Krefeld: Hautarzt Tamas Weiszmann „Niemand ist stärker als Heroin“

Methadon-Ausgabe in Krefeld : „Niemand ist stärker als Heroin“

Der Dermatologe Tamas Weiszmann gibt in seiner Praxis Polamidon an Suchtpatienten aus. Er erlebt, wie verheerend Heroin ist.

Am Morgen, zwischen 9 und 10 Uhr, herrscht in der Praxis von Tamas Weiszmann Hochbetrieb: In jener Zeit kommen Heroinabhängige zu dem Dermatologen, um ein Substitutionsmittel einzunehmen.

Seit zehn Jahren bietet der Hautarzt die Ausgabe von Polamidon an, einem Schmerzmittel, das auch in der Krebstherapie eingesetzt wird. Suchtpatienten nehmen es statt Heroin ein.  Es soll Abhängigen dabei helfen, sich von der Droge zu lösen.  „Polamidon verhindert Entzugserscheinungen, die die Patienten hätten, wenn sie kein Heroin einnehmen. Gleichzeitig löst es aber keinen Rausch aus“, erklärt der Mediziner. Außerdem sei es für die Betroffenen sicherer. Nicht nur weil Heroin in Deutschland illegal ist. „Die Substanz, die auf der Straße verkauft wird, ist Müll. Sie wird oft mit Rattengift oder einem Pulver aus zerbrochenen Neonröhren gestreckt. Jeder Schuss kann der letzte sein“, erklärt Weiszmann.

Das sei einer der Gründe, warum er sich dazu entschieden hat, die Polamidon-Ausgabe in seiner Praxis anzubieten. Mit dem Thema ist der Dermatologe 2009 in Berührung gekommen. Damals hat er eine Studienfreundin in Bochum besucht. Als Hausärztin gab sie das Methadon an Suchtpatienten aus. „Bei ihr habe ich erlebt, was Patienten durchleiden müssen“, erzählt er. „Ich habe mich mit ihnen unterhalten und mich intensiv mit dem Thema beschäftigt.“ Die Erkenntnisse haben ihn erschüttert: „Heroin, das ist der absolute Abstieg. Man verliert seinen Arbeitsplatz, seine sozialen Kontakte und findet sich auf einmal am Rand der Gesellschaft wieder. Und man hat nur noch einen Gedanken: Wie komme ich an den nächsten Schuss.“ Betroffen seien die unterschiedlichsten Berufsgruppen. „Heroin, das kann man nicht einfach mal probieren. Man wird sehr schnell abhängig, niemand ist stärker als das Heroin“, erklärt Weiszmann. Der Entschluss reifte, selbst Polamidon auszugeben.

Dafür brauchte der Hautarzt eine „suchtmedizinische Qualifikation.“ Die kann jeder Mediziner, der eine Facharztanerkennung in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung hat, erwerben. Laut Internetseite der Ärztekammer ist dafür eine 80 Stunden Hospitation in einer suchtmedizinischen Schwerpunkteinrichtung und ein 50 Stunden Kurs nötig. „Ich habe dort alles rund um medizinische und juristische Fragen gelernt“, erzählt Weiszmann. Doch kenne er nicht viele Kollegen, die diese Qualifikation anstreben. „Sie befürchten, dass sich ihre Praxis in eine Art Opiumhöhle verwandelt“, sagt er. Er selbst habe keine negativen Auswirkungen auf seinen regulären Praxisbetrieb bemerkt. Im Gegenteil: „Patienten habe ich nicht verloren, es sind sogar mehr als früher.“

Suchtpatienten müssen das Mittel täglich in der Praxis unter Aufsicht einnehmen. Auch am Wochenende und an Feiertagen. Lange Zeit hatte Weiszmann keine Vertretung: „Ich bin fünf Jahre lang nicht in den Urlaub gefahren, hatte keinen freien Tag“, sagt er. Mittlerweile wechselt er sich mit einer HNO-Ärztin aus Krefeld ab. Das sei nicht nur entlastend. „Es ist schön, auch jemanden für den Austausch zu haben“. 50 Suchtpatienten dürfe ein Arzt in Krefeld substituieren. „Die Plätze hatte ich schnell gefüllt“, sagt der 66-Jährige. Die Patienten, die am Programm teilnehmen, werden auch psychosozial betreut.

Bisher kenne der Dermatolge wenige, die es geschafft haben, völlig „clean“ zu werden – also dauerhaft sowohl ohne Drogenkonsum als auch auch ohne Substitution auszukommen. „Man kann jederzeit rückfällig werden“, sagt Weiszmann und fügt hinzu: „Vielleicht geht es jahrelang gut. Es braucht dann nur einen bestimmten Auslöser, etwa einen Todesfall oder eine andere Nachricht, die einen Menschen rückfällig werden lassen.“ Dennoch weiß er auch von schönen Geschichten zu erzählen. Von Eltern, die ihre Kinder aufgrund guter Führung behalten durften und nun ein unauffälliges Leben führen.“ Am meisten berührt den Arzt, wenn ein Patient von ihm stirbt. „Ich  kann nur jeden Menschen warnen, mit der Droge anzufangen. Niemand ist stärker als Heroin, niemand wird damit fertig.“

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