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Krefeld: Großartiger Beethoven-Abend im Theater ehrt den Meister

Theater Krefeld : Dreifache Huldigung an Beethoven

Mit einem Beethoven-Abend feiert das Theater den vor 250 Jahren geborenen Jubilar und Großmeister der Wiener Klassik. Dabei wird vorgelesen, musiziert und getanzt. Das Publikum dankt mit begeistertem Applaus.

Als Thomas Mann 1947 seinen letzten großen Roman, „Doktor Faustus“, veröffentlichte, trat er als Autor hinter einen fiktiven Erzähler zurück, der  die Lebensgeschichte des Komponisten Adrian Leverkühn schildert. In epischer Breite und aus allen Rohren bildungsbürgerlicher Gediegenheit feuernd entwickelte Mann einen schwellenden literarischen Strom aus geballtem historischem Wissen. Der Stil des 72-Jährigen war damals schon aus der Zeit gefallen, rückwärtsgewandt. Davon konnten sich die Besucher bei einem Beethoven-Abend im Rheydter Haus des Theaters überzeugen, als Intendant Michael Grosse trotz famoser Aufbietung von Rezitationskunst die aus heutiger Sicht ziemlich schwülstige Überfrachtung der Sprache dieses Romans nicht verbergen konnte. Darin geht es auch um Beethoven. Wie anderswo in dem Roman, für den Thomas Mann sich Expertise bei dem Philosophen Theodor Adorno eingeholt hatte (etwa über die Klarinette), steht Musik im Zentrum, hier ein Vortrag  von Leverkühns Lehrer Wendell Kretzschmar. Sein Thema: Beethovens c-Moll-Klaviersonate op. 111, die finale Krönung seines Schaffens für das Pianoforte.

Nach einer halben Lesestunde waren die Besucher bestens gerüstet, um die folgende Aufführung des so aufwendig analysierten Klangobjekts mit dem zuvor Gehörten abzugleichen. André Parfenov interpretierte die 32. Sonate des vor 250 Jahren geborenen Jubilars, die Beethoven 1822 als sein pianistisches Vermächtnis abschloss, in wesensverwandter Hingabe. Hier wurde es am Flügel im markanten, durchaus schmetterfreudigen Anschlag verlebendigt:  das schroffe, alle ästhetischen Beschränkungen über Bord werfende Genie des Großmeisters der Wiener Klassik. Parfenov hat Beethoven bis in die Tiefen seines von quälendem Hörverlust und gescheiterten Liebesbeziehungen geprägten Wesens verstanden und präsentierte diesen Befund kompromisslos. Der Beethoven-Experte Maurizio Pollini hätte dies nicht weniger dramatisch, wohl etwas geschmeidiger angelegt.

Doch bei der Virtuosität nimmt es der Theater-Pianist Parfenov durchaus mit den Stars auf, das war einmal mehr hörend zu genießen. Und dann brachte er doch noch die andere, die gefühlsselige Seite Beethovens zu Tage, in der Arietta  des gedehnten zweiten Satzes mit ihren filigranen, derb-rustikalen, mal gar auf Jazz-Modelle vorausweisenden Variationen. Am Ende war klar: Hier durfte, nein musste Beethoven auf den üblichen dritten Satz verzichten.

Zum Abschluss kam Beethoven in reinster Emotion zu Wort: Zu dem von Parfenov gespielten Kopfsatz der berühmten Mondscheinsonate tanzten Irene van Dijk und Alessandro Borghesani aus der Ballettcompagnie ein zauberhaftes Pas de deux. Die Szene aus Robert Norths neuer Choreografie „Beethoven!“ trägt den Titel „Giulietta“ und illustriert die Beziehung des Komponisten zu jener  „Unsterblichen Geliebten“, hinter der Zeitgenossen die österreichische Gräfin Giulietta Guicciardi vermuteten. Eine Frau in einem grauen Kleid scheint auf einem Stuhl zu sitzen. Doch als der Tänzer  (Beethoven) sie energisch aus der Sitzposition hebt, fliegt Irene van Dijk in einem weißen Kostüm hoch in die Arme des temperamentvollen Liebhabers. Das graue Kleid bleibt zurück, entpuppt sich als Requisit. Am Ende hockt sich Giulietta wieder in die Anfangsposition, und ein schüchterner, verunsicherter Beethoven trollt sich.  Eine Liaison endet, der Applaus beginnt.