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Krefeld: Gedenkgottesdienst für Bombenangriff 1943

Krefeld : Gedenken an 1943: Schicksal von Flüchtlingen heute ähnlich bewegend wie das von Bombenopfern damals

Oberbürgermeister Frank Meyer hat bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche zur Erinnerung an die verheerende Bombardierung Krefelds vor 75 Jahren appelliert, das Schicksal der Opfer von damals und das von heutigen Flüchtlingen mit ähnlicher Empathie zu betrachten.

(vo) Eine Projektion an der Wand neben der Kanzel mit einem Foto der zerstörten Innenstadt zeigte eindrücklich, worum es ging: Bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Pauluskirche zur Erinnerung an die verheerende Bombardierung Krefelds vor 75 Jahren hat Oberbürgermeister Frank Meyer appelliert, das Schicksal der Opfer von damals und das von heutigen Flüchtlingen mit ähnlicher Empathie zu betrachten. Er erinnerte an den eineinhalbjährigen Jungen Dieter Kraus, der 1943 ums Leben kam, und an den ertrunkenen kurdischen Jungen Aylan Kurdi, dessen Bild um die Welt ging: „Ich wünsche mir, dass wir uns in Zeiten der politischen Hysterie und der gezielten Tabubrüche einen menschlichen Blick bewahren. Ich wünsche mir, dass der frühe und sinnlose Tod von Dieter Kraus uns genauso bewegt wie der frühe und sinnlose Tod von Aylan Kurdi“ Die NS-Epoche werde nie nur „Vogelschiss“ sein, betonte Meyer unter Anspielung auf eine Bemerkung des AfD-Politikers Alexander Gauland. Niemand könne Dieter Kraus, Aylan Kurdi und Millionen anderer Opfer zurückbringen , aber „wir können dafür sorgen, dass sie nicht umsonst gestorben sind“. Der Gottesdienst wurde von den Pfarrern Ekkehard Roth und Heiner Schmitz sowie Schülern des Moltke-Gymnasiums gestaltet.

Wir dokumentieren seine Rede nach Manuskript; Meyer hat sie so fast wörtlich mit minimalen Änderungen gehalten:

„Am 2. Juli 1943 erschien in den Krefelder Zeitungen eine Todesanzeige – es war eine von ungewöhnlich vielen in jenen Tagen:
Gott, der Herr über Leben und Tod, nahm in der Nacht zum 22. Juni durch den britischen Fliegerangriff auf Krefeld unsere lieben Angehörigen Georg Kraus, 44 Jahre alt, Frau Aenne Kraus, 43 Jahre alt, und die lieben Kleinen Heinz Georg Kraus im Alter von zehn Jahren und Dieter Kraus, 1 ½ Jahre alt, zu sich in sein ewiges Reich. In tiefem Schmerz beugen wir uns dem Willen Gottes. (…) Die Beerdigung hat bereits stattgefunden.

Mir geht der kleine Dieter Kraus nicht mehr aus dem Kopf – er wäre heute 76 Jahre alt. Vielleicht würde er noch in Krefeld leben, seinen Garten pflegen und den Sommer genießen, mit seinen Enkeln spielen, die nun leider nie zur Welt gekommen sind, und auf die Höhen und Tiefen eines Lebens zurückblicken, das er niemals leben durfte. Dieter Kraus, gerade 1 ½ Jahre alt, war einer von 1036 Toten, die den massiven Luftangriffen auf Krefeld in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1943 zum Opfer gefallen sind. Mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt sind in einer einzigen Nacht erstickt, verbrannt und von einstürzenden Mauern erschlagen worden: Es waren vor allem Kinder, Frauen und alte Menschen, denn die meisten Männer waren im Krieg. Die offizielle Statistik zählte am Ende mehr als 9000 teils schwer Verwundete – über 72.000 Krefelderinnen und Krefelder hatten kein Dach mehr über dem Kopf.

In nicht einmal zwei Stunden hatten die Angriffe das Gesicht unserer Stadt für immer verändert: Für die, die am Morgen des 22. Juni 1943 am unversehrten Bahnhof aus dem Zug stiegen, war Krefeld mehr nicht wiederzuerkennen. Überall Rauch, Staub, Trümmer, Verletzte, umherirrende Menschen, ganze Straßenzüge ausgelöscht: Es dauerte Tage, bis man die glühenden Ruinen der Häuser wieder betreten konnte.

Das alles ist heute auf den Tag genau 75 Jahre her: Es war Mittsommer, der längste, hellste Tag des Jahres – und für Krefeld war es der dunkelste Tag der Stadtgeschichte. Es ist wichtig, dass wir uns an diesen Tag erinnern, dass wir der verheerenden Bombennacht gedenken: Das sind wir den Opfern schuldig – wir sind es aber auch uns selbst und unseren Nachkommen schuldig.

Die Fotos und Filmaufnahmen, die Krefeld in den Tagen nach den Luftangriffen zeigen, sind tief erschütternd, aber sie sind nicht einzigartig. Städte, die durch Bomben zu Ruinen werden, beginnen, einander auf seltsame Weise zu gleichen: Es sind nur noch Skelette einer ehemals lebendigen Zivilgesellschaft. Die Bilder aus Krefeld gleichen den Bildern aus niederländischen, englischen oder polnischen Städten, die Hitler bombardieren ließ – und diese Bilder gleichen wiederum den Bildern aus Aleppo, die wir aus den Nachrichten kennen.

Wenn wir heute über Flüchtlinge reden, die dem Krieg entkommen wollen, über ihre möglichen Motive und über ihr Recht auf Asyl, dann dürfen wir dabei auch die Schwarz-Weiß-Bilder aus Krefeld nicht vergessen: Sie erinnern uns daran, dass unsere Großeltern Ähnliches erlebt haben wie die Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Menschliches Elend von sich wegzuschieben nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“, ist unredlich, es für eigene politische Zwecke zu instrumentalisieren, ist zutiefst schäbig.

Ich wünsche mir, dass wir uns in diesen Zeiten der politischen Hysterie und der gezielten Tabubrüche einen menschlichen Blick bewahren. Ich wünsche mir, dass der frühe und sinnlose Tod von Dieter Kraus uns genauso bewegt wie der frühe und sinnlose Tod von Aylan Kurdi.

Aylan Kurdi war zwei Jahre alt, als er im Mittelmeer ertrunken ist und in der Nähe von Bodrum an den Strand gespült wurde: Das Foto seines kleinen Leichnams im roten T-Shirt wurde im September 2015 zum Symbol für das Leid Hunderttausender Flüchtlinge. Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Bild vergessen wird – ebenso wenig, wie wir zulassen dürfen, dass die Krefelder Bombennacht mit ihren Toten je vergessen wird.

Bei dem Gedenken, das wir heute feiern, geht es nicht um Schuld: Es ist vollkommen klar, dass Deutschland kein argloses Opfer war. Es war einzig und allein der Wahn der Nationalsozialisten, der in einer grausamen Logik auf unser Land und unsere Stadt zurückgefallen ist .Aber wenn Bomben zivile Ziele treffen, dann gibt es kein gerechtes Sterben, kein Aufrechnen – es gibt nur unschuldige Opfer und vermeidbares Leid.

Der heutige Gedenkgottesdienst ist für mich Teil einer Erinnerungskultur, die nicht klein beigibt und die nicht zurückweicht: Ich bin froh, dass die Pfarrer Heiner Schmitz und Ekkehard Roth sehr kurzfristig bereit waren, diese Veranstaltung auf meinen Wunsch hin zu organisieren und dass auch Schülerinnen und Schüler vom Moltke-Gymnasium sich aktiv daran beteiligen.

Wer sich wie ihr in der Schule mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus beschäftigt, der versteht sofort – im Gegensatz zu manchen gewählten Mitglieder des Deutschen Bundestages –, dass die Zeit zwischen 1933 und 1945 niemals nur eine historische Anekdote sein wird, und erst recht kein „Vogelschiss“. Wenn ich an diese menschenverachtende Aussage denke und dazu die Fotos betrachte aus Krefeld im Juni 1943 oder auch die Bilder aus Warschau und Auschwitz, dann bin ich fassungslos, wie weit es gekommen ist: Wir dürfen nicht zulassen, dass die Maßstäbe des Anstands und der Würde auf so perfide Weise verschoben werden. Wir müssen dagegen aufstehen und jeglicher Form von Relativierung und Verharmlosung energisch entgegen treten.

Für mich hat der heutige Tag eine Kernbotschaft, die über allem steht und die sich sofort aufdrängt, wenn wir das zerstörte Krefeld vor Augen haben und die Todesanzeige der Familie Kraus lesen.

Diese Botschaft lautet: Nie wieder Krieg!

Krieg kommt nicht ohne Vorwarnung – Krieg beginnt fast unmerklich mit einer Mischung aus Hass, Egoismus, Unmenschlichkeit, Selbstgerechtigkeit, Nationalismus und rücksichtslosem politischem Handeln. Die Anfänge einer solchen Entwicklung zu erkennen und uns dagegen zu wehren – das ist die Lehre, die wir heute aus dem Mittsommertag des Jahres 1943 ziehen können und ziehen müssen.

Niemand kann Dieter Kraus, Aylan Kurdi und Millionen anderer Opfer zurückbringen, aber eines können wir dennoch tun: Wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht umsonst gestorben sind.“