Krefeld: Radfahrerin nach Sturz über Schlagloch schwer verletzt

Schon mehrere Unfälle in Krefeld: Schlaglöcher noch und nöcher

In Krefeld dominiert das Thema Schlaglöcher seit Wochen die Gespräche. Im Januar wurden zwei Autos durch ein tiefes Schlagloch schwer beschädigt, dann verletzte sich eine Radfahrerin schwer. Die Stadt investierte zuletzt deutlich weniger in neue Straßen.

Wenn Erika Kempkes über ihren Fahrrad-Unfall erzählt, stockt die Stimme. Von einer "Schocksituation" erzählt sie, von "wochenlangen Schmerzen" und von der "Angst, wieder aufs Rad zu steigen". Die 61-jährige Krefelderin ist Opfer eines Problems geworden, das in der Stadt allgegenwärtig ist: Schlaglöcher.

Das Winterwetter der vergangenen Wochen hat die ohnehin häufig nur notdürftig geflickten Straßen stellenweise in eine Buckelpiste verwandelt. Insbesondere in den Nebenstraße sind teils tiefe Löcher, eine Fahrt über die Dahlienstraße in Richtung Zoo oder die Blumestraße in Richtung Innenstadt beweist das. Mit dem Auto holpert es alle paar Meter, die Straßen sind zu eng, um den Löchern auszuweichen. Vor einigen Wochen rief die Bürgergruppe "Krefelder Freunde" über Facebook dazu auf, Fotos von Schlaglöchern zu schicken - es folgten Dutzende Einsendungen. "Wir haben die Bilder an die Stadt und die Politik weitergeleitet, um auf die Problematik nochmal verstärkt aufmerksam zu machen", sagt Initiatorin Sabine Höntzsch.

Schweren Prellungen an der Lendenwirbelsäule

Den "Krefelder Freunden" schilderte auch Erika Kempkes ihre Geschichte. Anfang Februar war sie am frühen Abend im südlichen Teil des Krefelder Zentrums unterwegs. Die Dunkelheit war bereits angebrochen, als sie auf dem Reinersweg ein tiefes Schlagloch übersah und stürzte. Ihr Brille fiel ihr vom Gesicht, ihre Einkäufe fielen zu Boden, sie selbst landete in einer Pfütze. "Ich habe mich so hilflos, so unwürdig gefühlt, es war ein totaler Schockzustand", sagt sie. Ein "super-netter Ersthelfer" habe ihr aufgeholfen, die Einkäufe eingesammelt und ihre Brille gesucht. Vor allem habe der junge Mann aber einen Krankenwagen alarmiert. Der brachte sie mit schweren Prellungen an der Lendenwirbelsäule in die Helios-Klinik. "Ich hatte wochenlang Schmerzen", sagt sie.

Es ist nicht der erste folgenschwere Vorfall in Krefeld, der durch Schlaglöcher verursacht wurde. Im Januar beschwerten sich zwei Autofahrer bei der Stadt, weil ihre Autos bei der Fahrt durch ein 20 Zentimeter tiefes Schlagloch auf dem Hochbendweg schwer beschädigt wurden. In einem Fall waren zwei Reifen geplatzt, eine Felge erlitt Totalschaden - rund 1000 Euro kostete die Reparatur.

Straßenbau-Investitionen haben sich halbiert

9178 gemeldete Schlaglöcher bilanzierte die Stadt im vergangenen Jahr, rund 100 davon werden täglich vom Fachbereich Tiefbau beseitigt. Auch das Loch, über das Erika Kempkes stürzte, wurde kurze Zeit nach dem Unfall mit Kaltasphalt verfüllt. Doch diese Methode ist problematisch, denn sie hält meist nur für kurze Zeit. Schon Anfang März hatte der Unfallort auf dem Reinersweg wieder Risse. Am Hochbendweg hielt die Verfüllung nur vier Wochen.

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"Richtigen Asphalt aufzutragen wäre sicherlich effizienter, doch dafür fehlt das Geld", sagt Stadtsprecher Manuel Kölker. Dabei hat sich die Summe der städtischen Investitionen in Straßen in den vergangenen drei Jahren bereits mehr als halbiert. Gab die Stadt 2015 noch 12,8 Millionen Euro für den Aus- und Neubau von Straßen aus, so waren es 2017 nur noch 5,8 Millionen Euro. Mit dem Geld wurden unter anderem der Ostwall und der Hafenring saniert. In nachhaltigere Maßnahmen für die löchrigen Nebenstraßen will die Stadt erst dieses Jahr investieren. 1,3 Millionen Euro stehen bereit, um auf rund 40 belastete Straßen sogenannten DSK-Belag aufzutragen. Dabei wird eine dünne Schicht der Straße abgefräst und anschließend der dünne Belag aufgetragen. Außerdem ist das Tiefbauamt angehalten, künftig jedes gemeldete oder entdeckte Schlagloch sofort zu beseitigen.

Stadt zählt Vorfälle mit Schlaglöchern nicht

Für Erika Kempkes kommen diese Maßnahmen zu spät. Für sie hatte der Schlagloch-Albtraum nicht nur körperliche Folgen. "Ich bin bis dahin jahrzehntelang unfallfrei Fahrrad gefahren", sagt die 61-Jährige. Jetzt traue sie sich kaum noch aufs Rad - ein schwerer Einschnitt, denn die Krefelderin hat keinen Führerschein, erledigte bis dato alles per Zweirad. "Jetzt fahre ich nur noch da, wo ich die Straße gut im Blick habe. Im Stadtverkehr steige ich ab und schiebe", sagt sie. Weite Touren wie von Krefeld nach Düsseldorf, die sie früher mit der Familie fuhr, seien momentan undenkbar. In Kürze geht sie erstmal in Kur.

Wie viele weitere solcher Vorfälle es in Krefeld gibt, ist nicht bekannt. So sich Betroffene melden, wird der einzelne Fall vom Rechtsamt bearbeitet, aber nicht statistisch erfasst. Dabei sind die Aussichten auf Schadensersatz für die Betroffenen ohnehin schlecht. Solange die Stadt ihre Straßen regelmäßig kontrolliert und Schäden zeitnah behebt, ist sie vor Regressforderungen sicher. "Würden wir keine Kontrollen durchführen, könnten wir vor Gericht haftbar gemacht werden", sagt Kölker. Die Stadt hat die Zahl dieser Kontrollteams von vier auf sechs erhöht und dafür 100.000 Euro in die Hand genommen. "Im Fall am Hochbendweg konnten wir beispielsweise nachweisen, dass unsere Teams erst kurze Zeit vorher vor Ort waren", sagt Kölker. Der Schaden war zur zeitnahen Ausbesserung vorgemerkt, die Stadt damit aus dem Schneider.

Weil die Aussichten auf Erfolg so gering sind, will auch Kempkes auf eine Klage gegen die Stadt verzichten. Sie schrieb der Verwaltung kurz nach dem Unfall einen Brief, erhielt darauf jedoch lediglich eine bürokratische Antwort vom Fachbereich Recht und später die Rückmeldung, dass das Schlagloch inzwischen beseitigt worden sei. Kempkes sagt: "Auf eine echte Entschuldigung warte ich noch immer."

Schadensstelle der Stadt Krefeld für Schlaglöcher: Tel. 02151/864141

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schlaglöcher in Krefeld

(cbo)