Krefelder Historikerin forscht zu Bauhaus und Nationalsozialismus

Serie Bauhaus in Krefeld : Das Bauhaus und der Nationalsozialismus

Bauhaus ist nicht politisch, hat Walter Gropius immer betont. War das im Nazi-Regime überhaupt möglich? Die Krefelder Historikerin Sandra Franz hat zu einem schwierigen Kapitel der Geschichte geforscht.

Die Inschrift trifft ins Mark: „Jedem das Seine“ steht auf dem Lagertor des KZ Buchenwald. Es ist nicht nur die menschenverachtende Botschaft, die aufmerken lässt. Es ist auch die Form: Die Buchstaben in ihrer gestochenen Gleichmäßigkeit sprechen die Stilsprache der Bauhaus-Schule. Nicht von ungefähr: Franz Ehrlich, ein Schüler von Joost Schmidt am Bauhaus, hat die Inschrift designt – im Auftrag der Nazis. War er ein Opfer?  War er Dulder, um sein Leben zu schützen? Hat er sich einspannen lassen oder mit der Doppeldeutigkeit, dass auch die Nazis einst bekommen werden, was sie verdienen, und der untergejubelten Bauhaus-Stilistik verdeckten Widerstand geleistet?

Solche Fragen aus heutiger Sicht zu beantworten, ist kaum möglich. „Wir kennen die Umstände nicht“, sagt Sandra Franz. Als Historikerin und Leiterin der NS-Dokumentationsstelle haben sie die Fragen nicht losgelassen und sie hat recherchiert. Ihr Ergebnis ist nicht verwunderlich: „Bauhäusler sind so wie der Rest der Gesellschaft. Es gab diejenigen, die während dieser Zeit weiter arbeiten durften, einige haben Karriere im System gemacht, andere gingen ins Exil, wurden verfolgt, manche auch im KZ umgebracht.“ Doch dass im Jubiläumsjahr der Blick fast ausschließlich auf die großen Verdienste der Bauhäusler gelegt wird, behagt Franz nicht: „Wir dürfen sie nicht überromantisieren. Fest steht: Sie waren keine Widerstandskämpfer. Sie werden als Gruppe oft als Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Und das ist nicht gerechtfertigt“, sagt sie.

So hat die Historikerin losgelöst von allen künstlerischen Fragen Quellenforschung betrieben. Die Zeugnisse sind rar, fast immer hat sie Informationen aus Sekundärliteratur gezogen, die sie interpretieren musste. Sie will weder künstlerische Verdienste in Abrede stellen noch Verhaltensweisen verurteilen. Aber sie möchte einen anderen Blickwinkel zeigen. „Wenn wir die Figuren von den Podesten nehmen, werden sie reeller.“ Und sie lassen nicht nur menschliche Schwächen ahnen, sondern auch die Zwänge, in denen sie steckten. Sie haben die Welt mit ihrer Kunstidee revolutionieren und verbessern wollen, den kleinen Mann teilhaben lassen, durch die Verbindung von Design und Industrie die Massenproduktion eingeläutet. Womöglich haben die meisten die Anfänge des dunkelsten Kapitels in der deutschen Geschichte gar nicht registriert, falsch eingeschätzt oder einfach ausgeblendet – wie viele andere Bürger.

Zurück zu Ehrlich: Er war von 1937 bis 1939 Häftling in Buchenwald –  weil er Kommunist war. Dort musste er als Architekt arbeiten und hat die Tor-Inschrift entwickelt. „Vielleicht wollte er den Nazis ein bisschen Bauhaus unterjubeln“, sagt Franz. Denn obwohl die Idee von der Verbindung zwischen Kunst, Handwerk und Industrie und die klare, funktionale  Formensprache eigentlich dem nationalsozialistischen Gedankengut nahe war, störten sich Hitlers Gefolgsleute nur an der freiheitlichen Idee, die als „jüdisch und bolschewistisch“ verfemt wurde. „Niemand wurde eingesperrt, weil er Bauhäusler war, sondern Jude oder Kommunist. 15 Bauhäusler wurden ermordet, aus politischen Gründen“, zählt Franz auf. „Auch das Bauhaus wurde geschlossen, weil kein Geld da war. Es gab Druck vom System, aber nicht die Nazis haben die Türe geschlossen.“

Wenn es um Karrieren im System geht, taucht immer wieder ein Name auf: Wilhelm Wagenfeld (der mit seiner Lampe berühmt wurde). Bauhaus-Gründer Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, der ab 1930 Direktor des Bauhauses in Dessau war und in Krefeld prominente Architektur-Zeichen gesetzt hat, sind ins Exil gegangen und haben in den USA Weltkarriere gemacht. „Amerika feierte sie und sah sich in der Rolle, das Bauhaus reinzuwaschen“, berichtet Franz. Doch Gropius habe bis 1945 seine Briefe aus dem Ausland noch mit „deutschem Gruße“ unterschrieben. „Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft behalten und sich vehement geweigert, Fluchtsteuer zu bezahlen. Er war der Meinung, Bauhaus ist deutsch und hat bis zum Ende seine Abrechnungen ans deutsche Finanzamt geschickt.“ Zu der Zeit und mit den Informationen, die er im Ausland bekam, hätte er die Zustände kennen müssen. Doch er hat nicht wie etwa Thomas Mann aus der Sicherheit des Exils Widerstand geleistet.

Auch Mies van der Rohe  stellte sich nicht gegen die Nazis. Den „Aufruf der Kulturschaffenden“, ein von Joseph Goebbels formuliertes Manifest im Völkischen Beobachter, dem Parteiorgan der NSDAP, hat er im August 1934 unterschrieben. Dieser Text trägt klare nationalsozialistische Züge. Gropius, Mies und seine Partnerin Lilly Reich hatten kein Arbeitsverbot. Sie wirkten 1934 an der Ausstellung „Deutsches Volk Deutsche Arbeit“ mit, der ersten und massivsten Propagandaschau der NSDAP.

Johannes Itten. Foto: Weimarer Verlagsgesellschaft

Herbert Bayer, ebenfalls Bauhäusler, hat den Katalog dazu illustriert, in dem NS-Gedanken offen formuliert waren. Auch Itten hat bis  ’37 fürs System gearbeitet. Pläne für eine Reichsakademie der Textil- und Bekleidungswirtschaft hat er an Göring geschickt, sich als Stoffschöpfer empfohlen, sich in den Dienst der Arbeit „für einen blutmäßig einheitlichen Volksstamm“  gestellt, wie es  im Vorwort einer Textilausstellung hieß, an der Itten federführend mitwirkte. „Er hat mit diesem Vokabular gearbeitet. Das Land hat er verlassen, weil er das Gefühl hatte, seine Karriere sei tot“, berichtet die Historikerin. Wenn sie gefragt wird, was die Geschichte lehrt, antwortet sie meist: „Von den ersten antijüdischen Gesetzen bis zu den Gaskammern war es ein großer Schritt. Es war ein kleiner Schritt zu den ersten Boykotten. Das darf man nicht vergessen.“

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