Krefeld: Schauspieler reisen ins Kriegsgebiet

Schauspieler fuhren in das Shengal : Zurück von Theater-Recherche im Kriegsgebiet

Im April soll ein Stück über die Eziden, eine Volksgruppe, die der IS auslöschen wollte, anlaufen. Die Schauspieler reisten nun trotz der Gefahr zur Recherche in das Shengal, das Siedlungsgebiet der Eziden.

Für einen kurzen Augenblick tauchten die Eziden im Jahr 2014 in den Augen der Weltöffentlichkeit auf, als der IS ihr Gebiet im Nordirak einnahm und zu einem groß angelegten Genozid ansetzte. Kurdische Verteidiger schützten die Glaubensgemeinschaft so gut es ging. Tausende Frauen wurden dennoch verschleppt, rund 3500 sind noch heute versklavt. „Die Weltöffentlichkeit interessiert sich eigentlich so gut wie gar nicht für ihr Schicksal“, sagt Anina Jendreyko. Sie entschied sich, ein Theaterstück über diese Volksgruppe, deren Glauben zu den ältesten Naturreligionen der Welt zählt, zu schreiben.

Dieses soll in Krefeld/Mönchengladbach sowie in Basel, wo Jendreyko eigentlich an der Volksbühne arbeitet, aufgeführt werden. Um ein Gespür für das Thema zu entwickeln, wählte sie dabei einen ungewöhnlichen Ansatz: Gemeinsam mit den Schauspielern brach sie vom 1. bis 7. Januar zu einer Recherchereise in den Nordirak auf. „Für mich stellte sich keinen Augenblick die Frage, ob ich mitfahren wollte. Die Gefahr spielte für mich keine Rolle. Es ging vor allem darum, meine Weltsicht zu erweitern“, erzählt Schauspielern Eva Spott.

Die Eindrücke seien vielfältig. „Es ist ein Kriegsgebiet. Mossul wurde erst im vergangenen Jahr befreit. Die Zerstörung ist allgegenwärtig“, sagt Jendreyko. Trotzdem aber sei es nicht in erster Linie um diese oder das menschliche Leid gegangen. Vera Maria Schmidt beschreibt die Reise als geradezu spirituell. „Es hat mir die Augen geöffnet. Ich muss im Rückblick sagen, dass ich mit großer westlicher Arroganz gefahren bin. Heute siehe ich die Dinge ganzheitlicher. Zum Beispiel unseren Freiheitsbegriff. Ich stelle ihn jetzt in Frage, ohne bereits fassen zu können, wo ich hingelangen werde“, sagt sie.

Mit von der Partie waren auch drei Ezidische Künstler: Schauspielerin Sevim Kesbir, sowie die Musiker Sozin und Süleyman Carnewa. Kesbin wuchs in Deutschland auf, die Carnevas im kurdischen Teil der Türkei. Süleyman lebte zehn Jahre in Düsseldorf und heute in Paris. Er spricht von einem dunklen Fenster, das für ihn ein Stück weit geöffnet wurde. „Die Reise hat mich verändert. Als Person, aber auch meine Kunst“, sagt er.

Das Stück soll im April zunächst in Mönchengladbach anlaufen. Wie es genau aussehen soll, verrät Jendreyko, die das Skript schreiben wird, noch nicht konkret. Sie erzählt so viel, dass es keine klassische Geschichte rund um einen oder mehrere Protagonisten werden soll. „Es wird einen roten Faden geben“, sagt sie. Darum werden sich verschiedene Episoden spinnen, die auch mit Videosequenzen unterlegt werden. Interviews mit den Menschen im Shengal, dem Siedlungsgebiet der Eziden, sollen vorkommen. Wichtig sei ihr, die Geschichte der Menschen zu erzählen, sich dabei aber nicht auf Tod und Zerstörung, sondern auf die Kraft zum Wiederaufbau zu konzentrieren, sagt sie. „Das war auch die Kernbotschaft der Menschen dort: Erzählt! Sie möchten wahrgenommen werden“, erzählt sie.

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