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Krefeld: Szenische Lesung im Kresch-Theater

Krefelder Theater : Eine virtuelle Romanze im Kresch

Nach dem Motto „Das beste Kresch Theater unter der Sonne“ startete das Programm am Samstag mit der szenischen Lesung des erfolgreichen Romans von Daniel Glattauer „Gut gegen Nordwind“.

Nach vierzehn Wochen ist es soweit: Das Kresch-Theater öffnet nach der Corona-Pause wieder seine Türen, oder genauer gesagt, seine Tore: Im Innenhof der Fabrik Heeder findet seit Samstag die Kresch Sommertheater-Reihe mit Lesungen, Kindertheaterstücken ab fünf Jahren und interaktiven Hörspielen statt. Der Innenhof ist bestuhlt und bietet Platz für maximal 38 Zuschauer, je nach Bedarf gibt es Einzel-, Zweier- oder Familienplätze.

„Wir glauben, dass es gut ist, wenn sich Menschen begegnen“, begrüßt Helmut Wenderoth, Regisseur und Autor am Kresch-Theater, das Publikum und zeigt sich sichtlich erfreut über die Möglichkeit, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Durch das Virus erlebt die Netzbühne gerade ihr großes Erwachen, ganze Theaterfestivals wurden ins Netz verlegt und fanden per Zoom-Schalte live am heimischen Bildschirm statt. Wer sich nach ästhetischer Erfahrung sehnte, konnte sich in einer schier unüberschaubaren Menge an performativen Aktivitäten mit ein paar Klicks in den digitalen Raum bewegen und sattsehen. Für den Moment jedenfalls.

Dass der Hunger nach einem Live-Ereignis trotz Wohnzimmerstreams groß ist, zeigt der Premierenabend von „Gut gegen Nordwind“ – alle 38 Stühle sind an diesem sonnigen Premierenabend besetzt. In der rund 90-minütigen Lesung lauscht das Publikum den Worten der Kresch-Theaterintendantin und Schauspielerin Isolde Wabra und Schauspieler Johannes Stelzhammer so gespannt, dass zufällige Nebengeräusche wie Vogelgezwitscher oder Motorradgeknatter wunderbar in die Erzählung miteinfließen.

Der Bühnenraum ist zweigeteilt, er zeigt die Wohnzimmerausschnitte der beiden Protagonisten: Auf der linken Seite ist Emma Rothner (Isolde Wabra), 44 Jahre, glücklich verheiratet, lebt mit Mann und zwei Kindern aus erster Ehe ihres Mannes ein bodenständiges Leben. Auf der rechten Seite sitzt Leo Leike (Johannes Stelzhammer), 46 Jahre, Professor für Sprachpsychologie, seit kurzem Single.

Durch einen Tippfehler in der E-Adresse landet eine Nachricht von Emma versehentlich bei Leo. Der Irrtum ist schnell aufgeklärt, wieder und wieder landen E-Mails in Leos Postfach – versehentlich. Hier nimmt der 288 Seiten starke E-Mail-Roman seinen Lauf. Über einen Zeitraum von über einem Jahr tauschen die beiden in „virtueller Zweisamkeit“ manchmal bis zu 28 Nachrichten pro Tag miteinander aus, gestehen sich schnell ihre Gefühle füreinander („Ich interessiere mich wahnsinnig für Ihren E-Mail-Charme“), geben sich Einschlaftipps, fragen sich intime Details und kommen sich trotz digitaler Räumlichkeit näher.

Glattauer ist ein Romantiker des 21. Jahrhunderts. Seine Worte wählt er präzise und lässt den Leser an seine Figuren nah ran. Die Rolle der Emma, oder Emmi, wie Leo sie nennt, liest Wabra mit viel Charme und einer guten Portion Zynismus, sie nimmt oft Blickkontakt mit dem Publikum auf. Leo, der von Emma liebevoll Meister genannt wird, ist Analytiker und schreibt nicht gern um den heißen Brei herum, was Stelzhammer sehr authentisch und feinsinnig rüberbringt. Mit Spannung hören die Zuschauer jeder Zeile des virtuosen Versteck-Spiels zu, dessen Ende nur vorläufig ist: nächsten Samstag, 27. Juni, geht es im Sommertheater mit dem Fortsetzungsroman von „Gut gegen Nordwind“ weiter.