Kriegsflüchtlinge in Krefeld Ukrainerinnen im Behördendschungel

Krefeld · Über 1000 Menschen aus der Ukraine, vor allem Frauen und Kinder, sind in den vergangenen Tagen nach Krefeld gekommen. Sie müssen sich bei der Stadt registrieren lassen, um Sozialleistungen in Anspruch nehmen zu können. Für viele ist das eine Mammutaufgabe.

 Vor dem Rathaus warten ukrainische Flüchtlinge und Helfer auf den Einlass.

Vor dem Rathaus warten ukrainische Flüchtlinge und Helfer auf den Einlass.

Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Wie geht es Krefelder Familien, die Flüchtlinge aus der Ukraine aufnehmen? Welche Erfahrungen machen und vor welchen Problemen stehen sie? Wir sprachen mit einer Frau aus Bockum, deren Familie seit einer Woche Gäste aus dem Kriegsland bei sich beherbergt.

 Maryna Melnychuk, Dascha Geisler und Kateryna Melnychuk (v.l.) leben zusammen im Haus der Familie Geisler in Bockum. Auch Hund Teddy ist dort willkommen.

Maryna Melnychuk, Dascha Geisler und Kateryna Melnychuk (v.l.) leben zusammen im Haus der Familie Geisler in Bockum. Auch Hund Teddy ist dort willkommen.

Foto: Geisler

Darja Geisler ist gebürtige Russin, hat aber auch sieben Jahre ihres Lebens in der Ukraine verbracht, bevor sie nach Deutschland zog. In der Ukraine lernte sie als Teenager ihre zehn Jahre ältere Freundin Maryna Melnychuk kennen. „Es ist einfach unfassbar und von niemandem zu verstehen. Meine Mutter ist Ukrainerin, mein Vater Russe. So wie in unserer Familie ist es bei vielen. Und jetzt müssen die so eng Verbundenen gegeneinander kämpfen. Unglaublich“, sagt die 43-jährige Krefelderin tief betroffen.

Ihrer Freundin in Kiew riet sie: „Wenn es gefährlich wird, komm zu uns.“ Das tat die Mutter einer 21-jährigen Tochter auch, denn Kateryna Melnychuk ist im fünften Monat schwanger. Vor einer Woche erreichten die beiden Frauen nach tagelanger Reise Krefeld. Seitdem leben sie mit ihrem Teddy, einer Französischen Bulldogge, im Haus von Familie Geisler, bewohnen dort ein Zimmer mit Bad. Ihre Männer sind in der Ukraine zurückgeblieben, der Verlobte von Kateryna verteidigt dort den Flughafen. „Eigentlich hätten sie jetzt geheiratet. Alles war vorbereitet“, sagt Darja Geisler, die mit ihrem Mann und den zwei Söhnen zusammenrückt, um den Frauen Privatsphäre zu ermöglichen. Auch ihre Schwiegermutter, die im Haus wohnt, hilft tatkräftig mit.

Eine Dauerlösung ist diese Situation trotzdem nicht. „Spätestens wenn das Baby zur Welt kommt, wird es bei uns eng. Ich möchte aber auch nicht, dass die junge Mutter mit dem Säugling in einer Kaserne oder Turnhalle leben muss“, sagt die Bockumerin. Sie sucht deswegen eine kleine Wohnung für die beiden Frauen, am liebsten in ihrer Nähe, um ihnen weiterhin sprachlich behilflich sein zu können.

Denn mit der Ankunft in Krefeld ist es ja nicht getan. Die Ukrainerinnen müssen bei der Behörde angemeldet werden, brauchen einen Aufenthaltstitel, um soziale Leistungen in Anspruch nehmen zu können. Also nahm Darja Geisler freie Tage, um ihre Freundinnen unterstützen zu können. Mit Teddy an der Leine machten sich die Frauen auf zum Rathaus. Dort sind sie nicht allein. Eine lange Schlange hat sich vor dem Eingang gebildet, und es heißt warten. Drei Stunden später verteilen Mitarbeiter der Stadt Karten mit Nummern, erst die falschen, dann schließlich die richtigen. Mit diesen Kärtchen gelangen die Frauen am nächsten Tag ins Rathaus, wo es direkt hinter dem Eingang wieder eine Schlange gibt – und lange Wartezeiten. Weitere drei Stunden später dürfen die Flüchtlinge in die obere Etage, wo sie jedoch keinen antreffen und sich von Tür zu Tür vorarbeiten.

„Es fehlt anscheinend an Leuten, die den Ablauf koordinieren. Das machte es alles schwierig und langwierig. Trotzdem muss ich sagen, dass die Sacharbeiter sehr nett waren und auch ihre Mittagspause verkürzten, um mehr Leuten helfen zu können“, beschreibt Geisler die Situation.

Als die drei Frauen endlich dran sind, erhalten sie das vor allem für die schwangere Frau so wichtige Dokument, mit dem Arztbesuche möglich sind. Auch der Termin für den Aufenthaltsstatus steht: 31. März. Danach können Mutter und Tochter dann ein Guthaben-Konto einrichten und nach einer eigenen Wohnung suchen. „Meine Freundinnen haben etwas Geld mitgebracht. Aber das ist in so einer Situation nicht wichtig. Wir teilen das, was wir haben“, sagt Darja Geisler und weiß, dass Mutter und Tochter auch deshalb gut klar kommen, weil sie als Dolmetscherin tätig wird. „Die wenigsten Ukrainer können Englisch, vor allem nicht die älteren. Für sie ist es richtig schwer, sich zurechtzufinden, da in Deutschland selten Russisch gesprochen wird. Ich habe deshalb meine Telefonnummer verteilt und Hilfe angeboten“, sagt die engagierte Bockumerin.

Auch ihre Freundin will helfen, bieten sich als Betreuerin für ukrainische Kinder an, die in Krefelder Schulen untergebracht werden. Als Erzieherin war Maryna Melnychuk auch in Kiew tätig. Ihre Tochter kann derweil von Deutschland aus ihr Studium an der Universität Kiew fortführen. „Das läuft erstaunlich gut und ist natürlich eine große Hilfe“, sagt Darja Geisler. Wichtig ist den geflüchteten Frauen, sich bei den Krefeldern für ihre Unterstützung zu bedanken. „Sie empfinden eine tiefe Dankbarkeit für die viele Zuwendung und Hilfe, die ihnen entgegengebracht wird“, sagt die Gastgeberin.

Und so ist der behördliche Ablauf:

Erfassung bei der Ausländerbehörde, Am Hauptbahnhof 5, (Eingang neben dem Cinemaxx), montags bis freitags, 8.30 bis 12.30, montags bis mittwochs, 14 bis 16 Uhr, donnerstags 14 bis 17.30.

Bei der Erfassung bekommt man einen Termin zur behördlichen Anmeldung. Bei diesem Termin werden die biometrischen Daten erfasst und der Aufenthaltstitel beantragt. Man erhält eine Anmeldebescheinigung. Die Erstellung des Aufenthaltstitels erfolgt zentral in Berlin und dauert etwa sechs Wochen.

Nach der Erfassung, kann man sich im Rathaus bei der Abteilung „Wirtschaftliche Hilfen nach dem AsylbLG“ Lebensmittelgutscheine abholen. Voraussichtlich ab dieser Woche zieht die Abteilung in die Nähe des Hauptbahnhofs (Hansastraße 32).

Sobald man eine Anmeldebescheinigung hat, kann man im Rathaus (ab diese Woche: Hansastraße 32) einen Antrag auf Asylbewerberleistung stellen. Man bekommt einen Barscheck, den man bei der Sparkasse einlösen kann, und bei Bedarf einen Krankenschein, mit dem man zum Arzt gehen kann.

Ein Konto kann man z.B. bei der Sparkasse eröffnen; der Flüchtling erhält, wenn er den Antrag auf Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz  stellt, eine Telefonnummer, an wen er sich dazu bei der Sparkasse wenden kann.

Eine private Wohnung kann man nur mieten, wenn man vorher das Wohnungsangebot im Rathaus (voraussichtlich ab dieser Woche Hansastraße 32) bei der Abteilung „Wirtschaftliche Hilfen nach dem AsylbLG“ zur Genehmigung vorgelegt hat. Wenn man die Genehmigung hat, kann man bei Bedarf bei dieser Stelle Geld für die Wohnungserstausstattung bekommen.