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Krefeld - hat "eine Stadt wie Samt und Seide" ausgedient?

Interview mit Ulrich Cloos, Leiter des Krefelder Stadtmarketings : „Stadt wie Bits and Bytes - das wäre geschmacklos“

Der Stadtslogan „Krefeld – Stadt wie Samt und Seide“ sorgt für Diskussionen, wenn es darum geht, Krefeld zu werben.

Über „Samt und Seide“ wird gerade wieder diskutiert. Muss denn nun unser Slogan verändert oder neu entwickelt werden?

Cloos: Natürlich gibt es Städte, die für viel Geld einen sogenannten Markenprozess machen. Dabei geht es oft auch um den Slogan, und da kommen manchmal ziemlich absurde Sachen bei rum. Städte sind doch meist hunderte von Jahren alt. Und man muss sich doch fragen, wie gerade die jetzige Generation auf die Idee kommt, eine Stadt-Marke neu zu erfinden, die längst vorhanden ist. Daran haben doch Generationen vorher erfolgreich gearbeitet. Produkt- und Markenmanager aus der Wirtschaft wissen das zu gut und würden niemals „so mir nichts dir nichts“ eine eingeführte Marke über den Haufen werfen. Aus einem kleinen Teil der Krefelder Wirtschaft kommt die Überlegung, Krefeld brauche einen anderen Slogan. Vor kurzem gab es sogar den Vorschlag, Krefeld „Stadt wie Bits and Bytes“ zu nennen. Ein Slogan muss positiv-emotional sein und eine Geschichte erzählen. Bits and Bytes, das wäre der richtige Slogan für die eiskalten Zeitstehler aus Michael Endes Momo. Diesen Gipfel der Geschmacklosigkeit hat unsere Stadt nun wirklich nicht verdient.

Was ist dann die Botschaft von Stadt wie Samt und Seide?

Cloos: Experimentierfreude, Erfindungsreichtum und selbstbewusste Weltoffenheit. Das sind die Attribute, die unsere Stadt dank Samt und Seide für sich in Anspruch nehmen kann. Ein Beispiel: Nur wegen des großen Bedarfs an Farben in der Samt- und Seidenfertigung konnte sich zum Beispiel die chemische Industrie in Krefeld entwickeln, die bis heute für zahlreiche Erfindungen steht. Aus Krefeld kommen überdurchschnittliche viele Patentanmeldungen. Für diese Eigenschaften durch Samt und Seide lassen sich mühelos weitere Beweise nennen.

Ist das insgesamt eine neue Sicht auf Samt und Seide?

Cloos: Ja, genau. Wir verstehen Samt und Seide nicht wörtlich als Bild für eine Stadt mit Textilgewerbe. Es geht um den Anspruch, die Programmatik, die Haltung. Und dazu haben wir 2015 das Standortmarketing-Konzept „Krefelder Perspektivwechsel“ eingeführt. Alle Projekte im Perspektivwechsel zeigen: Samt und Seide steht für die Attribute kreativ, innovativ, weltoffen. So wie das gerade mit die „Krefelder Laufmasche“ gelungen ist. Und überall, wo ich das in Krefeld erläutere, ernten wir eine Riesen-Zustimmung. Das Potential ist oft gerade da vorhanden, wo es am wenigsten vermutet wird. Mit Projekten wie „Garagen und Hinterhöfe“ laden wir ein, das zu entdecken. Und noch etwas: Der Perspektivwechsel zeigt, dass man nicht erst viel Geld für ein namhaftes Institut ausgeben muss, das erst mühevoll ein kompliziertes Strategiepapier erarbeitet, sondern dass man aus der Stadt heraus den Veränderungsprozess gestalten kann.

Dazu muss die Stadt Krefeld dann auch nicht mehr ein Textilstandort sein?

Cloos: Eine Stadt ist doch kein Branchenbuch. Es geht mit einem Slogan auch nicht darum, ein Wirtschaftscluster zu beschreiben. In Westfalen soll sich vor Jahren mal eine Stadt Poggenpohl-Stadt genannt haben. Das wurde anscheinend schnell korrigiert. Es geht am Ende immer um Atmosphäre, um Strahlkraft, das Zusammenleben, um die Menschen. Stadt ist bunt, Stadt ist vielfältig, Stadt integriert. Und dann ist auch die Wirtschaft mit im Boot, denn nur auf diese Weise werden wir die jungen Menschen in Krefeld haben, ohne die Wirtschaft nicht funktioniert.