Krefeld: Zum Roze Zaterdag diskutieren Schüler des Fabritianum über Homosexualität

Schüler-Diskussionsrunde am Fabritianum: Zum Roze Zaterdag – Schüler des Fabritianum diskutieren über Homosexualität

Schüler am Gymnasium Fabritianum beteiligen sich am Roze-Zaterdag-Jahr in Krefeld. Wir sprachen mit ihnen darüber, ob sich das Modell „Werben für Toleranz“ in einer toleranten Gesellschaft nicht überlebt hat und wie Homosexualität in der jungen Generation wahrgenommen wird.

Der Kurs Evangelische Religion am Fabritianum beteiligt sich am Roze Zaterdag („Rosa Samstag“). Gemeint ist das Kampagnen-Jahr für Toleranz gegenüber Homosexuellen, das von den Städten Venlo und Krefeld gemeinsam ausgerichtet wird. Der Roze Zaterdag wird seit 1977 in den Niederlanden begangen; jedes Jahr übernimmt eine Stadt die Federführung und richtet eine Fülle von Veranstaltungen aus.

„Für mich geht es auch darum, Kinder und Jugendlichen früh darauf hinzuweisen, dass man niemanden verletzten sollte“: Ewa van Well. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Schüler vom Fabritianum waren unter anderem an der Stolperstein-Verlegung für Johannes Winkels beteiligt, der während der Nazi-Zeit als Homosexueller inhaftiert und umgebracht wurde. Und sie haben eine „Merländer-Performance“ erarbeitet und im Café Lentz aufgeführt – eine szenische Darstellung von Gedanken und Gefühlen von Richard Merländer, der als Jude und Homosexueller von den Nazis verfolgt und umgebracht wurde.

„Gerade in Religionen wird Homosexualität als überwindbar dargestellt. Bei den Mormonen gibt es regelrechte ‚Homo-Heiler’“: Moritz Landsmann. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Der Roze Zaterdag hat eine nun über 40-jährige Geschichte; in Deutschland ist die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen mit der Ehe für alle (2017 verabschiedet) vollendet. Hat es sich nicht überlebt, für Toleranz zu werben? Ist die Gesellschaft nicht – gerade bei den Jüngeren – tolerant gegenüber Homosexualität? Darüber haben wir mit den Kursteilnehmern gesprochen. Die Schüler sind in der Q2, das ist die ehemalige Stufe 12, und sind 17 oder 18 Jahre alt.

„Manche stempeln Homosexualität immer noch als psychische Krankheit oder Fehlentwicklung ab“:Lia Wojtynia. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Werben für Toleranz: Hat sich das vor allem in Ihrer Generation nicht erübrigt, weil die Leute tolerant sind? Muss das noch sein?

„Eine Kleine Anfrage im Bundestag der Grünen-Politikerin Ulle Schauws hat ergeben: Die Gewalt gegen Homosexuelle nimmt zu“: Emma Jonas. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Maurice Kasnitz Eindeutig ja. Ein Beispiel ist der Fußballer Hector Bellerin, einem Star beim englischen Club FC Arsenal. Er wird im Stadion und in den sozialen Netzwerken als „Lesbe“ beschimpft, weil er lange Haare hat, obwohl er heterosexuell ist. Das Wort dient als Beleidigung. Das Thema ist also im Fußball nicht vom Tisch.
Emma Jonas: Bis heute hat sich kein aktiver Profifußballer als homosexuell geoutet. Bis auf Thomas Hitzelsberger im Jahr 2014.
Ewa van Well Ja, aber da hatte er seine aktive Laufbahn beendet. Ich glaube, Fußballspieler haben immer noch die Sorge, dass ein Bekenntnis zu ihrer Homosexualität den Tod ihrer Karriere bedeutet. Das hat auch mit einem altmodischen Männerbild zu tun. Schwule gelten als unmännlich.
Moritz Landsmann Auch in unserer Generation ist das Thema schwierig. Wir kennen eine Schülerin aus Duisburg, die sich als geoutet hat und daraufhin massiv gemobbt wurde. Die Worte „schwul“ oder „Schwuchtel“ sind auf dem Schulhof immer noch als Schimpfworte zu hören.

„Wer anders ist, wird von der breiten Masse verachtet. Das gilt für viele Minderheiten, nicht nur für Homosexuelle“: Tim Wenda. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Auch wenn Homosexuelle das Wort dennoch oft stolz zur Selbstkennzeichnung verwenden?

„Im Fußball gibt es zwar die Kampagne ‚Sag nein zu Rassismus’, aber keine vergleichbare Kampagne zur Akzeptanz von Homosexualität“: Maurice Kasnitz. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Tim Wenda In meinen Ohren hat es eindeutig negative Konnotationen, ich benutze es auf Deutsch nicht gerne. Für mich ist das englische Wort gay nicht so negativ belegt.

Lia Wojtynia Vielleicht ist das Verhältnis zu Homosexualität im englischsprachigen Raum entspannter. Bei ausländischen Serien bei Netflix zum Beispiel gibt es deutlich mehr Filme, bei denen das Thema LGBTIQ* eine Rolle spielt als im deutschen Fernsehen.

Was bedeutet LGBTIQ*?

Ewa van Well Das ist die Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans- und Intersexuell. Das Q steht für englisch „queer“ und meint alle sexuellen Orientierungen, die nicht heterosexuell sind.

Wie äußern sich Ressentiments gegen Homosexuelle?

Thomas Tillmann, Lehrer Jugendliche aus der Beratungsstelle „together“ haben berichtet, dass sie Sätze gehört haben wie „Ihr gehört vergast“ oder „Ihr seid eine Gefahr für die Menschheitsfamilie“, Sätze also, von denen man denkt, dass sie eindeutig in die Zeit von 1933 bis 1945 gehören. Insgesamt ist die Diskriminierung „netter“ geworden, subtiler, aber sie ist noch da und passiert.

Lena Greuel Ein Beispiel ist für mich, dass Regenbogenfamilien, also homosexuelle Paare mit Kindern, regelmäßig per Ausweis belegen müssen, dass sie eine Familie sind, bevor sie Familienkarten bekommen.

Warum noch Diskriminierung? Woran liegt das? Homosexualität ist spätesten seit 2017 mit der Gleichstellung von Ehe und Lebenspartnerschaft auch rechtlich ein voll anerkanntes Lebensmodell.

Tillmann, Lehrer Das ist aber ein relativ junger Prozess. Der Paragraf 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, wurde in der Bundesrepublik erst 1994 im Zuge der Wiedervereinigung vollends abgeschafft, auch wenn bereits seit 1969 homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen faktisch nicht mehr bestraft wurden.
Moritz Ich glaube generell, dass es viele gibt, die sich offiziell und nach außen aufgeklärt und tolerant geben, insgeheim aber große Vorbehalte gegenüber Homosexualität haben. Ich glaube, es gibt viele Väter, die sagen, es wäre ihnen egal, ob ihr Sohn homosexuell sei, aber insgeheim froh sind, dass er heterosexuell ist.
Mathilda Stöckmann Ich glaube auch, dass es nach wie vor Stereotypen von Männlichkeit gibt, in denen ein sehr klares Bild vorherrscht, was männlich ist und was nicht. Solche Klischees sind ungebrochen stark.
Maurice Homosexuelle werden gern als Schwächlinge hingestellt.
Mathilda Das ist vor allem bei Jungen und Männern ausgeprägt. Ich habe noch nie von einem Mädchen den abfälligen Satz über ein anderes Mädchen gehört „Die ist ja voll lesbisch“.
Ewa Ich glaube, dass lesbische Mädchen oder Frauen einfach weniger wahrgenommen werden.
Mathilda Ja, das sehe ich auch so. Wenn Mädchen händchenhaltend spazieren gehen, nimmt man es eher als Zeichen von Freundschaft.
Maurice Andererseits kann man gerade im Zusammenhang mit Lesben hören, dass man sie nur richtig „rannehmen“ müsste, damit sie heterosexuell werden. Und man hört oft den Satz „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, aber ...“. Vielleicht gibt es so etwas wie die Angst der Mehrheit vor der Minderheit. Ich glaube, dass weiterhin Aufklärung und Beratung wichtig sind, um darauf hinzuweisen, dass Homosexualität nicht schlecht oder verwerflich ist, sondern eine andere Art von Normalität.

Also bleiben Kampagnen wie der Roze Zaterdag und Aufklärung wichtig?

Ewa Unbedingt. Für mich geht es auch darum, Kindern und Jugendlichen früh darauf hinzuweisen, dass man niemanden verletzten sollte. Auch dann nicht, wenn er homosexuell ist.
Lia Diese Aufklärung müsste spätestens mit Beginn der Pubertät beginnen, also in den Klassen 5 und 6. Das ist auch die Phase, die für homosexuelle Jugendliche am schlimmsten  ist.

Tillmann, Lehrer Eigentlich müsste man schon in den Kitas damit beginnen. Wenn ein Kind sagt, es habe zwei Papas, dann ist es schon wichtig, wie die Erzieherin reagiert. Ob sie das übergeht oder als normal hinstellt. Wie groß der Leidensdruck für homosexuelle Jugendliche sieht man auch daran, dass die Rate der Selbstmorde und Selbstmordversuche bei homosexuellen Jugendlichen deutlich höher ist als bei heterosexuellen. (Anmerkung der Redaktion: Ein Bericht über solche Studien findet sich unter www.dijg.de/selbstmord-suizid-Teenager/ auf der Internetseite des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft, getragen von der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD, und Diakonischem Werk)

Keiner sucht sich aus, ob er hetero- oder homosexuell ist. Man ist so oder so. Ist das Ihrer Erfahrung nach ein starkes Argument gegen Diskriminierung?

Tim Das ist keinesfalls unumstritten. Ich habe von Jugendlichen aus einem Bibelkreis einmal den Satz über eine lesbische Frau gehört „Der kann geholfen werden“.
Lia Manche stempeln Homosexualität immer noch als psychische Krankheit oder Fehlentwicklung ab.
Moritz Gerade in Religionen wird Homosexualität nicht geduldet und als überwindbar dargestellt. Bei den Mormonen gibt es regelrechte „Homo-Heiler“. (Anmerkung der Redaktion: Für Schlagzeilen in den USA hat erst im Januar der Fall eines mormonischen „Therapeuten“ gesorgt, der jahrelang behauptet hat, er können Homosexualität „heilen“, bis er sich als homosexuell outete.)
Tillmann, Lehrer Generell stehen viele Religionen Homosexualität eher feindlich gegenüber, im Alten und Neuen Testament und im Koran gibt es einschlägige Stellen, die Homosexualität als Sünde abstempeln - wie viele andere Dinge. Diese alten Texte müssen interpretiert werden. Die Oldenburgische Landeskirche etwa hat sich vor ein paar Monaten zur „Trauung für alle“ entschlossen, also auch für homosexuelle Paare.

Ist es für Sie überraschend, dass Homosexualität immer noch mit so mit so vielen Probleme und Anfeindungen behaftet ist?

Tim Für mich ist das nicht sonderlich überraschend. Wer anders ist, wird von der breiten Masse verachtet. Das gilt für viele Minderheiten, nicht nur für Homosexuelle.
Emma Mich hat es auch nicht überrascht. In einer Straßenbahn in Düsseldorf habe ich neulich Plakate mit Beratungsangeboten für homosexuelle Jugendliche gesehen, die Gewalt erlebt haben. Allein das ist schon ein Hinweis, dass der Umgang mit Homosexualität nach wie vor ein Problem ist. Die grüne Bundestagsabgeordnete Ulle Schauws hat im Bundestag eine Kleine Anfrage zum Thema Gewalt gegen Homosexuelle gestellt und die Antwort erhalten: Die Gewalt gegen Homosexuelle nimmt zu.
Lia Das Thema wird zudem bis heute oft nur am Rande wahrgenommen oder angesprochen. Vielleicht ist es gut, dass Heidi Klum bei Germany’s Next Topmodel jetzt auch transsexuelle Mädchen in die Sendung nimmt.
Maurice Im Fußball gibt es zwar die Kampagne „Sag nein zu Rassismus“, aber keine vergleichbare Kampagne zur Akzeptanz von Homosexualität. Und bei den offiziellen Veranstaltungen zum Gedenken an NS-Opfer im Deutschen Bundestag gibt es keine homosexuellen Redner, die an die Morde an Homosexuellen zur Nazi-Zeit berichten.
Lia In Chile dagegen ist eine Transgender-Schule für transsexuelle Jugendliche eröffnet worden, weil transsexuelle Jugendliche an den normalen Schulen zu sehr angegangen und gemobbt wurden.  Diese Schulgründung ist gut und traurig zugleich. Besser wäre, dass man keine geschützten Räume bräuchte, weil jeder so angenommen wird, wie er ist.

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