Krefeld: Tattoos aus Krefeld

Tattoos : Zeichen der Zeit – die Erinnerung auf der Haut

Ob Trauriges oder Glückliches: Bilder, Lyrik oder Symbole als Tattoo stiften für die Träger Identität und helfen, Erlebtes zu verarbeiten.

Im Studio „Tattoo 08/15“ läuft Rockmusik, und es summen die Geräte. Ein Mann in buntem Poloshirt liegt auf einer Liege und bekommt seinen Oberarm verziert. Es macht den Anschein, als käme er gerade von der Arbeit. Noch vor wenigen Jahren wurden Menschen, die sich Motive mit Tinte auf ihre Haut stechen ließen, gerne dem kriminellen Milieu zugeordnet oder als Teil einer distinguierten Szene gesehen, die Tätowierungen als Mittel sieht, sich von der Gesellschaft abzugrenzen.

Längst werden Tattoos nicht mehr stigmatisiert, sie sind angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Ob Popsternchen, Schauspieler oder Fußballer: Viele von ihnen tragen Motive in Form von Zeichen, Sprüchen oder Bildern auf der Haut. Jeder fünfte Deutsche ist heutzutage tätowiert. Bei Frauen zwischen 25 und 34 Jahren sind es sogar die Hälfte. Das ergab eine Studie der Universität Leipzig.

Woher kommt das Bedürfnis derart vieler Menschen, etwas dauerhaft auf dem Körper festzuhalten und nach außen zu tragen? „Das hat sich in den letzten zehn Jahren extrem gewandelt. Tattoos müssen für die Leute einen tieferen  Sinn haben“, sagt Tom Kesemeyer, Inhaber von Tattoo 08/15. Sie seien für die meisten Menschen nicht mehr nur Körperkunst oder entstünden aus dem Verlangen heraus, anders sein zu wollen. Vielmehr gehe es vielen mittlerweile offenbar darum, negative Erfahrungen zu verarbeiten, schöne oder traurige Erinnerungen, Vorlieben oder Dinge, die für sie wichtig sind im Leben und  ihre Identität ausmachen, festzuhalten, Menschen, die ihnen etwas bedeuten, immer bei sich zu haben. Das kann „Chrissi“ Serrabona bestätigen: „Mit dieser Intention kommen die meisten, insbesondere Frauen“, sagt die Inhaberin von „Der verrückte Tattoomacher“ aus Uerdingen.

Chrissi Serrabona führt das Studio „Der verrückte Tattoomacher“, das es in Uerdingen seit 15 Jahren gibt. „Ich finde es schön, dass für viele Menschen Tattoos heutzutage etwas bedeuten. Ich trage selbst einige Erinnerungstattoos.“ Fotos: thomas Lammertz. Foto: Fabian Kamp

Einer der häufigsten Gründe, ein Studio aufzusuchen, ist ein prägender Einschnitt im Leben, wie der Verlust von Angehörigen oder Haustieren. Die Motive reichen dann von Abbildern über Todestage bis hin zu Gegenständen, die mit dem Liebsten assoziiert werden. Das können bei Großeltern dann Nähkissen, Schreibmaschine, oder Werkbank sein.  Besonders schwierig zu handhaben seien Andenken an nie geborenen Nachwuchs, so genannte Sternenkinder, erzählt Kesemeyer. Einige Motive gingen sogar ihm zu weit, so dass er auch schon Kunden abwies. Im Detail möchte er die Geschichten nicht in der Öffentlichkeit wissen, um seine Kunden zu schützen, schließlich hätten sie ihm ihre Erlebnisse im Vertrauen mitgeteilt.  Manchmal wird ihm das mit der Trauerbewältigung aber auch zu viel: „Ich habe Kunden, die sehr intensiv ihre Probleme bei mir abgeladen haben, schon mal deutlich gesagt, dass ich nicht ihr Psychiater bin. Da muss man dann manchmal eine Grenze ziehen.“

Tom Kesemeyer ist seit 16 Jahren Inhaber des Studios „Tattoo 08/15“ in Innenstadtnähe. Er wünscht sich, dass wieder mehr Menschen „spontan ein Tattoo stechen lassen. Einfach, weil es geil aussieht. Deswegen bin ich nämlich eigentlich Tätowierer geworden.“. Foto: Fabian Kamp

Eine Reminiszenz als Abbild auf dem eigenen Körper, diesem Wunsch begegnet auch Serrabona immer wieder. „Erst heute Morgen kam eine Frau vorbei, die ihr Kind verloren hat und diesen schlimmen Verlust festhalten wollte.“ Serrabona selbst hat sich ihre Hündin Hexe nach dem Tod auf der Wade verewigt.

Auch zahlreiche freudige Erinnerungen werden als Anlass für eine Tätowierung genommen, wie die Geburt des Kindes oder die eigene Hochzeit. Ebenso Liebesbeweise, wie Namen, verschlungene Ringe, Jahrestage, Kosenamen als Tier-Motive. Dieselben Menschen kämen dann aber häufig wieder, um sich den Namen des dann Ex-Partners mit etwas anderem übermalen zu lassen. Einmal, erzählt Kesemeyer, sei ein Mann kurze Zeit nach seiner Sitzung erneut ins Studio gekommen, „die Tinte war noch nicht trocken, und er wollte es wieder entfernt haben.“ Ein fehlgeschlagener Versuch, seine Beziehung zu retten.

Serrabona erinnert sich an einen Kunden, der über Jahre alle paar Monate bei ihr vorbeikam, um den Namen seiner bisherigen Freundin auf den Rippen durchstreichen zu lassen, um drunter seine neue Flamme zu verewigen. Irgendwann waren es ein halbes Dutzend Namen.

Oder es geht um Leidenschaften und Symbole der Zugehörigkeit, die die eigene Identität ausmachen, wie Autos, Stadtwappen, Logos von Sportvereinen, Familien-Stammbäume und Videospielfiguren, die an die eigene Kindheit erinnern. Auch Gedichte oder Lebensweisheiten sind beliebt. Tattoos, so scheint es, helfen den Menschen, Orientierung im Leben zu finden, weil sie für sich begreifen, wer sie sind und was sie ausmacht. Das kann positiv oder negativ besetzt sein. Serrabonas Tätowierer, Darius Truelsen, berichtet von einem Mädchen, das mit ihrer Uroma aus Polen über Jahre Briefkontakt hielt, ohne sie je gesehen zu haben. Eines ihrer Briefe fand auf dem Schulterblatt des Mädchens seinen Platz.

Ein anderer Kunde ließ sich einen Clown auf einem Schachbrett, umgeben von Geldscheinen und einem herannahenden Tornado über den Rücken tätowieren. Er versuchte damit seine schwere Jugend im Kinderheim zu verarbeiten: „Er sagte zu mir, ich sehe es selbst nicht gut, aber ich weiß, dass es da ist. Es erinnert mich daran, wer ich bin und was ich hinter mir habe.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Erinnerungen, die unter die Haut gehen