Krefeld: Schüler des Gymnasium Fabritianum haben Latein im Abi

„Tote“ Fremdsprache : Warum Schüler Latein lieben

Latein zählt als tote Sprache, deren Existenz und Relevanz an Schulen in Frage gestellt wird. Schüler des Gymnasiums Fabritianum finden etwas an der alten Sprache – so viel, dass sie Latein mit in das Abitur genommen haben.

Latein ist anspruchsvoll, fordernd und analytisch. Der Unterricht vermittelt Geschichte, Kultur, Philosophie und Politik, wie es kein anderes Fach leisten kann. So sehen es zumindest die Abiturienten Konrad Graunke und Martin Oertel des Gymnasiums Fabritianum. Sie haben Latein bis in die Q1 gewählt und sind überzeugt, einen Mehrwert aus dem Fach ziehen zu können.

Als tote Sprache wird Latein oft der Kritik ausgesetzt. Die Frage stellt sich, wieso Latein in Schulen an Stelle von lebenden Sprachen wie Französisch, Spanisch oder Italienisch gelehrt wird. Doch hier scheiden sich die Geister. Tatsächlich wird Latein als zweite Fremdsprache ebenso oft gewählt wie Französisch. Allerdings wurden, wie die Statistik des Schulministeriums NRW aufzeigt, im vergangenen Jahr nur 0,4 Prozent (979 Schüler) der gymnasialen Abiturienten in Latein, meist als mündliches Fach, geprüft. Als Fremdsprachen im Abitur wurden vielmehr Englisch (38.070 Schüler), Spanisch (2081) und Französisch (2004) gewählt.

Konrad Graunke hat sein mündliches Abitur in Latein abgelegt. Zusammen mit Martin Oertel, der die alte Sprache bis in die Q1 belegte, versucht er zu erklären, wieso der Lateinunterricht sinnvoll ist. Primär haben die Abiturienten Spaß an dem Fach gehabt. Es habe viel Analytisches und Logisches, ähnlich wie Mathematik. Es sei anspruchsvoll und fördere dadurch Disziplin, die in anderen Fächern genutzt werde. Zudem lehre Latein ein Sprachverständnis, das beim Lernen romanischer Sprachen helfe.

Das Latinum erwirbt ein Schüler nach fünf Jahren Lateinunterricht. Damit gilt der Spracherwerb als abgeschlossen. Graunke und Oertel entschlossen sich jedoch, zwei weitere Jahre Latein zu belegen. „In der Zehn begannen wir mit den wirklich interessanten Texten“, erzählt Graunke. Ab der neunten Jahrgangsstufe werden die ersten Originaltexte übersetzt. In der Oberstufe behandeln die Schüler philosophische und politische Texte. Bei denen habe es oft zu hitzigen Diskussionen geführt, berichten die Abiturienten. Die besprochenen Themen seien noch heute tagesaktuell. Primärliteratur von Seneca, Cicero und Caesar vermitteln anschaulich die Kultur und das Denken von Menschen vor über 2000 Jahren. Schon damals wurden Themen wie Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung und Populismus behandelt.

Einer der wichtigsten Aspekte im Unterricht sei es, den Bezug zur Gegenwart herzustellen, um Schüler für das Fach zu interessieren, erklären Thomas Tillmann und Eleonore Süßbrich. Die Lateinlehrer unterrichten die Q1-Kurse des Gymnasiums Fabritianum. Jeder Kursus umfasst elf Schüler. „Latein ist nicht mehr stumpfes Übersetzen und Auswendiglernen von endlosen Tabellen“, sagt Tillmann. Zwar sei auch noch heute wichtig, den Vokabelstamm auszubauen und die Grammatik präzise umzusetzen, der Unterricht habe sich dennoch stark gewandelt. Es werde mehr diskutiert und interpretiert als früher. Nach wie vor mache die Übersetzung einen Drittel des Unterrichts aus, in der übrigen Zeit werde allerdings über die Texte gesprochen. „Die Schüler haben sich regelrecht die Köpfe heiß diskutiert“, berichtet Süßbrich. Den Bezug zur Gegenwart erreichen die Lehrer, indem sie zum Beispiel eine Rede von US-Präsident Obama mit einer von Cicero vergleichen oder die Abschlussrede von Papst Benedikt XVI. analysieren und korrigieren. Daran erkennen die Schüler, dass die rhetorischen Mittel von damals genauso in der heutigen Zeit genutzt werden und dass selbst im Vatikan, einer der wenigen Orte, an dem Latein noch aktiv gesprochen wird, grobe Grammatikfehler gemacht werden.

„Viel liegt natürlich am Lehrer“, sagen Graunke und Oertel. Gleichwohl sind sie der Überzeugung, mit Latein das richtige Fache belegt zu haben. Beide benötigen Latein nicht für ihr Studium. Das politische Grundverständnis, die kulturelle Bildung, die antiken Lehren und das Gefühl für Sprachen seien jedoch der Mehrwert, den sie aus dem Latein-Unterricht der Oberstufe für ihr Leben mitnehmen. Außerdem geben sie zu bedenken, dass Latein fast nur noch in Schulen gelehrt wird – Spanisch oder Französisch hingegen kann jederzeit problemlos in einem Sprachkursus nachgeholt werden.

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