Krefeld: Haus der Seidenkultur zeigt die wechselvolle Geschichte des Kronprinzenviertels

Ausstellungen in Krefeld: Die Geschichte des Kronprinzenviertels

Das heutige Haus der Seidenkultur wurde vor 150 Jahren gebaut, vor 110 Jahren entstanden dort die ersten Paramenten. Mit der Weberei florierte das gesamte Viertel. Das zeigt eine Ausstellung, die Sonntag eröffnet wird.

Am 15. Oktober 1795 um 6 Uhr morgens wurde im Berliner Kronprinzenpalais ein Thronfolger geboren: Friedrich Wilhelm IV. sollte nicht nur als späterer König von Preußen Geschichte schreiben, sondern auch im Stadtbild Krefelds Spuren hinterlassen. 1833 besuchte er als Kronprinz die Stadt am Niederrhein, die dank der Seiden- und Samtweberei florierte und aus den von Baumeister Vagedes geplanten Grenzen platzte. Bei der östlichen Erweiterung des Stadtgebiets entstand ein streng geometrisches Quartier, dessen Straßen geprägt vom royalen Besuch Namen aus dem preußischen Königshaus erhielten. Außer der Kronprinzenstraße (heute Philadelphiastraße) gab es Luisen-, Mariannen- und Elisabethstraße, die an Luise von Preußen, Marianne von Oranien-Nassau und Elisabeth von Bayern erinnern. Noch heute heißt der Teil zwischen Rhein- und Hansastraße, zwischen Ostwall und Philadelphiastraße: Kronprinzenviertel.

„Es war einst ein Nobelviertel. Und es ist wieder auf dem Weg dorthin. Seit wir unser Haus saniert haben, ziehen viele Privatinitiativen nach“, sagt Dieter Brenner vom Haus der Seidenkultur (HdS). Seit 150 Jahren steht das Haus an der Luisenstraße 15. Es hat eine wechselvolle Geschichte erlebt, die eng mit der Entwicklung des Stadtteils verbunden ist. Davon erzählt die Ausstellung „150 Jahre im Herzen des Kronprinzenviertels“ zum Jubiläumsjahr, die am Sonntag, 2. Dezember, eröffnet wird.

Auch das ist das Kronprinzenviertel: Elisabethstraße 87-89 nach der Bombennacht 1943. Im Hintergrund ist die Neue Linner Straße. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

1868 hat Gottfried Diepers das Haus mit Wohn- und Geschäftsräumen bauen lassen. Krefeld war damals eine Stadt der Kaufleute und Weber. 55.000 Einwohner und 330 Unternehmen der Seiden- und Samtproduktion gab es damals in Krefeld, 33.000 Handwebstühle klapperten zu jener Zeit. 1908 - vor 110 Jahren - kaufte Hubert Gotzes die Immobilie. Bis 1996 wurden dort noch Paramenten gewebt. Ein goldglänzendes Festtagsgewand in der Ausstellung zeugt noch davon. Es ist ein sogenanntes Brüderchen - eine Kopie eines Gewandes für einen bedeutenden Auftraggeber. Das Original trug Kardinal Meisner.

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Kuratorin Ulrike Denter spannt den Bogen von den Anfängen 1868 in die Gegenwart und zeigt anhand von Dokumenten, historischen Stadtplänen, Zeugnissen aus der Geschichte der Weberei, wie es den Menschen erging, die in diesem Hause gelebt und gearbeitet haben, wie sich die Wirtschaft entwickelte und wie die Familie Gotzes privat lebte.

Dieses Messgewand wurde in Krefeld für Kardinal Meisner gefertigt.⇥Foto: ped Foto: Petra Diederichs

Der Arbeitstag eines Webers dauerte 14 Stunden, für Kinder zwischen neun und 16 Jahren zehn Stunden an sechs Tagen der Woche. In den Websälen wurde mit Öfen geheizt. Im wörtlichen Sinne eine brandgefährliche Angelegenheit. „Obwohl die Gebrüder Puricelli an der benachbarten Mariannenstraße ein Gaswerk betrieben, gibt es keinen Hinweis. dass das Haus  einen Gasanschluss und damit Gaslicht hatte“, berichtet Denter. Die Webstühle standen deshalb am Fenster, wenn das Tageslicht nicht mehr ausreichte, wurden Petroleumlampen und Kerzen angezündet.

1887 zählte Krefeld 100.000 Einwohner und wurde Großstadt. Es gab nur noch 2700 Handwebstühle sowie 10.000 mechanische. Heute gibt es im HdS „den einzigen seit 1668 am Standort erhaltenen Jacquardwebstuhl in Europa“, sagt Brenner stolz. Und schon der ist es wert, dem Haus eine Jubiläumsausstellung zu widmen.

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