Krefeld: "Em Kontörke" in Linn feiert 150. Geburtstag

Geburtstag eines Traditionsbetriebs : Das Linner „Em Kontörke“ wird 150

Die Zeit ist nicht stehen geblieben in der Linner Gaststätte „Em Kontörke“, die jetzt 150 Jahre im Besitz der Familie Balk ist. Eine junge vierte Generation verbindet selbstbewusste Tradition mit hoher Gastlichkeit und interessanter gutbürgerlicher Küche.

Wenn am heutigen Samstag, 14. September, ab 14 Uhr mit Musik von den Oedingsche Jonges und Willi Mörschbach, einem Bierwagen und Kinderschminken auf der Margarethenstraße in Linn gefeiert wird, dann zelebriert das „Em Kontörke“,  eine der letzten Linner Gaststätten, einen runden Geburtstag. 150 Jahre ist die Gaststätte Balk, wie das „Em Kontörke“ im Volksmund auch genannt wird, nun im Familienbesitz. Ein stolzes Datum, wenn man bedenkt, dass das Überleben der traditionellen Gaststätte hierzulande nicht mehr selbstverständlich ist.

Wer den Gastraum des „Em Kontörke“  betritt, hat das Gefühl, hier sei die Zeit stehen geblieben. Erst auf den zweiten Blick fallen die frischen Farben der Vorhänge ins Auge oder die moderne Theke, in die Stücke der durch Intarsien verzierten Umkleidung der alten Theke eingelassen wurden und der uralten von der Figur eines Schmiedes gekrönten tönernen Zapfanlage hinter dem modernen Bierlauf. Bunte Gemälde an den Wänden des Gastraumes, ein Kachelofen, die alte Registrierkasse und die vielen alten Fotografien, die nicht nur Linner Motive zeigen, kontrastieren mit den braunen Holzverkleidungen und den Holzdielen des gedrungen wirkenden Gastraumes. Auch im Wintergarten, dem Sälchen für größere Feiern, in den die langgestreckte Bundeskegelbahn integriert wurde,  finden sich alte in – und ausländische Werbeplakate, Bilder, Fotos und andere Erinnerungsstücke, die die Balks Generation für Generation gesammelt haben und die vom bürgerlichen Stolz der Gastronomenfamilie zeugen. Gerne sind die Balks bereit, ihren Gästen die Geschichte des einen oder anderen Gegenstandes zu erzählen, die wie die Inneneinrichtung aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts stammen und oft früher im täglichen Gebrauch waren. „Wir haben vor der Übernahme das denkmalgeschützte Haus kernsaniert, wollten aber bei aller Modernisierung das der Tradition verpflichtete Flair des Em Kontörke bewahrt wissen“, erklärt Hausherrin Michaela Balk. Die temperamentvolle gelernte Gastronomin hat fürsorglich den Service im „Em Kontörke“  übernommen, während ihr Mann Hermann-Josef für die Speisekarte verantwortlich zeichnet. Zu einer frischen gutbürgerlichen Küche mit Schnitzeln, Blutwurst und Pfannkuchen tritt eine saisonale Empfehlungskarte. Besonders stolz ist Michaela Balk auf den Teamgeist ihrer Mitarbeiter, die erst den Erfolg der Gaststätte garantierten.

Als seine beiden Schwestern in den Moselort Zell heirateten, aus dem Josef Balks Frau Christel stammte, und es seinen Bruder nach Bayern verschlagen hatte, der schwer erkrankte Vater Josef aber die Gaststätte nicht mehr führen konnte, musste der jüngere Sohn Hermann-Josef als vierte Generation 2012 in den elterlichen Betrieb zurückkehren.  

Fritz Balk war vom Kriegsdienst zurückgestellt worden, musste aber 1942, gedrängt durch einen Erlass der Reichsregierung, das „Em Kontörke“ vom Vater übernehmen, sonst wäre die Konzession erloschen oder  an einen Fremden übertragen worden. Seine Arbeit in der Uerdinger Wagonfabrik musste Fritz Balk neben seiner Tätigkeit als Wirt beibehalten. So führte während des Zweiten Weltkrieges seine Frau Albertine die Gaststätte weiter, zu der auch zwei große Nutzgärten gehörten. Sohn Josef musste mit der ganzen Familie in den Gärten helfen, die für die Versorgung von Gaststätte und Familie äußerst wichtig waren. So konnte er nicht an den Veranstaltungen der Hitlerjugend teilnehmen. Am Ende des Krieges musste das Kontörke die zurückweichenden deutschen Truppen versorgen. Dazu kamen auch die Zwangsarbeiter aus den Niederlanden,  später die Feldküche der amerikanischen Sieger. Danach, noch im Jahre 1945, begann Josef als die dritte Generation der Balks in Geldern mit der Metzgerlehre. Nach seiner Gesellenprüfung wurden die alten Stallungen abgerissen und die Gaststätte weiter ausgebaut. Bald stand einer der ersten Fernseher Linns im Gastraum. 1981 starb Fritz Balk und Sohn Josef wurde sein Nachfolger. 1996 wurden der Wintergarten über der Kegelbahn errichtet und die Toilettenanlagen erneuert. Josef Balk kennen die Linner nur als „De Büjjel“ / Der Bügel. Der hochgewachsene Eishockey- und Handballspieler war nicht gerade für diplomatische Rücksichtnahme bekannt. Seinen Gästen trat er unverstellt entgegen, und als Sportler gehörte er zu denen, die sich durchsetzten, also den Gegner nieder“bügelten“, wie sein Sohn Hermann-Josef erklärt.

Die Ursprünge der Gastwirtschaft „Em Kontörke“ gehen auf das Jahr 1889 zurück, als der Linner Bierbrauer und Organist von St. Margareta seine Frau Christine heiratete. Das Haus in der Margarethenstraße 40 lag am südlichen Ausgang von Linn vor der Steinbrücke. Hier ging die wichtige Verbindung vom Rheinhafen nach Fischeln vorbei. Es war ursprünglich eine Schankwirtschaft mit Kolonialwarenladen. Hier machten die Fuhrleute Pause. Die Pferde erhielten Hafer und Wasser, die Kutscher ein Essen und etwas Kräftigeres zu trinken. Aus den Gesprächen der Reisenden entwickelte sich dann der Name für den Rastplatz, in dem auch zwanglose Geschäftsgespräche geführt wurden: „Em Kontörke“/Im Kontörchen. Der Ausdruck Kontor wurde damals in der Umgangssprache  für Büro verwendet. Seit 70 Jahren macht das „Em Kontörke“ seinem Namen als Wahlbüro für Alt-Linn alle Ehre. Wer  zum Wählen geht, muss das Anflachsen derer ertragen, die beim morgendlichen Bier im Gastraum sitzen, nachdem sie gewählt haben.

Die beliebte Linner Gaststätte an der Margarethenstraße besteht seit 150 Jahren. Am heutigen Samstag wird der runde Geburtstag ausgiebig gefeiert. Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Ob einmal eine fünfte Generation das „Em Kontörke“ führen wird? Hermann-Josef und Michaela Balk lassen dies offen. Sie wollen ihre vier Kinder nicht bevormunden. Vor allem bei den großen Linner Veranstaltungen wie Advents- und Flachsmarkt helfen alle mit. „Wir bemühen uns um einen persönlichen Kontakt zu den Gästen, damit sie sich bei uns heimisch fühlen“, sagt Michaela Balk. „Wir wollen ein Familienbetrieb mit Teamgeist bleiben.“