Krefelder Tierexperten geben Auskunft Was zu tun ist, wenn man verletzte Wildvögel findet

Krefeld · Im Frühjahr werden viele Wildvögel flügge und verlassen das Nest. Nicht selten werden sie von Menschen mitgenommen, weil sie vermeintlich verletzt oder hilflos sind. Doch das ist nicht immer richtig. Was die Tiere brauchen und was im echten Notfall zu tun ist.

 Dieser Vogel wurde verletzt auf der Straße gefunden. Nicht immer brauchen vermeintlich hilflose Tiere Hilfe.

Dieser Vogel wurde verletzt auf der Straße gefunden. Nicht immer brauchen vermeintlich hilflose Tiere Hilfe.

Foto: jeku

Krefeld Der Naturschutzbund kennt es zur Genüge: „Jedes Jahr zur Brutzeit häufen sich Fundmeldungen über scheinbar hilflose Jungvögel und andere Tierkinder, die aus dem Nest gefallen sind“, berichten die Tierschützer. Die erste Reaktion vieler Menschen ist dann, dem Tier helfen zu wollen. Dass man dabei manchmal mehr Schaden anrichtet, wissen die wenigsten. Woher auch? Andersherum ist die Unsicherheit groß, wenn ein Wildvogel tatsächlich und offensichtlich verletzt ist. Denn an wen man sich wenden kann, muss meist erst aufwendig recherchiert werden.

Der Naturschutzbund Krefeld / Viersen etwa kann keine aktive Hilfe leisten. „Tierschutz ist selbstverständlich ein Naturschutzthema – gerade dann wenn es um Wildtiere oder geschützte Tierarten geht. Wir unterhalten aber keine Auffangstationen für Wildtiere und haben nicht die Kapazität, diese aufzunehmen“, heißt es dort. Stattdessen solle man beim Krefelder Tierheim nachfragen. Doch auch hier wird es schwierig, sagt Tierheimleiter Frank Schankat. „Es hat Jahre gegeben, in denen wir von morgens bis abends vermeintlich hilflose Wildvögel abgeholt haben – doch das können wir seit diesem Jahr nicht mehr leisten“, erklärt er. Zu viel habe man mit den Haustieren zu tun, als dass man verletzte Wildvögel oder andere Wildtiere wie Kaninchen aufnehmen könne.

 Auch diese Waldschnepfe wurde von Menschen gefunden und versorgt.

Auch diese Waldschnepfe wurde von Menschen gefunden und versorgt.

Foto: Oliver Schaulandt

„Wildvögel aufzunehmen ist sehr arbeitsintensiv. Sie müssen etwa alle zwei Stunden gefüttert werden, und wenn sie verletzt sind, brauchen sie Hilfe von Fachleuten, die auf Vögel spezialisiert sind“, sagt Schankat. Dem pflichtet der Krefelder Tierarzt Günter Huppert bei. „Viele Kollegen kennen sich mit Vögeln überhaupt nicht aus“, sagt er. Zudem seien die Tierärzte rechtlich nicht verpflichtet, Wildtiere zu versorgen, auch wenn es ethisch und moralisch betrachtet natürlich so sei, dass sie den Tieren helfen wollten. Doch da gebe es gleich mehrere Probleme. „Wenn so ein Wildvogel schwer verletzt ist, weil er etwa gegen eine Scheibe geflogen ist und sich den Flügel gebrochen hat, dann könnte man diesem sicherlich aufwendig helfen. Aber damit täte man diesem Tier kaum einen Gefallen, da es gegebenenfalls zeit seines Lebens nicht mehr richtig fliegen könnte. Zudem braucht man die Expertise, und die haben viele Tierärzte nicht. Das machen dann Fachkliniken in Düsseldorf oder Essen.“

Laut Tierschutzgesetz Paragraf 2 muss der Tierarzt wie auch jeder normale Tierhalter „über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.“ Zum anderen stelle sich die Frage der Kostenübernahme. „Wir dürfen von Gesetzeswegen kein Tier umsonst behandeln. Das steht in der Gebührenordnung. Theoretisch muss man also erst schauen, wer trägt die Kosten? Übernimmt das der Finder? Oder die Stadt?“ Denn grundsätzlich sei der Jagdausübungsberechtigte oder die Untere Naturschutzbehörde für Wildvögel zuständig.

Für die Tierärzte ergibt sich noch ein anderes Problem: „95 Prozent der Wildvögel, die hier vorgestellt werden, sind gar nicht hilflos oder verletzt, sondern einfach Ästlinge“, sagt Huppert. Das sind Jungtiere, die bereits das Nest verlassen haben, jedoch noch nicht selbstständig fliegen und auf dem Boden sitzend weiterhin von den Elterntieren versorgt werden. „Die Leute meinen dann, die Tiere sind hilflos, sind sie aber nicht“, bestätigt Tierheimleiter Schankat. Wer einen solchen Vogel angefasst hat, könne ihn einfach wieder zurücklegen, wenn dieser einen guten Eindruck macht. „Vögel sind nicht so geruchsempfindlich wie etwa Säugetiere. Sie versorgen ihren Nachwuchs weiterhin, auch wenn der von Menschen angefasst wurde“, sagt Schankat.

Besser sei es, die Tiere erst einmal aus der Ferne zu beobachten und abzuwarten, ob sich ein anderer Vogel um ihn kümmert, sagt eine Sprecherin des Nabu Krefeld / Viersen. „Natürlich besteht die Gefahr, dass eine Katze das am Boden befindliche Jungtier erwischt. Aber das ist leider einfach so“, sagt Schankat. Selbstverständlich könne man Ästlinge, die auf der Straße gelandet sind, auch aus der Gefahrenzone holen und etwa unter eine Hecke setzen, so der Naturschutzbund. Man darf das Tier jedoch nicht allzu weit von der Stelle aussetzen, wo es gefunden wurde, damit es von den Eltern wiedergefunden werden kann.

Und auch wenn ein Vogel vor eine Glasscheibe geflogen ist, könne man das Tier zunächst beobachten, statt es direkt zu einem Tierarzt zu bringen. „Meist erholen sich die Tiere nach einiger Zeit ganz von selbst“, erklärt Schankat. Und wenn sich das Tier doch nicht von selbst erholt, weil die Verletzung zu schwerwiegend ist, dann verstirbt das Tier meist ohnehin, ohne dass man ihm hätte helfen können, erklärt Günter Huppert.

Der Naturschutzbund macht übrigens darauf aufmerksam, dass gemäß Bundesnaturschutzgesetz „Jungvögel nur vorübergehend und nur dann aufgenommen werden dürfen, wenn sie verletzt oder krank, und somit tatsächlich hilflos sind.“ Wer dagegen verstößt, macht sich strafbar. Auch, wenn er es gut gemeint hat.

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