Krefeld: Jute ist nicht mehr besser als Plastik

Kunststoff-Experte Bonten: Jute nicht mehr besser als Plastik

Der Krefelder Christian Bonten leitet an der Stuttgarter Uni das Institut für Kunststofftechnik. Er rät zu mehr Augenmaß und Nachhaltigkeit.

Sie verfolgen das Krefelder Plastik-Fasten. Was interessiert Sie an dem Thema?

Christian Bonten Ich kenne das Dilemma mit Verpackungen aus beruflicher, aber natürlich auch aus privater Sicht und finde es gut, dass es Menschen gibt, die sich darüber Gedanken machen. Man darf Kunststoffverpackungen allerdings nicht verteufeln. Sie haben ja ihren Nutzen und sind in vielen Fällen sinnvoll.

Können Sie Beispiele nennen?

Bonten Ich denke beispielsweise an pflegende Cremes, deren wichtiger Bestandteil Vitamin E sich nicht an der Luft hält. Würde dieses Produkt nicht luftdicht verpackt, wäre seine teuerste Komponente unwirksam. Größere Dosen anzubieten, um Verpackung zu sparen, macht wenig Sinn, da bei jedem Öffnen ein Teil des Vitamin E unwirksam würde.

Warum ist Vitamin E für die Haut so wichtig?

Bonten Vitamin E auf der Haut opfert sich den sogenannten Sauerstoffradikalen, lässt sie also nicht so schnell an die Haut und schützt sie dadurch. Interessanterweise wird es auch eingesetzt, um Kunststoff länger haltbar zu machen. Chemisch gesehen sind Kunststoffe dem menschlichen Körper verwandter, als manche es wahrhaben wollen.

Warum braucht man so viele kleine Verpackungsgrößen, wenn man beispielsweise an Joghurt denkt?

Bonten Grundsätzlich bin ich kein Freund kleiner Portionen, weil sie mehr Verpackung benötigen. Aber aus hygienischen Gründen muss ich sagen, dass kleine Portionen helfen, dass das verpackte Gut länger hält; gerade wenn man an die vielen Single-Haushalte denkt. Aber auch in Mehrpersonen-Haushalten werden beim mehrfachen Öffnen große Becher schneller verunreinigt und verderben. Dann muss man unter Umständen einen Teil des Gekauften früher wegwerfen als bei kleinen Portionen.

Gibt es Verpackungen, die aus Ihrer Sicht keinen Sinn machen?

Bonten Natürlich, denn etliche dienen nur der Bequemlichkeit. Mir erschließt sich nicht, warum eine Banane oder Melone zusätzlich eingepackt werden muss. Auch der zubereitete Salat oder das bereits aufgeschnittene Obst in den transparenten Kunststoffbechern sind zwar ästhetisch und hygienisch, aber nicht nötig, wenn man sich zu Hause selbst alles zubereitet. Dann gibt es natürlich noch viele Verpackungen, die das Produkt nicht in erster Linie schützen, sondern die Wertigkeit erhöhen sollen. Die sehen vielleicht schön aus, wären aber aus Hygienegründen verzichtbar. Auch könnte man überlegen, ob man nicht das Stück Käse wieder selber in Scheiben schneidet, anstatt wenige Scheiben portionsgerecht gesondert verpackt zu kaufen. Käse verdirbt ja nicht so schnell wie Joghurt.

Was sagen Sie als Kunststoff-Experte Leuten, die Plastik verteufeln und am liebsten ganz darauf verzichten?

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Bonten Ich würde ihnen einen Blick auf Ökobilanzen empfehlen. Dort sieht man regelmäßig, dass im direkten Vergleich die Verpackung aus Kunststoff gegenüber der z.B. aus Glas oder Aluminium am besten abschneidet und besser für die Umwelt ist. Das gilt sogar für die Plastiktüte. Der Spruch: "Jute statt Plastik" stimmt schon lange nicht mehr. Beutel aus Baumwolle oder eben Jute haben eine deutlich schlechtere Ökobilanz und müssten - ohne Wäsche - bis zu 130-mal öfter eingesetzt werden, um mit der Plastiktüte gleichzuziehen. Das Beste für die Umwelt ist, wenn man die Plastiktüte so oft einsetzt wie möglich und danach in den gelben Sack wirft. Die normale Discountertüte ist sehr stabil und langlebig, aber leider schlecht designt. Ich begrüße die neuen Kunststoffbeutel, die viel wertiger aussehen und auch keine große Werbung tragen. Das verleitet den Käufer, den Beutel immer und immer wieder zu verwenden. Ich bin ein großer Gegner unserer Wegwerfgesellschaft. Das betrifft nicht nur Kunststoff-Produkte. Meist gilt: Je länger ein Produkt genutzt wird, umso besser ist es für die Umwelt.

Aber eine Plastiktüte verrottet erst in 400 Jahren, heißt es?

Bonten Eigentlich ist es ja gewollt, dass Kunststoff lange hält. Denken Sie an die Wärmeisolierung ihres Hauses, die uns enorme Mengen Heizenergie spart, oder die vielen Rohrleitungen. Da wollen Sie, dass Kunststoff sehr lange und zuverlässig hält. Die Plastiktüte hält ebenfalls lange, wird aber viel zu kurz genutzt. Auch gelangt sie nur durch die Faulheit des Nutzers in die Umwelt; das muss nicht sein! Übrigens, diese 400 Jahre sind nur eine Schätzung. Wir stellen am Institut gerade einen Forschungsantrag, um der genauen Dauer auf den Grund zu gehen.

Woher stammen die Verpackungen, die wir verwenden?

Bonten Unsere Lebensmittelverpackungen kommen alle aus Europa. Sie müssen sich hier einer lebensmittelrechtlichen Kontrolle unterziehen, der wohl schärfsten der Welt. Wenn man Verpackungen in den Müll schmeißt, sieht man nicht, was sie auf dem Weg ins Geschäft bereits für das Produkt geleistet haben und wie viel Know-how in ihnen steckt. Manchmal bestehen sie aus gleich mehreren Schichten, die eine schützt unseren Aufschnitt vor Sauerstoff-Attacken und die andere schützt vor dem Austrocknen. Man denke nur an die Schnittstelle einer Leberwurst, die an der Luft schnell eine gräuliche Farbe annimmt.

Was machen wir mit dem ganzen Verpackungsmüll, gerade jetzt, wo China ihn nicht mehr annimmt?

Bonten Ich sehe darin kein Problem, denn zum einen recyceln wir in Europa ja auch selber, zum anderen hat China bisher Geld dafür bekommen, dass es einen Teil des vorsortierten Kunststoffabfalls übernimmt und dort verwertet. Wenn China das nicht mehr möchte, stehen schon Thailand, Vietnam. Malaysia und Indien für etwas mehr Geld bereit, unseren Kunststoffabfall zu verwerten. Da wir viele Waren aus diesen Ländern geliefert bekommen und die Schiffe auf der Fahrt dorthin oft leer sind, ist es von der Ökobilanz her kein Problem, diese Leerfahrten für Mülltransporte zu nutzen. Der höhere Preis, den die genannten Länder verlangen, macht es nun aber auch wirtschaftlicher, einen größeren Teil in Europa zu recyceln. Das bringt Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor.

Was halten Sie von biologisch abbaubaren Kunststoffen?

Bonten Auf diesem Gebiet forschen wir ebenfalls. Biologisch abbaubare Kunststoffe sind in etlichen Anwendungen sehr, sehr nützlich. Ich denke dabei an die Frühzucht-Folien von Spargel. Sie können vom Landwirt nach der Ernte untergepflügt werden und bauen bis zum nächsten Frühjahr biologisch ab. Wenn aber alle Kunststoffverpackungen aus biologisch abbaubarem Kunststoff wären - das ist technisch noch nicht möglich - bestünde die Gefahr, dass die Menschen denken, biologisch abbaubarer Müll sei einfach in die Umwelt zu entsorgen, wo er recht lange sichtbar bleibt. Das wäre schlecht. Wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Sammel- und Verwertungs-Weltmeister, das sollten wir nicht verlieren. Gesammelter Kunststoff ist keine Gefahr für die Umwelt, sondern ein wertvoller Stoff!

Wie schlimm sind PET-Flaschen?

Bonten Früher lagen PET-Flaschen am Straßenrand, nach Einführung des Pfands plötzlich nicht mehr. Da merkt man: Gib Abfall einen Wert, dann wird er gesammelt. In einer ersten Phase wurden die PET-Flaschen hauptsächlich nach Indien oder China transportiert, recycelt und als Sport- oder Funktionskleidung zu uns zurückverkauft. Inzwischen lassen die Discounter aus den eingesammelten Flaschen mehr und mehr neue Kunststoffflaschen herstellen. Seit wenigen Jahren ist bewiesen, dass das technisch und hygienisch funktioniert. Lidl beispielsweise recycelt auf diese Weise nach eigenen Angaben 50 Prozent aller eingesammelten PET-Flaschen. Ich weiß aber aus Insiderkreisen, dass es tatsächlich sogar über 70 Prozent sein sollen. Damit ist Lidl wohl an der Spitze auf diesem Gebiet. PET-Flaschen sind wegen all dieser Fakten heutzutage ökologisch nicht schlecht zu bewerten. Hier sollte man allerdings überlegen, ob man zu Hause wirklich die kleinen Flaschen benötigt oder nicht die großen bevorzugt. Die haben die beste Ökobilanz von allen.

(RP)