Geschichte: Krefelder gibt sein Zeitungsarchiv nach Leipzig

Geschichte: Krefelder gibt sein Zeitungsarchiv nach Leipzig

Hans-Ulrich Nieter suchte 30 Jahre Zeitungen aus ganz Europa zusammen. Jetzt wurde seine Sammlung quasi geadelt und offiziell als bedeutend eingestuft: Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum hat sie übernommen.

Im Treppenhaus riecht es noch nach altem, bedrucktem Papier. Hans-Ulrich Nieter steigt langsam die Stufen seines Hauses in der Friedrich-Ebert-Straße hoch. Oben, am Ende des Ganges, liegt sein Heiligtum. Oder besser gesagt: Das, was davon noch übrig ist.

Mehr als 30 Jahre hat der 86-Jährige Archive, Auktionen und Flohmärkte in Deutschland und Europa durchforstet und aus dem Material ein privates Zeitungsmuseum in Bockum erschaffen. "Schrift und Papier haben mich schon als Jugendlichen interessiert", sagt Nieter, der nach der Schule eine Lehre zum Verlagskaufmann absolvierte und im Pressehaus der Westdeutschen Zeitung arbeitete.

Einmal, so erinnert er sich, besuchte er in den 80ern eine Ausstellung über die Geschichte der Zeitung in Augsburg. Nach der Führung war Nieter der einzige, der nicht beim Essen in der Kantine saß. "Ich bin zurück und habe mir die Dokumente noch mal in Ruhe angesehen." Aus der Faszination wuchs schnell die Idee, eine eigene Sammlung aufzubauen - zum Teil mit wirklich seltenen Dokumenten, wie einem kaiserlichen Edikt aus Peking und der ersten deutschen Zeitung aus dem Jahr 1650. "Damals gab es noch keine Titel. Das war einfach die wöchentliche Zeitung aus mehreren Orten."

Doch nun, 30 Jahre später, sind die meisten Schränke in Bockum leer. Fast den kompletten Bestand seines Museums - rund 7000 Ausgaben vom 18. bis 20. Jahrhundert, Flugblätter und andere Dokumente aus dem Verlagswesen - hat Nieter im Dezember an das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig übergeben. Nur einige wenige Lieblingsstücke wie das kaiserliche Edikt hat er behalten. "Langsam muss ich ja auch daran denken, was mit meiner Sammlung passiert, wenn ich nicht mehr da bin", sagt Nieter, während er durch eines der letzten schwarzen Alben blättert, die ihm noch geblieben sind. Seit er das Museum kurz nach Wende gegründet hat, sammelt er in dem Ordner alle Artikel, die über sein Hobby berichten. Einmal war der 86-Jährige zu Gast im Newseum, einem Journalismus-Museum in Washington, auf der nächsten Seite stellt Nieter mit dem ehemaligen Finanzminister Hans Eichel eine Sonderbriefmarke zum 350. Geburtstag der Tageszeitung in Leipzig vor. "Und hier durfte ich meine Exponate in Düsseldorf zeigen", sagt er und legt den Finger auf ein Foto, auf dem er im Foyer des Landtags in die Kamera grinst.

Nieter ist ein stolzer Mann - und dennoch, es tut ihm nicht weh, dass seine Dokumente nun das Haus verlassen haben. "Die sind in Leipzig in guten Händen und können vielleicht sogar der Wissenschaft helfen", sagt er. Ein Ende des Sammelns bedeutet der Schritt indes nicht. Noch immer erzählt Nieter in seinem Haus Zeitungsgeschichte aus mehr als 400 Jahren. In dem Raum, wo einst die Sammlung lagerte, sind die Vitrinen geblieben, die den Erfolg der Zeitung als Medium nachzeichnen. Bildern und Original-Dokumente zeigen den Weg von mündlich verbreiteten Nachrichten über Guttenbergs Buchdruck hin zu den modernen Druckerpressen.

Selbst Papyrus und chinesische Druckplatten bewahrt Nieter auf. "Meine Frau war viele Jahre Leiterin der Gesellschaft für deutsch-chinesische Freundschaft in Krefeld, das hat auch auf mich abgefärbt", sagt er und kramt aus einer Schatulle eine Sonderausgabe der chinesischen Tageszeitung Renmin Ribao aus, die auf Seide gedruckt wurde. "Eine Auflage von 2,5 Millionen haben die dort. Ist das nicht Wahnsinn?" Dass hierzulande immer weniger Menschen Zeitungen auf Papier lesen, macht Nieter traurig. "Irgendwann ist mit dem Geruch von Zeitungspapier am Frühstückstisch endgültig Schluss, das weiß ich auch. Aber es tut weh, den Weg dahin zu sehen." In all den Jahren des Sammelns habe er gemerkt, dass sein Hobby reich macht - nicht finanziell, sondern an Erfahrungen. "Die Kontakte, die man knüpft, all die Menschen, die man kennenlernt, das ist unbezahlbar". Und dann kann der sonst so prinzipientreue Nieter auch mal ein Auge zudrücken. Seinem Schwager hat er zu Weihnachten ein Digitalabo einer deutschen Zeitung geschenkt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, Hans-Ulrich Nieter habe eine Lehre zum Zeitungsverleger absolviert. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. Richtig ist: Verlagskaufmann.

(atrie)