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Krefeld: Zur Geschichte der genossenschaftlichen Idee

Modernes Banking in Krefeld : Zur Geschichte der genossenschaftlichen Idee

Modernes Banking trifft regionale Nähe: Genossenschaftsidee

In unserer Reihe über „Modernes Banking in der Region“ geht es um eine Idee, die im 19. Jahrhunderts geboren wurde und sich in Krisen behauptet.

Der Schriftsteller Tom Wolfe setzte in seinem Weltbestseller „Fegefeuer der Eitelkeiten“ einem bestimmten Typ Banker ein Denkmal: einer Spielernatur, die mit Millionen jongliert. Master of the Universe nannten sie sich selbst im Roman, Herren des Universums. Das war als Karikatur angelegt. Als 2008 die Lehman-Pleite die Weltwirtschaft erschütterte, wurde die Karikatur zum Schreckensbild. Banken, die sich als Global Player  verstanden, hatten  Produkte geschaffen, denen in der Realität kein Wert mehr gegenüberstand - bis die gigantische Seifenblase platzte. In dieser Situation erlebten Regionalbanken wie Volksbanken und Raiffeisenbanken eine Welle neuer Wertschätzung. Galten sie vorher als etwas bieder und unsexy, wurden sie nun zum Lehman-Gegenbild: zum Inbegriff für auskömmliches Wirtschaften mit Leuten aus der Region, die man kannte und deren Geschäfte man überblickte. „Wir haben seit 2009 einen großen Zufluss an Mitgliedern und Kapital zu verzeichnen“, sagt Andre Heiner, Bereichsleiter Vertriebsmanagement bei der Volksbank Krefeld, „die Volksbank war und ist der sichere Hafen.“

Volksbanken, erläutert Heiner, gründeten sich in besonderer Weise in Werte. „In unserer Satzung sind die Werte Gemeinschaft, Solidarität, Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstverwaltung festgeschrieben“, erläutert er. Sein Kollege Ulrich Roggendorf, Leiter Privatkundenberatung der Volksbank Viersen, ergänzt: „Zweck der Volksbank ist die Förderung der Mitglieder, nicht die Gewinnmaximierung.“  Die Idee dazu ist nun mehr als 250 Jahre alt. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie von Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen entwickelt. Die neue Bank sollte eine Bank für die kleinen Leute sein; auch sie sollten Vermögen bilden, und, wenn es Unternehmer waren, Kredite für ihre Firmen bekommen. Die Idee lag in der Luft: Schulze-Delitzsch und Raiffeisen gründeten parallel und unabhängig voneinandner Darlehnsvereine. 1850 gründeten Bürger in Eilenburg die erste Kreditgenossenschaft mit Solidarhaft.

Neben dem solidarischen Grundansatz gehörte auch die Selbstverwaltung von Anfang an  zu den Grundprinzipien der Genossenschaftsbanken. Dieser demokratische Ansatz in einer Zeit, in der noch Fürsten herrschten, erwies sich als geschichtsmächtig und zukunftsweisend. Bis heute wird man Mitglied einer Volksbank, indem man Anteile erwirbt. „Das ist nicht vergleichbar mit Aktiengesellschaften“, betont Ulrich Roggendorf, „die Mitgliedschaft hat eher einen symbolischen Wert“. Bei der Volksbank Krefeld kann man einen Mitgliedschaftsanteil zu 160 Euro erwerben, bei der Volksbank Kempen zwei Anteile zu 100 Euro, in Viersen einen Anteil zu 260 Euro. „Jedes Mitglied hat gleiches Stimmrecht“, erläutert Thorsten Devers, Finanzberater bei der Volksbank Kempen-Grefrath, „das ist ganz anders als bei einer Aktiengesellschaft, bei der Anteilseigner mit den meisten Anteilen auch das Sagen in der AG haben.“

Vergleichbar ist aber die Anwartschaft auf Dividende. Die Volksbanken haben dabei eine exzellenten Ruf. Im September resümierte der „Spiegel“: „Wer Genosse einer Volksbank ist, hält Eigentumsanteile des Geldhauses - und streicht jedes Jahr eine schöne Dividende ein, sogar 2020. Richtige Pleiten hat es bei den Genossenschaftsbanken in den vergangenen 70 Jahren nicht gegeben.“ So etwas schreibt das Magazin in einem Jahr, in dem Zinstief und Corona dem Wirtschaftsleben schwer zusetzen. Auch das Handelsblatt bilanziert: „Ein großer Teil der rund 840 deutschen Genossenschaftsbanken wird trotz der Coronakrise wahrscheinlich eine Dividende zahlen.“

Um diesen Trend zu ermessen, muss man das kleine bankenpolitische Drama dahinter sehen: Eigentlich hatte die europäische Bankenaufsicht den Banken für 2020 den Verzicht auf jegliche Gewinnausschüttung empfohlen, berichtet das Handelsblatt. Doch die deutsche Finanzaufsicht Bafin habe diesen Kurs für kleinere Banken wie die Volksbanken und Raiffeisenbanken gelockert. „Diese Geldhäuser dürfen ausschütten, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen, zum Beispiel eine Ertragsprognose haben sowie ausreichend Kapitalpuffer auch in einer längeren Krise.“ Das ist auch ein Zeugnis dafür, dass Regionalbanken besser als viele andere durch die Doppelkrise aus Corona plus Zinstief kommen.

Der Erfolg der Genossenschaftsbanken liegt auch darin begründet, dass die Bank wie jedes Unternehmen wirtschaftlich arbeitet. „Wir haben jeden Modernisierungsschub mitgetragen und mitgestaltet“, betont der Krefelder Heiner, „wir sind technisch und von unseren Angeboten her auf dem neuesten Stand der Dinge. Regionalbank und Modern Banking schließen sich eben nicht aus.“ Bei allem Fortschritt bleibe das genossenschaftliche Wertesytem Grundlage des wirtschaftlichen Handelns. „Das Wertesytem der Genossenschaftsbanken hat sich auch und gerade wirtschaftlich bewährt“, bekräftigt Roggendorf, „wir sind auf solidem Wachstumskurs.“ Dabei sind Volksbanken nach Lehman ein Pfeiler des deutschen Mittelstandes. „Seit der Lehman-Krise 2009 ist gerade der Kreditbereich für den Mittelstand bei der Volksbank überproportional gewachsen“, erläutert Devers weiter. Die Volksbank habe sich damit in einer Zeit, in der viele Banken unter dem Eindruck der Lehman-Krise den Kredithahn zudrehten, als Motor für die regionale Wirtschaft bewährt.

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