus Museen in Mülheim, Krefeld, Bonn, Köln, Mönchengladbach, Berlin und natürlich aus der eigenen Sammlung des Neusser Museums und spiegeln das rheinische Netzwerk der Zeit an Kunstmäzenen, Galeristen und Museumsdirektoren.

 Johan Thorn Prikker schuf das  Mosaik „Lautenspielerin“. Es entstand im Jahr 1914.
Johan Thorn Prikker schuf das  Mosaik „Lautenspielerin“. Es entstand im Jahr 1914. Foto: Clemens Sels Museum/Nicolas Schönherr, Herscheid

Genau 100 Jahre sind seit dem Einbau von Thorn Prikkers (1868–1932) revolutionären Glasfenstern in die Dreikönigenkirche Neuss vergangen. Aufgrund ihrer Expressivität, die einen radikalen Bruch mit der traditionellen Glaskunst bedeutete, ging der offiziellen Übergabe an die Öffentlichkeit eine lange und äußerst kontrovers geführte Diskussion voraus, die weit über Neuss hinausreichte und beispielhaft für das erbitterte Ringen um die Moderne in Deutschland steht. Diese Begebenheit bildet den Anlass, die Entwicklung und Durchsetzung der modernen Kunst im Rheinland nachzuzeichnen und ihren Einfluss und Stellenwert innerhalb Europas neu zu beleuchten.

 Heinrich Nauen malte „Die Musik“ 1914 mit Tempera auf Leinwand.
Heinrich Nauen malte „Die Musik“ 1914 mit Tempera auf Leinwand. Foto: Clemens Sels Museum/Carsten Gliese, Köln

Die Stadt Neuss zählte damals neben Düsseldorf, Köln, Krefeld und Hagen zu den kulturellen Keimzellen an Rhein und Ruhr, die als äußerst innovativ und zukunftsweisend und weit über ihre Grenzen hinaus als europäisch vernetzt galten. Thorn Prikker, Campendonk und der mit beiden befreundete Nauen hatten sich in Krefeld kennengelernt und waren einander zeitlebens eng verbunden. Sie knüpften weitreichende Kontakte zu Kollegen, Mäzenen und Auftraggebern, die zentrale Werke ermöglichten und damit entscheidenden Einfluss auf ihren Werdegang nahmen. Die drei Künstlerpersönlichkeiten stehen exemplarisch für eine höchst umstrittene Moderne, die zwischen Symbolismus, Expressionismus und Abstraktion oszilliert. Erst die Skandale und öffentliche Ablehnung ihrer Kunst haben maßgeblich zur späteren Anerkennung der heute etablierten Künstler beigetragen.

Dabei spielte das von ihnen propagierte und angestrebte Gesamtkunstwerk eine entscheidende Rolle. Thorn Prikker unterrichtete an der Kunstgewerbeschule in Krefeld, wo er innovative Lehrkonzepte entwickelten, in denen das Zusammenwirken von Kunst und Handwerk und damit ein zentraler Gedanke des späteren Bauhauses verfolgt wurde.

Jenes Streben nach einer Symbiose von freier und angewandter Kunst zu einem Gesamtkunstwerk war um 1900 international virulent und basierte auf der damaligen Reformbewegung und ihrer Vision von einer neuen Einheit von Kunst und Leben. Das Verständnis vom Künstler in seiner Doppelrolle als Maler und Entwerfer verband auch Thorn Prikker, Campendonk und Nauen, die die Gattungsgrenzen aufhoben und ein Zusammenwirken von Gemälden und Zeichnungen über Glasfenster und Wandbilder bis hin zu Mosaiken, Möbeln und Stoffen verfolgten. Dabei wollten auch sie – ganz im Sinne des „Deutschen Werkbunds“ und der reformorientierten Kräfte – der Gesellschaft dienen und zur ästhetischen und moralischen Geschmacksbildung des Einzelnen beitragen.