Premiere für die BürgerInnenbühne in Krefeld Gerhard Hauptmann ins Heute übersetzt

Krefeld · Die harte soziale Realität, wie sie erstmals Gerhard Hauptmann auf die Bühne brachte, ist das Thema der Premiere für die BürgerInnenbühne. Laienschauspieler legen eine erstaunliche Leistung hin. Was die Zuschauer begeistert hat.

Frei nach Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ brachte das Ensemble prekäre Arbeitssituationen von heute auf die Bühne im Theaterfoyer.

Frei nach Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ brachte das Ensemble prekäre Arbeitssituationen von heute auf die Bühne im Theaterfoyer.

Foto: Matthias Stutte

An diesem Morgen hagelt es nur so an schlechten Nachrichten: Ronny wird am Telefon der Job gekündigt, weil er nicht schon wieder eine Extraschicht übernehmen und stattdessen lieber seine nächste Radiosendung aufnehmen möchte. Zwei jungen Frauen wird ihre gemeinsame Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt. In „Schichtwechsel“, dem ersten abendfüllenden Theaterstück der neu gegründeten BürgerInnenbühne des Theaters Krefeld Mönchengladbach, werden prekäre Arbeits- und Lebensumstände thematisiert, die längst die Mittelschicht erreicht haben. Das Glasfoyer im Theater Krefeld ist an diesem Samstagabend bis auf den letzten Platz gefüllt.

Gespannt blickt das Publikum auf die Spielerinnen und Spieler der BürgerInnenbühne, die sich bereits auf der Bühne befinden und ihrer Arbeit nachgehen. Ein übergroßer Webrahmen steht an der Stirnwand. In fleißiger Handarbeit weben sie zu zweit das weiße Garn durch die aufgespannten Fäden, eine Reihe hin und dann fein säuberlich mit dem Kamm das Garn dicht an die bereits gewebten Fäden bringen und wieder zurück. Eine mühsame Arbeit, die viel Geschick und Ausdauer erfordert. Das jahrhundertealte Handwerk wird zum Dreh- und Angelpunkt für die kurzweiligen Szenen, mit denen der unterhaltsame und zugleich nachdenklich stimmende Abend gefüllt ist.

Diskussionen über den Arbeitsalltag 2023 gehören zum Stück. Die Figuren und deren Geschichten haben die Spieler selbst entwickelt.

Diskussionen über den Arbeitsalltag 2023 gehören zum Stück. Die Figuren und deren Geschichten haben die Spieler selbst entwickelt.

Foto: Matthias Stutte

„Schichtwechsel“ nimmt sich Gerhard Hauptmanns Sozialdrama „Die Weber“ (1892) als literarische Vorlage und setzt diese „völlig frei“ um. Was ist heute noch wie vor 200 Jahren? Was ist anders? Und wie steht es heute um die „Klasse” der „Lohnarbeiterinnen?“, fragen sich die Spielenden der BürgerInnenbühne. Mit genauer Beobachtungsgabe und viel Sinn für Humor sind die Figuren allesamt aus der Jetztzeit. An allen Ecken und Enden scheint es zu brodeln und bröckeln. Da wäre zum Beispiel Katharina Ried (mit Enthusiasmus von Kerstin Zengerle gespielt). Sie ist eine aufstrebende, erfolgreiche junge TV-Journalistin mit einer eigenen Sendung zur Primetime. In „Ried um 8“ verhandelt sie in ihrer Talk-Show aktuelle Themen wie soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt oder „kein Auskommen mit dem Einkommen“ und diskutiert diese, mal ernsthaft, mal scherzhaft, mit ihren mit ihren zum Teil sehr schrägen Gästen. Privat läuft es bei Ried alles andere als glatt. Ihre Mutter hat sie als Kind in die Obhut ihres Onkels gegeben, um Karriere zu machen, und plötzlich steht Ried vor der gleichen Frage: Kind oder Karriere?

Oder Günni. Tagsüber ist er Schichtarbeiter, abends tanzt er als Gloria Glitter in einem Nachtclub. In der Fabrik muss er „seine Leute“ bei Laune halten. Nur wie? Extraschichten gehören nach einer 48-Stunden-Woche selbstverständlich dazu. Zigarettenpausen heißen jetzt Kaffeepausen, und Handys bleiben während der Arbeitszeit im Spind.

Der vier mal vier Meter große Webrahmen bestimmt das Bühnenbild.  Für den Festakt zum Stadtjubiläum wird er im Seidenweberhaus aufgebaut.

Der vier mal vier Meter große Webrahmen bestimmt das Bühnenbild.  Für den Festakt zum Stadtjubiläum wird er im Seidenweberhaus aufgebaut.

Foto: Matthias Stutte

In schnellen Wortwechseln und vielen kurzen Szenen zeichnen die Spielenden der BürgerInnenbühne ein komplexes Bild der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Zu hoch ist der Druck der Arbeitgeber, zu teuer die Mieten und zu gering das monatliche Einkommen. Längst reicht ein Job nicht mehr aus, um das tägliche Leben zu bestreiten. „Ich will das System nicht füttern. Es endet immer mit Ausbeutung“ erklärt „Socke“. Die Mitzwanzigerin ist aus Überzeugung auf der Straße und obwohl sie mit dem „System“ nichts zu tun haben möchte, braucht ebendieses sie: „Ich bin die Angst vor dem Abstieg“ weiß Socke und ahnt noch nicht, welche Wendung sich bald abzeichnen wird. Alles scheint sich weiter zu zuspitzen. Es fehlt an Personal, und die Unzufriedenheit über die prekären Arbeitsbedingungen entlädt sich in einer großen und gewaltvollen Revolte.

Eindringlich tragen die Spielenden ihre Not vor und stellen sich in der Gruppe vor das Publikum. Eine ergreifende Szene. Sie singen und stampfen im Chor: „Tagein tagaus führen wir den Kampf ums Überleben. Atmen ein, atmen aus. Das System halten wir nicht länger aus. Wohnen ist ein Menschenrecht. Geld regiert die Welt.“

Der Appell ist nicht zu überhören und macht das Publikum betroffen. Unter der Leitung von Maren Gambusch ist ein spannendes und sehr bewegendes Stück entstanden, das bei aller Dramatik, Spaß auf Theaterspielen macht. Der Applaus ist groß und voller Anerkennung für die Leistung der Spielenden und Mitwirkenden, vor und hinter der Bühne.