Technikaffine Musiker aus Krefeld „Riven Earth“ sind die Online-Altrocker

Krefeld · Sie sind eine Band, nehmen gemeinsam Alben auf, und sind doch irgendwie getrennt. Unabhängig voneinander spielen die technikaffinen Rentner ihren Part in den eigenen vier Wänden ein und basteln anschließend alles zusammen.

Günther Schlünkes, Uli Krücken und Wolfgang Beckers (v.l.) posieren mit Instrumenten für ein Foto. Eigentlich spielt jeder für sich und die Tonspuren werden online zusammengemischt.

Günther Schlünkes, Uli Krücken und Wolfgang Beckers (v.l.) posieren mit Instrumenten für ein Foto. Eigentlich spielt jeder für sich und die Tonspuren werden online zusammengemischt.

Foto: Sven Schalljo

Entspannt sitzen Wolfgang Beckers, Uli Krücken und Günther Schlünkes in einer Sitzecke im Musikraum, der Krücken zur Verfügung steht. Der Raum steht voller Elektronik, es gibt einige Instrumente und sogar einen Greenscreen für Foto- und Videoaufnahmen. Dass die drei Musiker zusammen an einem Ort sind, ist allerdings nicht die Norm. Denn obwohl sie seit Jahren eine Band bilden und unter dem Namen „Riven Earth“ jetzt schon ihr drittes Album veröffentlicht haben, proben sie eigentlich nie zusammen. Obschon sie echte Alt-Rocker und sämtlich bereits im Rentenalter sind, haben sie sich voll der Technologie und dem Internet verschrieben.

„Wir haben alle eigene Musikräume zur Verfügung. So haben wir von Anfang an die Stücke gemeinsam konzipiert, aber getrennt voneinander eingespielt. Jeder spielt seine Passagen und schickt diese dann als Datei an Günther. Der mischt sie dann zusammen“, erzählt Beckers.

Der Angesprochene nickt. „Ich habe schon als Kind, mit acht oder zehn Jahren, mit meinem alten Kassettenrekorder versucht, Stücke zu schneiden. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, habe ich eine Spur aufgenommen, diese dann auf einem Tonband abgespielt, dazu eine weitere Stimme gespielt und das Ganze wieder aufgenommen“, erzählt er. Dann lacht der Gitarrist. „Es hat fürchterlich gerauscht, aber ich hatte Spaß daran. Heute habe ich richtig gutes Equipment und damit macht es erst so richtig Spaß“, fährt er fort.

Die drei Musiker brechen durch ihre Art der Musik beinahe jedes Klischee. Während viele ältere Menschen das Internet eher kritisch betrachten und viele Musiker gerade das gemeinsame Proben und Spielen als elementar erachten, suchen die Drei regelrecht die elektronische Arbeitsweise. „Ein gutes Beispiel ist das Cover für unser neues Album ‚The world is turning‘. Eine Bekannte aus Wittenberg, Willgard Krause, macht für uns die Photoshop-Arbeiten. Wir haben sie mal auf Pixabay, also im Internet, kennengelernt und heute hilft sie uns. Das Cover hat sie für uns erstellt, während ich mit dem Zug unterwegs war. Ich habe dann per Whatsapp Anweisungen gegeben. Den Zeppelin etwas höher, die Schrift etwas mehr nach rechts und so weiter“, erzählt Beckers und grinst.

So entstand ein Bild, das durchaus versteckte Botschaften enthält. Ein Zeppelin schwebt vor einer Kulisse, die sich bei genauem Hinsehen als die Erde entpuppt. Davor sind die drei Musiker zu sehen. Das Inlay der CD zeigt ein ähnliches Bild, allerdings ist hier eine Stadt als Skyline erkennbar.

„Generell geht es in unseren Texten oft um Probleme der Welt. Das kann das Klima sein, aber auch gesellschaftliche, politische oder soziale Probleme“, erzählt Texter Krücken, der auch der Sänger der Band ist, und fügt grinsend hinzu: „Ich schätze, im Rentenalter schreibt man nicht mehr so viel über Liebe und Herzschmerz.“

Dabei ist die Vielfalt groß. „Einer der Songs mit dem Titel ‚You and I‘ ist einem Freund von mir gewidmet. Ich habe den Text geschrieben, als dieser im Hospiz lag. Es geht darin um die Vergänglichkeit, den Weg, den das Wasser geht, und um das letzte Treffen. Es ist hart, sich nach 30, 40 Jahren gemeinsamen Weges final zu verabschieden“, erzählt Beckers.

Doch warum haben sich die Rock-Senioren entschieden, sich komplett in die digitale Musikwelt zu begeben? „Wir haben einfach Spaß an der Musik. Ich zum Beispiel liebe einfach die Möglichkeiten, die mir die Technologie heute bietet. Ich mag die ganzen technischen Spielereien. Dann hat sicherlich die Pandemie, die rund um unsere Gründung aufkam, ihr Übriges getan. Am Ende funktioniert es einfach sehr gut und so bleiben wir dabei, wie es ist“, erzählt Schlünkes.

„Riven Earth“ möchte einen ganz eigenen Blick auf die Welt richten. Die drei Musiker wollen die Probleme der Menschheit ansprechen, aufzeigen und ein Stück weit diskutieren. Darauf deutet auch der Bandname hin: „Riven Earth“ bedeutet so viel wie „zerrissene Welt“.

Mit ihren kraftvollen Liedern und vor allem Texten wollen sie zum Nachdenken anregen und ein Statement senden. „Darum zum Beispiel auch der Titel unseres Albums. Die Welt wird sich weiter drehen – auch wenn wir Menschen uns zerstören. Es soll andeuten, dass wir für uns selbst die Erde schützen sollen“, erläutert Beckers. Dass sie dabei neue Wege gehen und gleichsam das Neue, die Online-Welt, mit dem Alten, der Rockmusik, verbinden, ist dabei eine ganz eigene Art des Umgangs. „Riven Earth“ steht für Progressivität und Zukunft, auch wenn die Musiker der Generation Fridays for Future altersmäßig lange entwachsen sind.

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