Krefeld: Pappkoepp feiern Premiere und Jubiläum

Pappkoepp : „Veärzig Jooehr Freud am Feäm“

Das originelle Krefelder Marionettentheater „Pappköpp“ feiert Jubiläum: Seit 40 Jahren besteht die Puppenbühne bereits. Auch im Jubiläumsjahr setzen die Puppenspieler auf Dialoge auf Krieewelsch.

„Völl te vertälle“ gab es bei der Premiere der Krieewelsche Pappköpp in ihrem Theater an der Peter-Lauten-Straße. Ein Jubiläum galt es zu feiern. „Veärzig Jooehr Freud am Feäm“ sind es inzwischen geworden seit der Gründung des originellen Krefelder Marionettentheaters durch Karl-Heinz Boves und Ralf Kochann. Die beiden Stammgäste des Krefelder Jazzkellers hatte seinerzeit ein Gastspiel des bekannten Prager Marionettentheaters Spejbl & Hurvinek von den künstlerischen Möglichkeiten überzeugt, mit ausdrucksvoll gestalteten Puppen ein erwachsenes Publikum zu begeistern. Boves verband dann das Spiel der ersten Puppen Drickes und Kellergeier mit der Krefelder Mundart.

Weitere Experten für Krieewelsch Platt, Technik und Ausstattung einer anspruchsvollen Marionettenbühne fanden die beiden im engeren Freundeskreis. Werner Coelen zog seinen Bruder Manfred nach, Christel Loos stieß dazu, und am 8. Juni 1979 hatte das mittlerweile zehnköpfige Ensemble seinen ersten Auftritt als Krieewelsche Pappköpp im Jazzkeller. Damals führte Seidenfabrikant Cornelius de Greiff,  ein im 19. Jahrhundert stadtbekanntes Krefelder Original, durch das Programm.

Inzwischen sind die Darsteller auf über 40 dieser ausdrucksvollen Puppen angewachsen, denen der unvergessene künstlerische Leiter Rüdiger Tiefers und „Puppenvater“ Fritz Mewes die Richtung gaben. Jede Puppe steht für einen unverwechselbaren Charakter. Diese werden von den 15 Ensemble-Mitgliedern nach einer klaren Rollenverteilung gespielt: Die einen führen die Marionetten, die anderen leihen ihnen ihre Stimme.

Dies erwartet das Publikum auch, für das die Pappköpp mit ihrem Krieewelsch Platt und der typischen Verschmelzung von großen Ereignissen in den verschmitzt „Alltags-Uesel“ in dem Durcheinander sich auflösender Milieus ein Stück Heimat bedeuten. Umwerfend, wie Matthias Körschkes alias Matthes das Shakespeare-Drama „Romeo und Julia“ in einem Soloauftritt erklärt. „Also, de Lüü en Verona hätt Knies…“ Immer, wenn Matthes von Romeo in die Rolle der Julia wechselt, fällt ihm eine blonde Zöpfchenperücke auf den Kopf. Mit zunehmendem Wechseltempo sitzt diese nicht richtig, so dass ihm ein Zopf über die Nase fällt, er gleichwohl ernsthaft die Handlung weiterspinnt.

Oberbürgermeister Frank Meyer (links) begrüßte Publikum und Ensemble bei der Premiere der Pappköpp, die in diesem Jahr 40 werden. Foto: Mocnik/Mocnik,Mark(moc)

Oder wenn Matthes und Schäng zum Krützpoort fahren müssen und das Navi auf Grund einer unvollständigen Eingabe eine andere Richtung einschlägt, Matthes dies vor seinem Freund Schäng nicht eingestehen möchte und ein Katastrophengemälde für Krefelds Innenstadt  malt. Es ist nicht zuletzt die „Quärkstemm“,  mit der Manfred Coelen die Figur des Matthes unverwechselbar gemacht hat.

Ganz anders klingt Coelen wiederum, wenn er Opa Angermanns auf die Bühne bringt. Dann klingt Coelens Stimme schleppend, mit skeptischem Unterton und auf naive Weise furchtlos. Matthes, Opa Angermanns, der nach vierzigjähriger Bühnentätigkeit mittlerweile Jopi Heesters altersmäßig überrundet haben müsste, und der städtische Angestellte Hennes Nösemes gehören zu den Lieblingen des Publikums.

Das Jubiläumsprogramm der Premiere bot ein Best-of aus vierzig Jahren, in denen sich die Aufnahme- und Sichtweisen der Menschen mit den Zeitumständen verändert haben. So wurde der von teilweise satirischen Fotos unterstützte scheinbar den Krefelder Stillstand bewundernde Vortrag des städtischen Beamten aus dem „Statt-Marketing“, der vom Eros-Center an der Mevissenstraße über Stadt- und Seidenweberhaus bis zu den Schließzeiten der einzigen Bahnhofstoilette führte, frenetisch beklatscht.

Vielleicht ist jetzt, wo der beinahe 80-jährige Manfred Coelen, Gründungsmitglied Christel Loos, die die Figur der Bertha mit ihrer Stimme Identität verliehen hat, und Regisseur Ralf Kochann sich von der Bühne verabschieden, für das Ensemble die Gelegenheit gekommen, die nächsten 40 Jahre ohne Tabu vorzubereiten. Die Zeiten, in denen Krieewelsch Platt für viele ein normales Verständigungsmittel darstellten, gibt es kaum mehr für die Generation der unter 40-Jährigen. Obwohl in die Dialoge aller Figuren manche kritischen Elemente versteckt werden, scheint die Akzeptanz der Figur des Nösemes noch ausbaufähig.

Eine sich immer stärker herausbildende Stütze stellt auch die Musik dar. Mitsingen ist wieder in, und das gemeinsame Singen krieewelscher Lieder macht den Gästen sichtbar Spaß. Dazu gehört auch die „Melmpüper“ – Band, die mit zwei rasanten Skiffles die Gäste von den Sitzen riss. Attraktives Zentrum werden aber immer die Puppen bleiben, die neben ihrer ausdrucksvollen künstlerischen Gestaltung gestisch besonders konzentriert geführt werden müssen, um einen mimischen Ausdruck zu ersetzen.

„Mer söcke noch Keärls, die jeär Krieewelsch Platt kalle.“ Die Pappköpp suchen Nachwuchskräfte, wie Volker Matter erklärt. Platt ist keine Bedingung. Vieles könne man lernen, und alles laufe in Zukunft auf eine Art Regiolekt hinaus, sagt Manfred Coelen. Allerdings müssen die Aspiranten Zeit mitbringen, denn einmal in der Woche treffen sich die Pappköpp in ihrem Theater. Und 25 ausverkaufte Vorstellungen sind schließlich auch kein Pappenstiel.