Weihnachtskarten für den guten Zweck Krefelder helfen Opfern der Flut-Katastrophe

Krefeld · Darina Finsterer und ihre Mitstreiter unterstützen unter anderem eine Hebamme, deren Haus samt Praxis durch Wasserschäden unbewohnbar ist. Der Erlös aus dem Verkauf der Weihnachtskarten wird für die Instandsetzung genutzt.

 Auf dem „Made in Krefeld“-Weihnachtsmarkt gibt es die Weihnachtskarten zugunsten der Flut-Opfer. Die Motive zeigen Fritz von Maltzahn,  Darina Finsterer, Martin Kern, Wendelin Wagner, Esther Wagner (v.l.).

Auf dem „Made in Krefeld“-Weihnachtsmarkt gibt es die Weihnachtskarten zugunsten der Flut-Opfer. Die Motive zeigen Fritz von Maltzahn,  Darina Finsterer, Martin Kern, Wendelin Wagner, Esther Wagner (v.l.).

Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Wenn die Krefelderin Darina Finsterer erzählt, wie sie von der Flutkatastrophe im Ahrtal erfuhr, dann ist auch Monate später noch spürbar, wie tief sie getroffen ist. „Ich war damals im Urlaub in Frankreich. Meine Freundin Barbara Alex hat mir eine Sprachnachricht geschickt, in der sie mir davon berichtet hat. Ich werde diese Nachricht nie vergessen. Sie sagte, sie hätten alle überlebt. Unmittelbar gegenüber ihres Hauses aber lag die Tiefgarage, in der 19 Leichen geborgen wurden“, erinnert sie sich. Für sie war sofort klar: „Ich muss helfen!“

 Auf dem Weihnachtsmarkt wird der Glühwein bei „Reginerate“ aus dem Inhalt von verschlammten Weinflaschen aus dem Ahrtal hergestellt.

Auf dem Weihnachtsmarkt wird der Glühwein bei „Reginerate“ aus dem Inhalt von verschlammten Weinflaschen aus dem Ahrtal hergestellt.

Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Unmittelbar nach ihrem Urlaub veröffentlichte sie deshalb einen entsprechenden Aufruf über ihren Facebook-Account. „Dann erhielt ich einen Anruf von Wendelin. Er hat nicht einmal ‚Hallo‘ gesagt. Er meinte nur ‚Wie gut kennst du sie?‘. Ich sagte: ‚Wir sind seit 35 Jahren befreundet‘. Sofort war er an Bord“, erzählt die Helferin.

Wendelin, das ist der Krefelder Architekt Wendelin Wagner, der auch bei den Freischwimmern aktiv ist. Gemeinsam fuhren sie Anfang August ins Katastrophengebiet und halfen bei dem Wiederaufbau. Dort lernten sie die Nachbarin der Freundin kennen. „Andrea Mausberg, besagte Nachbarin, hat überall geholfen. Sie hat so viel für andere getan, und dann haben wir festgestellt: Ihr eigenes Haus ist komplett unbewohnbar. Sie ist Hebamme und ihre Praxis ist im Haus gewesen. Sie ist darum ohne Einkommen, ohne Bleibe und braucht Hilfe“, sagt Finsterer. Darum entschieden die Krefelder Helfer, zusätzlich Geld für sie zu sammeln. Dritte im Bunde war Esther Wagner. Auch sie war unmittelbar nach ihrem eigenen Urlaub mit von der Partie.

„Wendelin und ich haben Jahre lang Weihnachtskarten im Linoldruck gemacht. Das haben wir wieder aufgenommen und verkaufen die Karten nun gegen eine Spende in beliebiger Höhe. Es wurden schon über 500 Euro für eine Karte gespendet“, berichtet sie. 300 Karten haben sie gedruckt, knapp 200 davon sind bereits verkauft. „Ich schätze, die Sanierung kostet ungefähr 150.000 Euro. Durch Zuschüsse und Versicherung bekommt sie mit viel Glück 60 bis 80.000. Es ist also viel zu tun“, sagt Architekt Wagner.

„Wir wollen jetzt erst einmal versuchen, das erste Obergeschoss bewohnbar zu bekommen. Mit Strom, Heizung, Wasser und so weiter. Das ist am wenigsten beschädigt und am schnellsten machbar. Sie wohnt im Moment in der Ferienwohnung von Familie Alex. Aber im Februar muss sie dort raus“, sagt er weiter.

Bis dahin soll genug Geld, auch über die Karten, gesammelt sein. Die Helfer werden aber natürlich auch selbst wieder Hand anlegen. Emotional ist das der schwerste Teil der Arbeit. „Ich habe für Ärzte ohne Grenzen schon mehrere Einsätze in Kriegsgebieten gehabt. Ich habe am Anfang nicht verstanden, warum die anderen Helfer so schockiert waren. Bis mir aufging: Ich kenne das halt alles schon. Die Bilder im Ahrtal sind wirklich wie im Krieg“, sagt Finsterer.

Für ihre Begleiter sind die Eindrücke auch im Nachhinein noch schockierend. „Es gab dort zum Beispiel ein ganz neues Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr. Das hatte die großen Tore für die Fahrzeuge zur Ahr hin und wurde mit allen Geräten komplett weggespült. Häuser, Straßen, Brücken, alles ist zerstört“, erzählt Wendelin Wagner.

Die Gruppe entschied, mehr tun zu wollen, und kontaktierte auch die Winzergenossenschaft. Gemeinsam mit Fritz von Maltzahn und dem Team des Krefelder Unternehmens „Reginerate“ übernahmen sie viele beschädigte Weinflaschen. „Die waren sämtlich ohne Etiketten und mit dicker Schlammkruste versehen. Deren Inhalt verkaufen wir jetzt auf dem Weihnachtsmarkt als Glühwein. Da sind teilweise richtig hochwertige Weine dabei. Alle Erträge gehen in voller Höhe ins Ahrtal“, sagt von Maltzahn.

Vorläufig aber sollen sich die Bemühungen der Krefelder vor allem auf die Hebamme Andrea Mausberg konzentrieren. Immerhin, eine kleine Auszeit gab es für sie in all dem Chaos. „Ihre Tochter Alexandra geht in Neuwied auf die Schule. Dort waren nur wenige Familien betroffen und es gab einen Aufruf zur Hilfe. Die Familie eines Mitschülers stellte ihr daher für einen Urlaub ein Wohnmobil zur Verfügung, mit dem sie und ihre Tochter eine Woche nach Frankreich fahren konnten“, erzählt Finsterer.

Die Sorgen aber wurden dadurch nicht geringer. „Eigentlich wäre es sinnvoller, ein neues Haus woanders zu bauen. Aber dieses Haus hat sie von der Urgroßmutter geerbt. Es ist die Heimat der Familie und ihre Altersvorsorge. Sie wird niemals dort wegziehen“, sagt Wagner. Und so tun die Krefelder alles, um nach der Familie Alex auch ihr wieder ein würdiges Leben zu ermöglichen. Der Weihnachtskartenverkauf ist dabei nur ein weiterer Schritt.

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