Krefeld: Insektenschwund: Ist Handystrahlung ein Grund ?

Landwirt entwickelt eigene Theorie : Insektenschwund: Welche Kurve gilt?

Der Krefeld Landwirt Werner Schleupen kritisiert die statistische Darstellung der Werte zum Insektenschwund. Ihm sind zwei seltsame Abbrüche aufgefallen. Ist Mobilfunkstrahlung ein Faktor beim Insektensterben?

Der Landwirt Werner Schleupen ist nicht der Typ Querulant. Er argumentiert, er erkennt an, er fordert Forschung. Natürlich geht es ihm auch um die Kritik an seinem Berufsstand: Die Landwirtschaft steht seit der bahnbrechenden Studie unter Federführung des Krefelder Entomologischen Vereins über den Insektenschwund in Deutschland unter Verdacht, für diese stille Apokalypse verantwortlich zu sein – gehen doch laut Bundesumweltamt pro Jahr bis zu 35.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel auf deutsche Felder nieder. Für Schleupen ist der Zusammenhang nicht so eindeutig: „Wenn ich schon am Pranger stehe, dann will ich auch wissen, warum“, sagt er, sicher stellvertretend für viele Kollegen. Die Entomologen unterstützen Schleupen in einem Punkt: Auch sie wünschen sich  mehr Forschung. „Grundsätzlich kann ich nur jede Forschung zu Biodiversitätsfragen begrüßen“, sagt  Thomas Hörren vom Entomologischen Verein.

Und darum geht es: Schleupen hat sich mit der Studie zum Insektenschwund auseinandergesetzt, die 2017 weltweit für Aufsehen gesorgt hat. Ihm war aufgefallen, dass die Messwerte in der sogenannten logarithmischen Darstellung in Diagramme übersetzt worden waren. Mathematisch gesprochen: Die Werte werden nicht linear abgebildet, sondern gemäß dem Logarithmus der Zahlenwerte. Der Effekt: Die sich daraus ergebende Kurve verschiebt sich; Sprünge können zu gleichförmig verlaufenden Trends werden.

Wenn sich zum Beispiel der Wert einer Aktie kontinuierlich verzehnfacht, steigt die Kurve bei linearer Darstellung irgendwann rasant an, und man könnte meinen, die Aktie gehe erst ab einem gewissen Punkt durch die Decke. Die logarithmische Darstellung hingegen offenbart: Die Entwicklung ist stetig – gut zu wissen für die Einschätzung des wirtschaftlichen Geschehens. Wichtig ist: Dieses logarithmische Verfahren ist anerkannter Standard in der Statistik.

Schleupens lineare Darstellung der Werte zum Insektenschwund ergeben zwei Abbrüche im Insektenbestand, und zwar in den Jahren  1990 und 2006. Warum gerade dann, fragt er. Foto: Jens Voss

Schleupen hat nun den Verdacht, dass genau diese Darstellungsmethode wichtige Hinweise auf die Ursachen für den Insektenschwund verdeckt. Er hat die Werte aus der logarithmischen in eine lineare Tabelle übertragen. Dabei sind ihm zwei Abbrüche im Insektenvorkommen aufgefallen: Der eine Abfall datiert auf das Jahr 1990, der andere auf das Jahr 2006. „Was ist in diesen Jahren passiert?“, fragt er. Zumindest für 2006 hat er einen Verdacht:  2006 ist die UMTS-Mobilfunktechnik ans Netz gegangen; damit wurden deutlich höhere Datenmengen übertragen. Hat diese neue Technik den Orientierungssinn der Insekten so gestört, dass es tödlich für sie endete?

Der Insektenschwund in logarithmischer Darstellung, wie er 2017 im Wissenschaftsjournal PLOS ONE veröffentlicht wurde. Der Rückgang erscheint idealisiert als gleichmäßig verlaufender Schwund. Foto: Jens Voss

Diese These ist nicht neu. Wer die Begriffe „Mobilfunk  Insekten“ googelt, erhält 173.000 Ergebnisse. Die Frage, ob wir, wie es einmal heißt, „die Bienen tottelefonieren“, wird also ausgiebig diskutiert und auch wissenschaftlich erforscht.

Eine Übersicht  über solche Studien findet sich auf der Seite  des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS). Dort wird unterschieden nach Studien zum  Einfluss des Mobilfunks auf Insekten und nach Studien, die speziell Bienen betreffen. Die Bilanz ist in beiden Fällen ähnlich: Die Untersuchungen, so urteilt das BfS, seien methodisch mangelhaft oder führten zu keinen Belegen, dass Mobilfunk-Strahlung schädlich für Insekten sei.

Beim Thema Bienen werden Studien vorgestellt, die oft in den sozialen Netzwerken auftauchen: Untersuchungen aus Konstanz,  der Schweiz, Indien und Griechenland. Im Resümee heißt es: „Elektromagnetische Felder von Basisstationen spielen beim Bienensterben keine Rolle. In Großstädten, die besonders gut mit Mobilfunk versorgt sind, breiten sich Bienen zunehmend aus und gedeihen besser als in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten.“

Schleupen gibt sich damit nicht zufrieden: „Wenn eine Institution wie das Bundesamt für Strahlenschutz bei fünf Studien methodische Mängel feststellt, dann ist es an der Zeit, eine eigene Studie aufzulegen.“ Er fordert mehr wissenschaftliche Anstrengung zur Erforschung der Ursachen des Insektenschwundes. „Ich bestreite nicht die Messergebnisse der Entomologen, ich finde es auch gut, dass das gemacht wurde, aber ich möchte schon wissen, ob wirklich die Landwirtschaft   der Hauptverursacher  ist.“

Es mag manchen überraschen, aber Schleupen rennt damit bei den Entomologen offenen Türen ein. Die Krefelder Insektenforscher waren stets zurückhaltend damit, die Landwirtschaft ohne klare Beweise für das Insektensterben verantwortlich  zu machen.   Dieser Linie bleibt auch  Thomas Hörren treu. Er hat in der VHS einen Vortrag zu der Studie gehalten; Schleupen gehörte zu den Zuhörern und hat Hörren später seine Argumentation vorgetragen. Hörren sagt auf Anfrage, das Zahlenwerk der Studie „liefert, wie in der Publikation ausführlich dargelegt, einen Erklärungsanteil zu potenziellen Einflussfaktoren von lediglich 20 Prozent. Für 80 Prozent, also die multiplen Faktoren, die Gründe für den Rückgang darstellen könnten, ist keine Aussage möglich.“ Es herrschen demnach noch 80 Prozent Ungewissheit über die Ursachen des Insektensterbens. Schleupens Mobilfunk-Vermutung teilt Hörren aber nicht:  „Die durch Herrn Schleupen mitgeteilten Ableitungen und Grafiken lassen sich wissenschaftlich wohl kaum stützen.“ Starke Schwankungen sind Hörren zufolge typisch, man könne nicht einfach Jahresdurchschnittswerte der Rohdaten vergleichen; zudem sei  die Datenmasse durch erprobte statistische Verfahren analysiert. Die Aufgabe der Zukunft liegt für Hörren demnach nicht in Methodenstreiterei, sondern in fachlich solider Ursachenforschung.

Dass Landwirte empfindlich auf Vorwürfe reagieren, kann Hörren nachvollziehen: „Ich verstehe, dass Herrn Schleupen einige Interpretationen durch Dritte stören. Die Landwirtschaft, auf die wir alle angewiesen sind, hat in den letzten Jahren, vor allem durch geläufige Meinungen von Medien und Politik, einen massiven Imageschaden erlitten.“ Forschungsergebnisse aber könne man dafür aber nicht verantwortlich machen.

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