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Krefeld: Diözesancaritasdirektor Burkard Schröders geht in Ruhestand

Interview Burkard Schröders : „Ich lache und weine mit meiner Kirche“

Der ehemalige Diözesancaritasdirektor im Bistum Aachen, Burkard Schröders, spricht über Armut, Klimawandel und seine Rolle als Interessenvertreter.

Wenn Sie durch die Kommunen im Bistum gehen, wo sehen Sie, dass die Caritas gebraucht wird?

Schröders Dazu muss ich nicht weit gehen. Obdachlose und arme Menschen sind ja überall in der Stadt zu sehen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird nicht kleiner und im Winter in der Kälte fallen Obdachlose noch mehr auf. Es gibt aber weitere Gruppen, um die sich die Caritas kümmert: überforderte Familien, Suchtkranke, Pflegebedürftige, um nur einige zu nennen. „Not sehen und handeln“ ist unser Motto.

Welche sozialen Probleme haben sich während der mehr als zwei Jahrzehnte, in denen Sie Diözesancaritasdirektor waren, ver- oder entschärft?

Schröders Wir leben in einem Sozial- und Rechtsstaat und in unserem Land wird viel für soziale Gerechtigkeit getan. Aber nach wie vor hat unser soziales Netz Löcher, denn der Teufel steckt oft im Detail, und es kann schwierig sein, die notwendige Unterstützung zu bekommen. Das Lebenstempo hat sich in den vergangenen Jahren sehr erhöht. Es kann schneller zum sozialen Abstieg kommen. Wer ins Rutschen kommt, ist schwerer aufzufangen.

Warum?

Schröders Ich glaube, dass die Abläufe in der Gesellschaft früher durchschaubarer waren. Das Tempo ist schneller geworden, der Leistungsdruck höher, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht einfacher. Wir kommen zunehmend an Grenzen, das zeigt uns auch der Klimawandel. Wir müssen innehalten und uns besinnen.

Haben sich die Probleme geändert?

Schröders Nach wie vor ist es wichtig, dass man Menschen frühzeitig stark macht. Wir müssen weiterhin in Kitas und Schulen investieren, damit nicht schon die Kinder benachteiligt werden. Das ist heute vielleicht sogar noch wichtiger als früher, denn junge Eltern sind oft überlastet und können das gesellschaftliche Tempo oft nicht mitgehen.

Sie sprechen von den Kindern. Muss nicht auch die Pflege in den Blick genommen werden?

Schröders Ja, auch in den dritten Lebensabschnitt muss weiterhin investiert werden. Qualitativ hochwertige Pflege ist teuer und die Würde jedes, auch des alten Menschen dürfen wir nie aus dem Blick verlieren. Menschen müssen würdevoll und selbstbestimmt leben können.

Wie wirkt sich die Pandemie aus?

Schröders Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, wie verletzlich Menschen sind und wie sehr wir andere Menschen brauchen. Die Aufmerksamkeit für den Nächsten ist größer geworden. Und wenn wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Blick halten, kann Leben besser gelingen. Aber es ist nicht nur die Pandemie, die uns Grenzen aufzeigt. Auch der Klimawandel fordert uns heraus. Wir müssen behutsamer mit Gottes Schöpfung umgehen.

Glauben Sie, dass es zu dauerhaften Verhaltensänderungen kommen wird?

Schröders Ja, aber wir brauchen langen Atem, ein Umdenken und Verbindlichkeit im Handeln. Nöte mögen verschwinden, aber Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach gelingenden Beziehungen, einem tragfähigen Lebensentwurf bleiben. Darauf müssen sich auch unsere Mitarbeitenden in den Beratungsstellen einstellen. Sie müssen genau hinhören, um hinter Alltagsproblemen elementare Fragestellungen zu erkennen.

Was sagen Sie zu dem Satz „In Deutschland wird viel auf hohem Niveau gejammert und genörgelt. Im Vergleich mit dem Rest der Welt leben wir doch im gelobten Land“?

Schröders Das ist tatsächlich so. Irgendjemand ist immer unzufrieden. Wenn man aber wie ich Partnerorganisationen im Ausland besucht, wird deutlich, was wir hier Gutes haben, auch wenn deshalb nicht alles richtig ist, was in Deutschland passiert. In Sibirien zum Beispiel hat die Caritas ein Partnerprojekt. Wir finanzieren in Omsk einen Ambulanzbus für Obdachlose. Als ich dort war, habe ich erlebt, wie wenig ein Einzelner wert ist. Ein anderes Beispiel: Es werden zwar Gasleitungen in alle Dörfer gelegt, den Anschluss ans Haus mussten aber die Bauern selbst bezahlen, hatten das Geld aber nicht. Armut und Kälte blieben.

In Kitas, Beratungsstellen, Altenheimen, Krankenhäusern und anderen Caritas-Einrichtungen im Bistum Aachen sind fast 34.000 Menschen beschäftigt. Würden Sie widersprechen, wenn man Sie als Konzern-Chef in Kirchendiensten beschriebe?

Schröders Da würde ich allerdings widersprechen, denn die Diözesan-Caritas ist kein Konzern, sondern ein Zusammenschluss von Verbänden, Einrichtungen und Einzelpersonen. Im Caritasverband für das Bistum Aachen, dem Spitzenverband, den ich bis zum Jahresende geleitet habe, sind alle katholischen Dienste und Einrichtungen zusammengeschlossen. Das hat vor allem organisatorische Gründe. Auch Nächstenliebe muss organisiert werden. Außerdem war ich Interessenvertreter der Caritas und als solcher viel unterwegs und habe die Sichtweise der Caritas in politische Entscheidungsprozesse eingebracht.

Warum sind Sie damals Caritasdirektor und nicht Sozialminister geworden?

Schröders Ich lache und weine mit meiner Kirche und schäme mich auch manchmal für sie, aber insgesamt zeigt sie mir einen guten Lebensentwurf auf. Ich wollte immer den sozialen Arm der Kirche mitgestalten und das habe ich getan. Es gab auch mal Rufe in die Politik, denen ich aber nicht folgen wollte.

Hätten Sie in der Politik nicht mehr erreichen können?

Schröders Die Politik macht die Gesetze, aber sie ist auf Beratung angewiesen. Freie Träger wie die Caritas liefern Argumente aus der Praxis und das ist wichtig. Ich war immer zufrieden, wenn wir wirkliche Verbesserungen für die Menschen erreichen konnten.

Als das Bistum 2004 in finanziellen Nöten steckte, mussten Sie in Ihrem Verband wie ein Konzernchef handeln und sparen. Dabei wurden auch Arbeitsplätze abgebaut. Wie sind Sie mit dem Konflikt umgegangen, sozial verantwortungsvoll zu handeln und gleichzeitig Stellen abbauen zu müssen?

Schröders Das war eine schwierige Phase und hat mir auch schlaflose Nächte bereitet. Ja, ich war in der Caritas-Funktion auch Unternehmer und verantwortlich für Mitarbeitende. Wir hatten plötzlich vier Millionen Euro weniger zur Verfügung und mussten die Strukturen anpassen. Wir haben Verwaltung abgebaut und den Spitzenverband verschlankt, um die Präsenz vor Ort zu erhalten. Das ist gelungen, aber ich möchte eine solche Zeit nicht noch mal erleben.

Wie steht es augenblicklich um die Finanzen?

Schröders Die Caritas steht solide da. Ich habe einen geordneten Verband übergeben.

Wäre es aus Ihrer Sicht denn denkbar, aus finanziellen Gründen auf die Caritas zu verzichten?

Schröders Nein, Kirche ohne Caritas geht nicht. Die Caritas gehört in die Mitte der Kirche. Im Bistum Aachen gibt es eine starke diakonische Tradition und wir leisten dazu dauerhaft unseren Beitrag.

Sie sind jetzt im Ruhestand, engagieren Sie sich auf andere Weise?

Schröders Ich möchte erst einmal nach Hause kommen und durchatmen. Ich habe in manchen Jahren allein im Auto 75.000 Kilometer zurückgelegt und hatte rund 130 Übernachtungen auswärts. Mein Wunsch ist, erst einmal zur Ruhe zu kommen. Dann entscheide ich mich sicher für ehrenamtliche Aktivitäten.

Sie sind Mitglied der Gesellschafterversammlung der Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach. Werden Sie dabei bleiben?

Schröders Ich werde weitermachen. Die Kliniken Maria Hilf sind ein großes Werk der Nächstenliebe und bleiben der franziskanischen Tradition verpflichtet. Ich arbeite gern daran mit. Außerdem gehört das Thema Krankenhäuser zu den Schwerpunkten meiner Arbeit und meine Netzwerke stehen.

Sich um Arme und Benachteiligte zu kümmern ist eine Aufgabe, die nie zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden kann, eine echte Sisyphus-Arbeit. Der Philosoph Albert Camus hat seine Betrachtungen über Sisyphus mit dem Satz beendet: „Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Trifft dieser Satz auch auf Burkard Schröders zu?

Schröders Ich würde das lieber „katholisch“ beantworten. Im Blick auf den Menschen in Not kann man Gott erkennen. Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen ist eine zutiefst christliche und sinngebende Aufgabe. Ich würde Glück für mich im Anschluss an meine Berufsjahre heute anders definieren als früher. Ich bin dankbar, dass ich eine sinnvolle Arbeit tun konnte. Ich hatte tolle Mitarbeiter, ohne die ich das alles nicht geschafft hätte.