Spätfolge von Corona „Turnerschaft 1872“ – einer der ältesten Vereine Krefelds gibt auf

Krefeld · Einer der ältesten Vereine Krefelds hat sich selbst aufgelöst: Die Turnerschaft 1872 Krefeld hat nach der Corona-Pandemie nicht mehr in einen normalen Betrieb zurückgefunden. Die Geschichte des Vereins spiegelt deutsche Geschichte wider – zum Beispiel, ab wann Frauen nicht mehr in Kleidern turnen mussten.

 Der ehemalige Vorsitzende der Turnerschaft 1872 Krefeld, Walter Goebel, hat jahrelang die Chronik des Vereins gehegt. Inzwischen lagert das mehr als 100 Jahre alte, handgeschriebene Buch mit aufwändigem Ledereinband und vielen historischen Fotos im Stadtarchiv. Das Foto entstand 2011.

Der ehemalige Vorsitzende der Turnerschaft 1872 Krefeld, Walter Goebel, hat jahrelang die Chronik des Vereins gehegt. Inzwischen lagert das mehr als 100 Jahre alte, handgeschriebene Buch mit aufwändigem Ledereinband und vielen historischen Fotos im Stadtarchiv. Das Foto entstand 2011.

Foto: Strücken, Lothar/Strücken, Lothar (slo)

Als dieser Turnverein gegründet wurde, lag der Deutsch-Französische Krieg ein Jahr zurück. Die Sozialisten August Bebel und Wilhelm Liebknecht wurden wegen Hochverrats verurteilt, weil sie vor diesem Krieg für Frieden mit Frankreich plädiert hatten. Richard Wagner legt den Grundstein für das Festspielhaus in Bayreuth, und in Großbritannien wird das erste Fußball-Länderspiel ausgetragen; es spielten Schottland gegen England, das Spiel endete 0:0. In Krefeld wurde dieser Turnverein gegründet, der sich neben Leibesertüchtigungen auch Bildung auf die Fahne geschrieben hatte: Denn gegründet wurde die „Turnerschaft des Handwerker- und Bildungsvereins“. 150 Jahre lang hatte er Bestand, entwickelte sich weiter – bis Corona kam und das Vereinsleben abwürgte.

Turnerkleid: In solchen Kleidern haben Frauen im Jahr 1900 geturnt.

Turnerkleid: In solchen Kleidern haben Frauen im Jahr 1900 geturnt.

Foto: Jens Voss

So recht hat sich der Verein nach dem Ende der Pandemie davon nicht erholt – und musste schließlich die Selbstauflösung in die Wege leiten. „Somit ging eine Ära eines 150 Jahre alten, erfolgreichen Sportvereins zu Ende“, erklärten die letzte Vorsitzende in der Vereinsgesichte, Hannelore Brockmann, und das Ehrenmitglied Walter Goebel. Die Vereinsgeschichte verdient es, erzählt zu werden: Sie spiegelt die politische wie gesellschaftliche Entwicklung Krefelds und Deutschlands wider.

 Fechtabteilung der Turnerschaft, gegründet 1921.

Fechtabteilung der Turnerschaft, gegründet 1921.

Foto: Turnerschaft 1872 Krefeld e.V./Jens Voss

Das fängt mit dem Bildungsbegriff an: Turnen war 1872 nicht nur Sport, es war ein Bildungsprojekt und ein politisches Unterfangen mit nationalistischen Einsprengseln. Als Turnvater Jahn (1778-1852) den Deutschen die Liebe zum Turnen vermittelte, ging es ihm auch um politische Ziele wie die Gründung eines Nationalstaates, überhaupt: die Stärkung bürgerlichen Selbstbewusstseins. Dieses Ziel schien 1871 mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches wenigstens in großen Teilen erreicht. Allerdings war es ein Kaiserreich, in dem Nationalismus, Parlamentarismus und Monarchie ein fragiles Gesamtsystem bildeten. Richtig modern sind die Deutschen erst nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges geworden, als die Monarchie als Herrschaftsform abgeschafft wurde.

 Walter Goebel heute; er berichtet über das Ende der Turnerschaft 1872 Krefeld e.V..

Walter Goebel heute; er berichtet über das Ende der Turnerschaft 1872 Krefeld e.V..

Foto: Jens Voss

Folgt man der Geschichtserzählung der Turnerschaft 1872 Krefeld e.V., so ist zu sehen, wie sich der Sport Millimeter für Millimeter ein Eigenleben jenseits politischer Ideologie erkämpfte. Beispiel Frauenabteilungen: Im symbolträchtigen Jahr 1900 wurde in dem Verein, der noch „Turnerschaft des Handwerker- und Bildungsvereins“ hieß, eine Frauenabteilung gegründet. Ein Markstein des Fortschritts und der Frauenemanzipation, eine Sensation. Das war auch in der Zeitungsberichterstattung zu spüren, in der die Frauenabteilung gegen skeptische Männer verteidigt wurde – Zitat aus der „Krefelder Zeitung“: Vielen weiblichen Personen seien „Turnen und Turnspiele zum Bedürfnis geworden. Diese Thatsache kann jeder vorurteilsfreie Mann nur mit Freude begrüßen; liegt doch in der Kraft der deutschen Frauen und Mädchen die Zukunft unseres Vaterlandes und zum großen Teil die Wohlfahrt und Zufriedenheit in der Familie.“ Nationalismus, ein traditionelles Frauenbild und Lust am Sport bilden ein Gemenge, doch spürbar ist, dass die Beteiligung von Frauen etwas Neues ist.

Kostbare Vereinsfahne der Jugendabteilung: Handgestickt, entstanden im Jahr 1882. Sie wird heute im Museum Burg Linn aufbewahrt.

Kostbare Vereinsfahne der Jugendabteilung: Handgestickt, entstanden im Jahr 1882. Sie wird heute im Museum Burg Linn aufbewahrt.

Foto: Turnerschaft 1872 Krefeld e.V./Jens Voss

Dazu kam, dass die Abteilung von einer Frau geführt wurde: von „Fräulein“ Martha Thurm, die sich in dieser Funktion viel Respekt erarbeiten sollte. Thurm wurde so auch zur Pionierin der Emanzipation: Die Öffentlichkeit hat sich daran gewöhnt, dass auch Frauen Spitzenämter einnehmen. Thurm setzte übrigens durch, dass Frauen nicht mehr in extrem hinderlichen Turnkleidern, sondern in kürzeren (Pluder-)Hosen Sport treiben durften.

 Die Rückseite der historischen Fahne aus dem Jahr 1882; sie gehört zur Jugendabteilung.

Die Rückseite der historischen Fahne aus dem Jahr 1882; sie gehört zur Jugendabteilung.

Foto: Turnerschaft

1923 kam es zum Wechsel im Vereinsnamen: Durch die Verschmelzung des Turnvereins Jahn „Turnabteilung des evangelischen Bürgervereins“ mit der „Turnerschaft des Handwerker- und Bildungsvereins“ entstand die „Turnerschaft 1872 Krefeld“.

Der Verein entwickelte sich kontinuierlich, schüttelte spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg alle Nationalismen ab – es ging um Sport, Gesundheit und Geselligkeit. Und der Verein war für viele eine Familientradition. Walter Goebel zum Beispiel, der heute Ehrenmitglied ist und die Geschichte des Vereins erzählt, war von 1986 bis 2000 Vereinsvorsitzender; schon sein Vater hatte dieses Amt von 1960 bis 1968 inne. „Eigentlich hab ich gar nicht so gern geturnt“, erinnert sich Walter Goebel junior, doch der Vater hat ihn in den Verein geholt, und so blieb er und übernahm später Verantwortung. Zuletzt hat er sehr gerne am Seniorenturnen teilgenommen.

In den letzten Jahren wurde der Verein von Frauen geführt: ab 2006 von Hannelore Speh und ab 2010 von Hannelore Brockmann, die nun die Selbstauflösung des Vereins übernehmen musste. Sie sei stolz, schrieb sie 2012 zur Feier des 140-jährigen Bestehens des Vereins, den Verein als zweite Frau in der Vereinsgeschichte zu führen.

Das Argument, mit dem im Jahr 1900 das Frauenturnen begründet wurde, gilt eigentlich immer noch – für alle Geschlechter. Zitat der „Krefelder Zeitung“: „Ganz besonders mögen jene Damen, welche tagsüber durch geistige Thätigkeit sehr angestrengt sind, nicht vergessen, dass nur im gesunden Körper eine gesunde Seele leben kann.“