1. NRW
  2. Städte
  3. Krefeld

Krefeld: Die Wiederentdeckung des Malers Werner Gilles in Bildern aus dem Nachlass

Kunst in Krefeld : Das künstlerische Erbe des Werner Gilles

Er war am Bauhaus Schüler von Lyonel Feininger. Aber im Werk von Werner Gilles ist davon wenig zu sehen. Er war inspiriert von der Natur seiner Wahlheimat Ischia. Der Verein Kunst und Krefeld zeigt Bilder aus dem Nachlass.

Kein Foto ohne Pfeife. Auf jeder Aufnahme aus den privaten Fotoalben seiner Großnichten Iris Kleinheisterkamp-Shore und Petra Kleinheisterkamp-Voigt schmaucht Werner Gilles genüsslich. Lebenskünstler und Genussmensch. Ruhig und gelassen. Aber vielleicht täuschen die Aufnahmen auch. Die meisten entstanden in den 1950er Jahren auf der italienischen Insel Ischia. Hier hatte der Künstler seine Herzensheimat. Hier entstanden auch zahlreiche Gemälde, die derzeit in der „Alten Post“ an der Steinstraße zu sehen sind. Der Verein Kunst und Krefeld, der den Nachlass des Künstlers pflegt, präsentiert frühe und späte Werke von Gilles.

Es ist die Wiederentdeckung eines Künstlers, der in der Nachkriegszeit zu den wichtigen und berühmten Vertretern seiner Zunft galt. Er hat bei der documenta II ausgestellt, die Kunsthalle Hamburg hat in den Sechziger Jahren große Ölbilder  von Gilles erworben. Ab Juni 2021 werden drei seiner Bilder im Bonner Macke-Haus zu sehen sein in der Ausstellung „Italiensehnsucht!“ – neben Werken von August Macke, Max Beckmann, Ewald Mataré und Gilles’ engen Freunden Max Peiffer-Wagenpuhl und Hans Purrmann.

Der Mann mit der Pfeife: Werner Gilles Foto: Lammertz, Thomas (lamm)

Italien und die Sehnsucht – das war das große Thema in Werner Gilles’ Leben, das sehr viel turbulenter verlief als es die Fotografien glauben machen wollen. Vieles in seinem Leben war ein Ringen. Ringen um die eigene Kunstsprache, Ringen um die täglichen Dinge des Lebens. 1894 wurde er in Rheydt als vierter Sohn eines Volksschullehrers geboren. 1901 zog die Familie nach Mühlheim. Mit 20 begann Gilles mit einem Stipendium sein Kunststudium an der Akademie in Kassel.  Er zog als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende nahm er sein Studium wieder auf – allerdings in Weimar: Am Bauhaus war er Schüler von Lyonel Feininger und freundete sich mit Oskar Schlemmer an. Doch die Ästhetik der Neuen Lehre war nicht seine Sache. In seinem Werk finden sich kaum Bezüge.  „Er zeigt eigentlich sogar das Gegenteil von dem, was am Bauhaus gepflegt wurde“, meint Kuratorin Beatrix Vater-Dobberstein. „Eigentlich orientierte er sich mehr am Rheinischen Expressionismus.“

Doch auf diese Beispiele verzichtet die Ausstellung. Ihre Bilder sind von intensiver Farbe. Der Pinsel scheint einer Sehnsucht nach Schönheit und Seele gefolgt zu sein. Italienische Landschaft, Fischerszenen, Felsen, Himmel und Meer, mythologische Themen – und immer wieder Ischia.

„Er war eine rastloser Mensch. Er musste sich erst noch finden. Er hat auch nie gewusst, wo er sich niederlassen sollte“, erzählt Iris Kleinheisterkamp-Shore. Er zog häufig um. „Er litt immer unter Geldnot. Viele Leinwände hat er auf Vorder- und Rückseite bemalt“, berichtet die Großnichte. Die persönlichen Erinnerungen sind blass, Werner Gilles ist bereits 1961 gestorben. Aber ihr Vater war Gilles’ Testamentsvollstrecker, der Großonkel daher in Erzählungen und Bildern präsent. „Er war auch ein sehr genügsamer Mensch, der nicht viel zum Leben brauchte.“ Er habe bescheiden auf Ischia und in München gelebt – vom Verkauf seiner Bilder. „Und von Zuwendungen seiner Künstlerfreunde und Mäzene. Die Annahme einer Lehrtätigkeit hat er immer abgelehnt.“

Vielleicht war ihm vieles am Bauhaus zu dogmatisch. Deutschland, so berichtet es seine Großnichte, sei ihm jedenfalls gesellschaftlich zu eng gewesen. Als er 1930 ein Stipendium der Villa Massimo erhielt muss das ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Rom und Italien  nahmen ihn gefangen. Im Winter 1931 kam er erstmals nach Ischia. Sicherlich war es Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Insel in jedem Jahr für mehrere Monate sein Zuhause. Hier verbrachte er Zeit mit den Fischern von San Angelo und mit seinen Freunden Werner Heldt , Eduard Bargheer und Hans Purrmann. Wenn er in seinem Münchner Wohn-Atelier war, habe er immer gefroren. Deutschland war ihm zu kühl.

„Es ist schade, dass sich auf Ischia heute keine Spuren seines Lebens und Wirkens mehr finden“, meint Petra Kleinheisterkamp-Voigt. Auf der Ostseehalbinsel Darß, wo Gilles ein halbes Jahr verbracht hat, gebe es immerhin eine Gedenktafel.

In der Alten Post ist Gelegenheit, Werner Gilles über seine Bilder nahe zu kommen. Gilles’ Befreiung vom Gegenständlichen, die Metamorphose von Landschaft in flächige Muster, die Suche nach einem neuen Rhythmus in der Abstraktion sind sehenswert. Und die Schau verweist auch auf Gilles’ zweites großes Thema: die Mythologie der Antike und die Auseinandersetzung mit der christlichen Kultur. Die „Orpheus“-Bilder aus den späten 40er Jahren sind ein beredtes Zeugnis davon.