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Krefeld rockt: Vortrag und Ausstellung zur Musikgeschichte der Seidenstadt

Musik in Krefeld : Als The Who in Krefeld chinesisch aßen

Die Krefelder Rock- und Popgeschichte hat viele Seiten. Einen Überblick über die vergangenen 60 Jahre geben Krefelder Musiker verschiedener Band-Generationen. Am 6. März erzählen sie – auch Geschichten von „hinter den Kulissen“.

Die Beatles sind nie in Krefeld aufgetreten. Dafür gab es einen Grund: „Sie waren 4000 D-Mark zu teuer“, sagt Hans Rommerskirchen.  Dass The Who nicht gespielt haben, lag ebenfalls am Geld: „Sie wollten sieben oder acht Mark Eintritt, das war den Krefeldern zu viel“, erzählt Waldo Karpenkiel. Immerhin sei die britische Rockband, die in den 60er Jahren zu den ganz Großen der Rockmusik  gehörte, angereist. „Die haben dann an der  Hochstraße beim Chinesen gesessen und gegessen.“ Ob Pete Townshend, Roger Daltrey und Kollegen erkannt worden sind und die Sambal-Oelek-Schälchen nach ihrem Besuch noch ordentlich auf den Tischen standen – das erzählt er vielleicht am Freitag, 6. März, im Linner Jagdschloss. The Kinks aber, erinnert sich, haben die Viehhalle mit ihrem Rock zum Glühen gebracht.

Rommerskirchen und Karpenkiel sprudeln nur so, wenn es um die Musikszene geht. Gemeinsam mit Wolfgang Hellfeier und Philip Lethen stehen sie für vier Kapitel Krefelder Musikgeschichte: von den 1960er Jahren bis heute. Daraus werden sie berichten, passend zum letzten Kapitel der Ausstellung „Von der Lochkarte zur Cloud“ im Jagdschloss.

Musikalisch gesehen war Krefeld nie ein weißer Fleck auf der Landkarte: Die Seidenbarone schmückten sich damit, berühmte Zeitgenossen einzuladen: Gustav Mahler hat hier seine 3. Sinfonie uraufgeführt, Johannes Brahms hat hier dirigiert und Freunde besucht. Das Linner Jagdschloss beherbergt eine der schönsten Sammlungen mechanischer Musikinstrumente von der Spieluhr bis zur Zimmerdrehorgel  und eine lebendige Szene populärer, Rock-  und Jazzmusik. Die jüngsten 60 Jahre des Musikgeschehens werden nun beleuchtet von zwei aktiven Musikern und zwei Ehemaligen, die in der Clubszene früher ordentlich mitgemischt haben.

Waldo Karpenkiel, 1948 geboren, hat als Schlagzeuger in den Sechzigern bei den „Generals“ begonnen. Später gründete er die Jazz-Rock-Bands Kollektiv und Supersession und ist vom Bunker am Hauptbahnhof bis auf internationale Bühnen gekommen. Er hat die Anfänge von „Kraftwerk“ mitverfolgt, dessen Gründer Ralf Hütter hier seine Wurzeln hat. Er hat erlebt, wie sich die Clubszene in Krefeld wandelte und mit ihr die Musik. Wie Schülerbands, die Hits ihrer amerikanischen oder englischen Vorbilder coverten, eigene Stile entwickelt haben, wie Krefeld sich in den Siebzigern zur Rockfestival-Hochburg entwickelte und wie der Punk aufblühte.

Gemeinsam mit Wolfgang Hellfeier und Hans Rommerskirchen hat er die Musikgeschichte Krefelds in „Wer beatet mehr“ und „Krefeld rockt die Siebziger“ aufgearbeitet. Hellfeier (Jahrgang 1953)  war in den 70ern Frontmann von „Apares“ und sang in den 90ern bei der Retro-Rock-Band „Once a Week“ – jeweils gemeinsam mit Hans Rommerskirchen (geboren 1956). Der hat als 14-Jähriger erstmals die Drummer-Sticks  wirbeln lassen, in Jugendheimen und Krefelder Lokalen. „Überall gab es Live-Musik“. Er hat in diversen Bands gespielt, bis vor einigen Jahren noch mit „Liquid Skies“ Pop-Rock gemacht. Stilistisch hat er sich immer erweitert. „Auch beim Hören“, sagt er. Die ersten Schallplatten waren klarer Rock. Die Sammlung wuchs, umfasste später auch Klassik, Folk, Shanty: Fast 800 Scheiben mit Krefeld-Bezug hat er jüngst dem Stadtarchiv überlassen.

Philip Lethen (geboren 1971) hat als Gitarrist 1992 bei Aunt Worm  begonnen, später den Kontrabass bei der „Schräg-Pop-Kapelle“ Jansen gezupft. Als Initiator der Sampler „Music Made in Krefeld“ führt er im Vortrag von den 80ern bis in die Gegenwart. Blind Guardian, sind da zu nennen, M. Walking on the Water, aber auch Specktakel – die Jungs mit „Mama Lauda“. Auch das ist Music made in Krefeld.

„Ist das Kultur, die man aufbewahren muss? Können wir das überhaupt beurteilen“, fragt Jennifer Morscheiser, Leiterin des Museums Burg Linn. Sie sieht die museale Aufgabe, dass Musikgeschichte und -geschichten gesammelt und aufbewahrt werden müssen. Und hofft, dass Besucher noch Erinnerungsstücke wie Eintrittskarten oder Plakate, vielleicht auch persönliche Erlebnisse beisteuern können zur Ausstellung, die mit vielen Exponaten in die Vergangenheit von Walkman und Kasettenrekorder führt, aber auch in die Hightech der Synthesizer. Und sie sagt: „Mama Lauda“ ist wert, aufbewahrt zu werden als Zeitzeugnis. „Die Beatles fanden viele damals auch unmöglich.“