Im Gemeinsamen Haus : 1000 Bücher für Kinder in Elfrath

Leseangebote für Kinder waren in Elfrath Mangelware — bis vor zwölf Jahren die Kinderbücherei im Gemeinsamen Haus eröffnete.

Es gibt sie noch, die Magie des Buches. „Mit Geschichten kann man Kinder immer noch faszinieren“, sagt Ute Stettien. „Zwar haben die meisten Schüler Smartphones. Doch sobald ich anfange zu erzählen, lassen sie alles andere stehen und liegen.“ Die 79-Jährige ist ein bekanntes Gesicht in Elfrath. Über 30 Jahre war sie Leiterin der Schule Haus Rath – und kennt den Alltag von Kindern im häufig vergessenen Stadtteil aus nächster Nähe.

Elfrath ist einer der jüngsten Stadtteile Krefelds, der ab den 1960ern aus dem Boden gestampft wurde. Viele Bürger stammen aus osteuropäischen Spätaussiedlerfamilien; in manchen Haushalten wird verstärkt Russisch und Polnisch gesprochen. Viele Kinder wachsen nur bei einem Elternteil auf. Neben Wohnkomplexen war eine weite Infrastruktur geplant, doch die Planung blieb nahezu unverwirklicht. Außer langgezogenen, meist drei- bis viergeschossigen Wohnblocks und dem Wohngebiet „Zur Eibe“, das freistehende Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften aufweist, gibt es wenig. Einen Penny-Markt. Ein Zeitschriftengeschäft. Die Grundschule Haus Rath. Und das Gemeinsame Haus.

Das Gemeinsame Haus liegt in direkter Nähe zur Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 042. Jener Linie, die Elfrath verkehrsmäßig zur Sackgasse gemacht hat, umgeben von der Autobahn 57 und der Bundesstraße 509. Das Gemeinsame Haus ist der einzige kulturelle Treffpunkt, an dem sich Bewohner versammeln können. Und hier liegt der Raum, in dem Ute Stettien vor zwölf Jahren begonnen hat, eine Kinderbücherei samt Freizeitprogramm ehrenamtlich aufzubauen.

„In Elfrath war es nicht möglich, für Kinder Bücher zu erwerben“, sagt Ute Stettien. Es gibt keine Schulbibliothek, auch die Uerdinger Bücherei ist seit Jahren geschlossen. Also trieb die leidenschaftliche Pädagogin mit viel Elan Buch um Buch zusammen. Heute fasst die Bücherei im Gemeinsamen Haus 1000 Bücher für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter, die in Regalen, Truhen oder Kisten stehen. Auf Bretterzeilen sind Genres mit dunklem Stift auf weißen Klebestreifen geschrieben: Fußball, Räuber und Pferde. Oder Dinosaurier und Schule. Erstlesebücher sind mit einem gelben „E“ markiert, auch gibt es eine Box mit Pixi-Büchern. Für den Großteil des Bestands musste Stettien nichts bezahlen, etwa 90 Prozent sind Spenden von Bekannten oder Anwohnern. „Ich war über 30 Jahre lang Schulleiterin, habe mehrere Generationen an Schülern unterrichtet. So gibt es viele Wegbegleiter oder Eltern, die mich unterstützen und mir Bücher überlassen, wenn ihre Kinder erwachsen sind.“

Mehrmals im Monat öffnet sie die Bibliothek. Die Daten hängt sie am Gemeinsamen Haus, an der Schule Haus Rath und der Lukaskirche in Gartenstadt aus – auf gelben und roten DIN-A4-Zetteln. Gelb steht für Ausleihe: Kinder können an diesen Tagen kostenlos Bücher mit nach Hause nehmen; gleiches gilt für Gesellschaftsspiele, die in einem separaten Schrank verstaut sind. Rot steht für Lesenachmittage, pro Monat gibt es einen Themenbereich. Im Oktober, zu Halloween, gab es das Thema Gespenster, im Februar war Karneval an der Reihe und im April dreht sich alles um Ostern. An Lesenachmittagen trägt Stettien zunächst Geschichten aus einem passenden Buch vor. Im Anschluss gibt es ein Rahmenprogramm, bei dem sie von zwei Bekannten unterstützt wird. Hin und wieder wird in der Küche des Gemeinsamen Hauses gebacken, meist aber im Zimmer der Bücherei gebastelt. Auf einer Holzbank liegen Scheren, Kleber sowie Bunt- und Filzstifte, die in alten Eispackungen verstaut sind. Der Bastelkram ist meist Abfall, den Stettien sammelt und in ihrer „Schatzkammer“, wie sie einen Nebenraum bezeichnet, hortet. Hieraus entstehen bunte Schätze, die die Fenster, Ablagen und Wände schmücken: farbenfrohe Clowns aus Kartonresten, Türme aus Milchpackungen mit Gespenstern aus Taschentüchern oder Pinguine und Lokomotiven aus Klopapierrollen.

Die Angebote der Bücherei stoßen auf positive Resonanz, nicht nur in Elfrath. Auch aus Gartenstadt, Uerdingen, Bockum und Traar kommen Kinder, um die Magie des Buches zu entdecken. Zudem können Klassen Termine zu freien Themen buchen.

Vor Kurzem wurde das Engagement, mit dem die Kinder- und Jugendarbeit im Gemeinsamen Haus durch die katholische Pfarrgemeinde St. Nikolaus und die evangelische Kirchengemeinde Krefeld-Nord gestaltet wird, von der Bezirksvertretung Krefeld-Ost gelobt. Für die gute Arbeit gab es knapp 850 Euro. Auch dazu hat die Kinderbücherei ihren Teil seit mehr als zehn Jahren beigetragen.

Mehr von RP ONLINE