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Krefeld: Gisela Brendle-Vierke reflektiert über das Thema "Das Ideal"

Alter Schulaufsatz : „Man muss sich für Träume ins Zeug legen“

Beim Aufräumen hat Gisela Brendle-Vierke einen Schulaufsatz aus dem Jahr 1965 gefunden. Die häusliche Isolierung während der Corona-Krise bietet Zeit und Gelegenheit, über Ideale von damals und heute zu reflektieren.

Einen Schatz aus vergangenen Zeiten hat Gisela Brendle-Vierke, Bezirksvorsteherin im Südbezirk, in der Schublade einer antiken Kommode wiedergefunden: einen Schulaufsatz aus dem Jahr 1965. „Menschen, denen ich nacheifern möchte“ lautete das Thema, zu dem die damals 17-Jährige ihre Gedanken zu Papier gebracht hat. Jetzt, während die Welt wegen der Corona-Krise stillzustehen scheint, bietet sich die Gelegenheit zur Reflexion über die Frage, was aus den Idealen von damals geworden ist.

Um es direkt vorweg zu nehmen: „Menschen, denen man nacheifern möchte, sind schwer zu finden“. Das ist Brendle-Vierkes Erkenntnis mit 55 Jahren mehr an Lebenserfahrung als zu dem Zeitpunkt im Jahr 1965, als die Schülerin zu diesem Thema ihren Text geschrieben hat. Seinerzeit ging die heute 72-jährige in Bremerhaven zur Handelsschule. „Es ist schwer, alle Vorstellungen die man von ihm (dem Ideal) hat, in einem Menschen vereinigt zu finden“, schrieb die junge Frau damals. „Aber ich hatte gute Gedanken“, sagt sie und lacht.

Brendle-Vierkes Vorstellung von der idealen Persönlichkeit, formuliert 1965: Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, eine eigene Meinung, Geradlinigkeit, Eingeständnis eigener Fehler und Schwächen – und das Lächeln darüber – sowie Vorurteilslosigkeit waren  Werte, die die die junge Frau sich für ihr Ideal wünschte. „Mein Vater, ein einfacher Eisenbahner, hat mich gelehrt, Menschen vorurteilsfrei zu begegnen“, sagt sie. „Du musst erst die Tür aufmachen und schauen, was dahinter ist“, war ein Leitsatz seiner Erziehung, der immer für Brendle-Vierke Gültigkeit hatte. „Ich finde Vorurteile auch heute noch furchtbar“, sagt sie.

Der Aufsatz wurde seinerzeit mit der Note 2+ bewertet. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

„Was mich überrascht, ist, dass mir tatsächlich keine Person einfällt, die all die seinerzeit von mir aufgezählten Werte in sich vereint“, sagt sie nach einiger Überlegung. „Vielleicht ist das aber auch gut. Man muss nicht aufblicken und vor allem nicht zu streng mit sich sein.“ Mit dem Plus von 55 Jahren Lebenserfahrung würde sie der Ideal-Liste heute noch weitere Punkte hinzufügen.

„Man darf zum Beispiel niemals aufhören zu lernen“, sagt sie. Hat sich für die Corona-Zwangspause das Ziel gesetzt, sich in Sachen Online-Kommunikation weiter zu entwickeln. Auch während ihres Berufslebens ist sie mit dieser Strategie gut gefahren, hat sich stetig weitergebildet, die Karriere bei Horten, wo sie Ausbildungsleiterin war, unterbrochen, um noch zu studieren. „Man muss sich die Neugier erhalten  – auf Menschen, auf Informationen – und sich für seine Träume ins Zeug legen, sich selber fordern“, sagt die 72-Jährige, die sich aus eigener Kraft mit ihrem Mann Wohlstand erarbeitet hat und, für die damalige Zeit ungewöhnlich, auch nach der Geburt ihrer Tochter während der Familienphase, weiter gearbeitet hat. „Wenn ich einen Wunsch hatte, habe ich mir überlegt, wie ich einen Weg finden könnte, um dieses Ziel zu erreichen“, erzählt sie und nennt als Beispiel eine Reise nach New York. „Meine Eltern haben mir mit auf den Weg gegeben, für meine Unabhängigkeit zu sorgen.“

An Mitmenschen schätzt sie, das Gefühl zu bekommen, ihnen etwas wert zu sein. „Es ist schön, mit Menschen Zeit zu verbringen, die zuhören. Was ich gar nicht mag, sind Leute, die selbst allzu wichtig nehmen“, sagt Brendle-Vierke. „Was mich auch nervt, ist, wenn Leute um den heißen Brei herum reden. Mir ist ‚Butter bei die Fische’ deutlich lieber.“

Eine positive Grundhaltung zu bewahren sei eine ihrer Stärken. Ihr Mann und Weggefährte, mit dem sie fast 50 Jahre lang zusammen war, ist vor einigen Jahren verstorben. Doch weder sein Tod, noch ein so einschneidendes Ereignis wie die Corona-Krise nehmen Gisela Brendle-Vierke die Lust aufs Leben, die Lust darauf, Neues zu entdecken. „Ich habe noch Zeit für viele weitere Begegnungen und bin gespannt auf das was kommt.“ Denn, sagt sie. Denn: „Das Leben ist spannend.“

Der Aufsatz von 1965 wurde übrigens mit der Note 2+ bewertet.