Krefeld: Interview mit Museumsleiterin Katia Baudin

Interview mit Museumsleiterin Katia Baudin : „Wir rücken an die großen Häuser heran“

Wir sprachen mit der Museumsleiterin über ihre Strategie neben den übermächtigen großen Museen der Region.

Sie sind seit zweieinhalb Jahren Leiterin der Kunstmuseen Krefeld. Wie haben sich die Besucherzahlen im Kaiser Wilhelm Museum seit der Wiedereröffnung entwickelt?

Katia Baudin Wir sind auf gutem Wege, das Kaiser Wilhelm Museum in der lokalen und regionalen Wahrnehmung zu verankern. Aber das geht nicht von heute auf morgen, das erfordert eine klare Strategie, Geduld und Hartnäckigkeit. Denn eigentlich ist das frisch sanierte KWM wie ein neuer Ort zu betrachten, denn zum ersten Mal seit Jahrzehnten wird das KWM als Flaggschiff der Kunstmuseen Krefeld wieder mit einem dynamischen und abwechslungsreichen Ausstellungsprogramm bespielt. Vor der Sanierung in 2009 kamen 6.458 Besucher ins KWM – in 2018 waren es weit mehr als doppelt so viele: 15.681. Und das in einem Jahr, in dem die bisherigen Besuchermagneten Haus Lange und Esters geschlossen waren. In 2017, wo das KWM von der Neugierde der Wiedereröffnung in Juli 2016 profitiert hat, kamen gerade mal 2.200 Besucher mehr ins Haus. Das wir mit unserer Strategie den richtigen Weg gehen, zeigte sich zu Beginn des Jahres: im Januar und Februar alleine hatten wir über 5000 Besucher. Natürlich ist dort noch Luft nach oben, aber dieses Jahr wird sicherlich mit der Wiederöffnung von Haus Lange/ Haus Ester und dem Bauhausjahr positive Auswirkungen haben.

Wie wichtig sind Besucherzahlen?

Baudin Besucherzahlen müssen differenziert betrachtet werden. Die Größe der Stadt, Einwohner, Touristenverkehr und auch die Lage wie der Werbeetat des Museums stehen in Korrelation mit den Besucherzahlen. Aber wie die größeren Häuser in Köln und Düsseldorf erreichen wir nicht nur ein lokales, sondern auch ein nationales und internationales Publikum. So erschienen Artikel in der FAZ, Welt, Welt am Sonntag, Le Monde, Art und Artforum. Unsere Aktivitäten im Bereich Social Media haben wir ebenfalls intensiviert, um so ein jüngeres Publikum anzusprechen und auch den virtuellen Besucher zu erreichen. Die neue zeitgemäße Website und die Einführung einer starken visuellen Identität sollen ebenso dazu beitragen, die Sichtbarkeit und den Wiedererkennungswert der Kunstmuseen zu stärken. Das Ganze erhöht die Anziehungskraft und positive Ausstrahlung der Kunstmuseen Krefeld.

Wie viele Besucher kommen aus Krefeld, wie viele von außerhalb?

Baudin Seit Anfang des Jahres erheben wir eine genauere Besucherstatistik. Wir wissen aber, dass Programme wie die monatliche Abendöffnung KunstImPuls hauptsächlich Bürger aus Krefeld und Umgebung ansprechen, während Eröffnungen und groß angelegte Ausstellungen wie die Künstlerkleid-Schau oder die Vortragsreihe „wissen tanken“ zusätzlich Besucher aus den Nachbarstädten und der Region anziehen. Einige kommen auch aus dem Ausland.

In den jüngeren Ausstellungen spielt das Thema Design und angewandte Kunst eine große Rolle. Wollen Sie das Museum wegführen von moderner Kunst und zurückkehren zu den Wurzeln führen? Das KWM war ja anfänglich als Kunstgewerbe Museum geplant.

Baudin Es geht vor allem darum, das Profil der Kunstmuseen zu schärfen. Wir haben das Glück, drei charaktervolle Orte zu bespielen, darunter zwei Bauhaus-Ikonen und unser Haupthaus, welches in der Tat als Museum für bildende und angewandte Kunst gegründet wurde. Von Anfang an, schon unter dem ersten Museumsleiter Deneken, war das Programm experimentierfreudig und zeitgenössisch, mit einem gesellschaftspolitischen Blick auf die Künste. Wir sind dabei besonders vom Bauhaus und dem Werkbund mit ihrem Ideal geprägt, die Künste in den Alltag zu bringen. Bildende und angewandte Kunst auf Augenhöhe zu setzen und mit einem aktuellen und historischen Blick zu betrachten, macht in diesem Kontext sehr viel Sinn. Unser Fokus bleibt aber weiterhin die zeitgenössische Kunst. Ergänzt wird dieser durch historische Akzente insbesondere auf dem Gebiet der klassischen Moderne – unserem Ursprung.

War die Wember-Periode nicht eine Art Unfall der Geschichte, unter dem Krefeld heute noch leidet? Wember hat aus einem bescheidenen Museumsprojekt in einer glücklichen Phase ein Museum für moderne Kunst gemacht und damit einen Anspruch formuliert, den die Stadt und die das Museum schon lange nicht mehr genügen können.

Baudin Wember hat es geschafft in der Nachkriegszeit – wo die deutsche Museumslandschaft in Trümmern lag – ein Profil für die Kunstmuseen zu entwickeln. Er war einer der raren Museumsdirektoren, die sich damals für die internationale künstlerische Avantgarde eingesetzt hat. Er hat viele Künstler gezeigt, die noch relativ unbekannt waren – darunter Yves Klein, Bernar Venet oder Hans Haacke. Wembers Politik hat ihm nicht nur Freunde gebracht, denn obwohl er bejubelt wurde in der internationalen Kunstwelt, stoß er hier in Krefeld eher auf Unverständnis. Heute ist es zum Glück etwas anders. Aber auch er hat nicht „nur“ auf Kunst gesetzt – er hat auch Architekten gezeigt, von Gropius und Le Corbusier bis zu Haus-Rucker-Co. Heute sind wir froh und stolz an diesem offenen Geist der Wember-Zeit anschließen zu können.

Heute ist die Konkurrenz prachtvoll ausgestatteter Museen in naher Umgebung übermächtig.

Baudin Die Museumslandschaft in der Region hat sich seit der Wember-Zeit stark verändert. Damals gab es weder die Kunstsammlung NRW noch das Museum Ludwig. Heute gehört zeitgenössische Kunst zum Kernprogramm vieler Häuser in den Nachbarstädten. Sich nur auf das Gebiet der zeitgenössischen Kunst zu konzentrieren, wäre nicht mehr sinnvoll. Wir haben ja das große Glück, das unsere reiche Geschichte und besonderen Orte viele Türen öffnen, um ein starkes, eigenes Profil zu entwickeln. Dass die neue Positionierung auch andere überzeugt, zeigt sich: Wir erhalten bedeutende und großzügige Schenkungen, realisieren ambitionierte Ankäufe und organisieren mehr Ausstellungen mit höheren Budgets als je zuvor – dank Unterstützung der Stadt aber auch durch die vielen Drittmittel, die wir nun einbringen. Früher kamen 70 Prozent der Finanzierung der Ausstellungen von der Stadt und 30 Prozent aus Drittmitteln. Dieses Verhältnis ist heute umgedreht. Das ermöglicht uns in einer ganz anderen Liga spielen zu können – und immer näher an die großen Häuser zu rücken.

Glauben Sie, das funktioniert? Man kann den Eindruck haben: Was heute funktioniert, sind die großen Namen.

Baudin Das stimmt nicht mehr ganz. Ich glaube die Zeiten, in denen man immer wieder die gleichen, bekannten Künstler zeigte, sind vorüber. Die großen, einflussreichen Häuser zeigen verstärkt Künstler, die weniger bekannt sind, und setzen auf „vergessene“ Künstler der Klassischen Moderne oder entdecken Künstler aus anderen Regionen der Welt. Als öffentliches Haus sehen wir es als Bildungsauftrag, neue Perspektiven zu zeigen und das Verständnis von Kunst zu erweitern. So waren wir in 2017 die ersten im Westen Europas, die die jugoslawische Architekten- und Künstlergruppe Exat 51 ausgestellt hat. Seitdem wurden die Arbeiten in Berlin, Graz und sogar im MoMA in New York präsentiert. So ähnlich ging es auch mit den jungen, zeitgenössischen Künstlern Naufus Ramirez-Figueras, Christian Falsnaes und Jasmina Cibic – inzwischen werden sie weltweit gezeigt.

Werden Sie ab und zu auch auf große Namen setzen?

Baudin Selbstverständlich schließt die Neupositionierung bekannte Künstler nicht aus. Wir planen jährlich eine ambitionierte, großangelegte Ausstellung mit internationalen Leihgaben, die ein allgemeineres Publikum ansprechen soll. Hier geht es um Positionen oder Bewegungen, die bekannter sind, aber in unseren Häusern mit einem neuen Ansatz gezeigt werden. So war die Künstlerkleid-Ausstellung ein Besuchermagnet und die kommende Ausstellung im Herbst „Folklore & Avantgarde“ wird berühmte Wegweiser der Moderne wie Kandinsky, Malewitsch und Picasso in ein neues Licht rücken. Zudem sind in den kommenden Jahren Ausstellungen zu Giacometti und Joseph Beuys geplant.

Haben Sie den Eindruck, dass die Idee des Bürgermuseums in die Bürgergesellschaft strahlt und das Museum tatsächlich Bürgerplattform wird?

Baudin Wir sind ein Bürgermuseum durch und durch. Wir wurden von den Bürgern für die Bürger gegründet und sind ein städtisches Museum. Es gehört daher zu unserer Verantwortung, alle Krefelder anzusprechen. Sie sollen sich hier wohl fühlen und wissen: Hier gibt es immer wieder neue Anregungen und Dialoge. Die verschiedenen Vermittlungsangebote und Veranstaltungsreihen helfen uns dabei. Unsere monatliche Abendöffnung KunstImPuls zieht alleine um die 400 Besucher ins Haus, zum Sparda-Tag im Januar kamen rund 900 Besucher, hauptsächlich Familien, und auch der Festvortrag zum Sonia-Delaunay-Ankauf zog mehr als 300 Bürger in das Kaiser Wilhelm Museum. Eines unserer großen Ziele ist es, auch die Bürger von morgen stärker anzusprechen: wir sind dabei die Zusammenarbeit mit Schulen auszubauen.

Wie sind die Beziehungen zur Hochschule Niederrhein und den Design-Studiengängen dort?

Baudin Ausgesprochen gut! Wir sind im regelmäßigen Austausch mit den Professoren der Design-Studiengänge. Ein besonderes Highlight in der Zusammenarbeit gab es letztes Jahr, anlässlich der großen Design-Schenkung aus Frankreich. Wir haben einen Wettbewerb an der Hochschule gemacht, um ein Team zu finden, das die Ausstellungsarchitektur und -grafik konzipiert. Die Studenten hatten so die Möglichkeit, ihre Kenntnisse anzuwenden, und auch Domeau & Pérès, die Stifter aus Frankreich, wie die ausgestellten Designer waren sehr glücklich über das Ergebnis. Nun freuen wir uns auf die Zusammenarbeit im Rahmen von „Anders Wohnen“ in Haus Lange und Haus Esters, wo der Fachbereich Design Dozenten, Studenten und Museumsbesucher ins Gespräch bringt.

Und wie werden Sie die Sammlung thematisieren? Die Ausstellungen Abenteuern der Sammlung 1 und 2 waren sehr erfolgreich. War‘s das?

Baudin Die Sammlung ist das Herzstück des Museums. Allerdings sind die Zeiten der steifen „Dauerpräsentationen“ längst vorbei. Wie das MoMA in New York oder das Centre Pompidou in Paris haben wir uns dafür entschieden, sammlungsbezogene Themenausstellungen zu organisieren, die sich jährlich ändern. Für 2019 wird das Bauhaus Ausgangspunkt sein. Dieses Prinzip ermöglicht uns, Facetten und Highlights der Sammlung zu beleuchten, Erwerbungen zu integrieren und Forschungsergebnisse zu zeigen. Wir haben letztes Jahr auch ein experimentierfreudiges Format eingeführt, welches zwei Seiten unserer DNA zusammenbringt – Sammlung und zeitgenössische, ortsspezifische Kunst. In dieser Reihe der Sammlungssatelliten wird die Sammlung Ausgangspunkt für neue künstlerische Arbeiten. So wird sich bald Ola Vasiljeva, eine junge Künstlerin aus Lettland, mit unserer Werkbund-Sammlung auseinandersetzen.

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